Verunsichert und angezählt

Erneut schickt Raphael Wicky sein Team mit einer neuen Grundordnung auf das Feld. Stabilität gibt das einem FC Basel nicht, der verunsichert wirkt wie seit Jahren nicht mehr.

Elf Punkte aus acht Spielen – Raphael Wickys Ausbeute genügt den Ansprüchen des FC Basel nicht. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Anfang September schickte der FC Lausanne-Sport eine Nachricht an die Adresse der Super-League-Vereine: Gegen den FC Basel, dieses Team, das während Jahren die Aura des beinahe Unbesiegbaren umgab, sind Punkte kein Ding der Unmöglichkeit. 

Eine Runde später fügte der FC St. Gallen dieser Nachricht das nächste Kapitel hinzu. So verunsichert, wie der FCB in der ersten Halbzeit gegen die Espen auftrat, hat man die Basler zum letzten Mal auswärts in London gesehen. In der Champions League, gegen ein Arsenal in blendender Form.

Gegen St. Gallen kam kaum ein Basler auf sein normales Leistungslevel. Spielern mit grösstem Potenzial wie Manuel Akanji unterliefen grobe Fehler, erfahrenen Akteuren wie Taulant Xhaka ebenfalls. «Es sind Fehler von Spielern, die sonst sehr wenige Fehler machen. Das gibt der Mannschaft keine Sicherheit», sagt Raphael Wicky. «Total enttäuschend» war diese erste Halbzeit für den Trainer, der elf Punkte aus acht Spielen gewann und gegen aussen Haltung bewahrt. In ihm drin sieht es mutmasslich anders aus.

Michael Lang: «Viele Spieler erleben das zum ersten Mal.»

Der Trainer ist in seiner Premierensaison konfrontiert mit einer Situation, die der FCB jahrelang nicht mehr kannte. Michael Lang sagt: «Viele Spieler erleben das zum ersten Mal», und spricht vom «Druck des Vereins und der Fans». Der Unmut des Anhangs ist spürbar, in den Strassen Basels, in den sozialen Medien. Und die Presse begeht den gleichen Weg der Kritik, die bereits vor dem Ende des ersten Viertels der Meisterschaft das Kleid der Schonungslosigkeit trägt.

Die «Basler Zeitung» titelt «Die FCB-Krise verschärft sich» und schliesst mit dem Satz: «Der mediale Trommelwirbel ist den rotblauen Seriensiegern der letzten Jahre gewiss.» Der «Blick» schreibt vom «Zerfall des FC Basel» und die NZZ erkennt beim Meister «Defizite, die man selten gesehen hat». Damit muss ein Jungtrainer wie Wicky umgehen. Damit muss Marco Streller umgehen, der zum ersten Mal das Amt eines Sportchefs bekleidet.

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Streller steht an der Spitze der sportlichen Leitung, die Wicky ein Kader zur Verfügung stellt, das Ausfälle von Stammspielern nur schwer verkraftet. Das macht die 1:2-Niederlage in St. Gallen deutlich. Mit Marek Suchy und Eder Balanta fehlten zwei Innenverteidiger, Wicky setzte statt auf den nominellen Innenverteidiger Pedro Pacheco lieber auf Michael Lang. Mit der Konsequenz, dass auf der rechten Abwehrseite Omar Gaber auflief und mit einer Leistung abfiel, die selbst moderaten Ansprüchen nicht genügt.

Manuel Akanji (links) ist einer der fehlerhaften Basler gegen den FC St. Gallen (hier mit Albian Ajeti).

Vier verschiedene Grundordnungen in elf Spielen

Zudem schickte Wicky sein Team zum ersten Mal in einer 4-4-2-Grundordnung auf den Platz. In elf Spielen kommt der FCB damit auf vier verschiedene Grundordnungen, zudem stellt Wicky die Mannschaft immer wieder während der Partien um. Die Verunsicherung führt der Trainer auch darauf zurück, dass «wir so noch nie zusammengespielt haben», wie er sagt. Für Manuel Akanji sind die Umstellungen keine Schwierigkeit, «das ist eher für den Gegner ein Problem». Man darf dem Verteidiger insofern recht geben, als der FCB in der zweiten Halbzeit nach der Umstellung auf ein 3-4-3 tatsächlich besser ins Spiel kam und – zu spät – den Anschlusstreffer erzielte.

Trotzdem ist es fraglich, ob einem Team, das augenscheinlich verunsichert ist, mit regelmässigen Umstellungen geholfen ist. Am Samstag spielt der FCB zu Hause gegen den FC Zürich (19 Uhr). Für den Klassiker kehrt Marek Suchy ins Team zurück. Da Balanta nach seinem Aussetzer im Spiel gegen Lausanne weitere drei Spiele gesperrt ist, wird Wicky kaum auf die bewährte Dreierkette setzen können, ausser er schenkt wider Erwarten Pedro Pacheco doch noch sein Vertrauen. Wahrscheinlicher ist, dass Wicky Lang wieder auf die Seite beordern und Suchy und Akanji im Zentrum spielen lassen wird.

Auch der FCZ wartet seit vier Spielen auf einen Sieg

Enttäuschung und Ratlosigkeit bei Luca Zuffi.

Das erste Duell nach Zürichs Gastjahr in der Challenge League hat angesichts der Basler Resultate an Brisanz gewonnen. Dazu kommt, dass auch der FCZ seit vier Spielen auf einen Sieg wartet. Das 1:1 gegen den FC Lausanne-Sport war am Mittwoch das vierte Unentschieden in Serie. In vier Spielen haben die Zürcher zuletzt gerade mal drei Tore erzielt – ein gutes Zeichen für einen angezählten FC Basel, dem inzwischen nicht nur die offensive Kreativpause zu schaffen macht, sondern auch eine Abwehr, die weit weg ist von den beinahe unantastbaren Sphären, in denen sie sich in den letzten Jahren bewegte.

Und während sich in Basel Häme über den grossen FCB ergiesst, hat der Schweizer Fussball, was er sich sehnlichst gewünscht hat: eine spannende Meisterschaft mit Spielen, deren Resultate so unvorhersehbar wie lange nicht mehr sind.

Konversation

  1. Einfach spielen lassen. War von Anfang an klar-Pippi hat es ja erwähnt-dass sie untendurch müssen. Raffi weiter so.

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  2. Was passiert in einem Unternehmen, wenn die wichtigsten Köpfe, die Entscheidungsträger alle miteinander das Unternehmen verlassen (müssen)? Und zudem die aktiven Angestellten nur an ihr eigenes Wohl und Weiterkommen denken? (Taulant und Davide vielleicht ausgenommen)

    Streller und Wicky sollen nun aus diesen Angestellten eine verschworene Gemeinschaft formen, damit diese wieder einen ansehnlichen Fussball spielen, wie z.B. in Manchester, wird gefordert.

    Für Pipi und Raffi eine äusserst schwierige Aufgabe. Denn zugleich bläst ihnen – wie bereits in der TaWo formuliert – ein eisiger Wind und Häme entgegen. Zudem haben die Spieler die Situation noch nicht begriffen, auf jeden Fall in St. Gallen noch nicht. Vielleicht am Samstag? Denn die Spieler können nicht innerhalb eines Monats fast alle Qualitäten verloren haben.

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  3. Immerhin darf man feststellen, dass «die Jungen» allesamt von Wicky ausgebildet worden sind.

    Es ist deshalb anzunehmen, dass Wicky sehr genau weiss, wieviel «Qualität» da in sein Kader gekommen ist (ob es auch seine «Vorgesetzten» wissen, das steht auf einem anderen Blatt).

    Alles in allem ist es bereits zu spät: Kaderkorrekturen können (vorausgesetzt sie werden vom Video-Verleiher überhaupt bewilligt) erst in der Winterpause vorgenommen werden.

    Es ist tatsächlich ein beängstigendes Beispiel: Der «FC Bayern der Schweiz» hat sich freiwillig und ohne Not zum «HSV der Schweiz» gemacht.

    Das soll mal einer «vernünftig» erklären.

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