«Wir haben unser Lehrjahr gehabt»

Wenige Stunden nach dem Saisonende im St.-Jakob-Park zieht die Führung des FC Basel Bilanz. Sportchef Marco Streller räumt ein, dass der Umbruch zu radikal war, und will am liebsten keinen Leistungsträger mehr abgeben. Präsident Bernhard Burgener sorgt sich um rückläufige Zuschauerzahlen, und Trainer Raphael Wicky darf sich auf Zdravko Kuzmanovic freuen.

Die Führung um Präsident Bernhard Burgener und Marco Streller senden ein klares Signal an den Trainer Raphael Wicky (links): Der FCB will mit möglichst wenigen Wechseln im Kader in die neue Saison gehen.

Den späten Abend des letzten Saisonspiels haben die Mannschaft des FC Basel und Mitarbeiter der Geschäftsstelle an gewohnter Stelle in einem Innenstadtlokal ausklingen lassen. Nur eben dieses Mal ohne Trophäen im Gepäck. Ohne Umweg über den Barfüsserplatz. Und ohne die Euphorie vergangener Jahre, wie Marco Streller von einer Nacht berichtet, an deren Anschluss sich die Spieler in die Ferien zerstreuten.

Ein paar Stunden später haben die Verantwortlichen bei einer Medienzusammenkunft ihr Fazit der ersten Saison nach dem Führungswechsel gezogen. Es lässt sich auf zwei Formeln verkürzen: Man steht mit leeren Händen da, aber nicht alles war schlecht. Und angestachelt von dem titellosen Jahr will der FCB nächste Saison wieder eine Macht sein.

«Vielleicht hat es gut getan, zu merken, dass es nicht selbstverständlich ist, den Titel zu gewinnen.»


FCB-Sportchef Marco Streller

Nur knapp vier Wochen sind es, ehe Raphael Wicky die Mannschaft am 14. Juni wieder zum Trainingsstart erwartet. Der Cheftrainer selbst wird bis Pfingstmontag eine zweitägige Klausur mit seinem Stab abhalten, ehe er sich für drei Wochen in die Ferien nach Hawaii verabschiedet.

Und weil er sich als «Mann der verzögerten Emotionen» bezeichnet, befürchtet er, dass es nun seine Freundin wird aushalten müssen, wenn die Enttäuschung im Urlaub noch einmal hochkommen wird. «Das tut mir jetzt eigentlich viel mehr weh als damals, als die Meisterschaft von YB feststand», sagt Wicky, «ich habe meine Hauptmission nicht erfüllt und das sackt jetzt langsam. Aber was passiert ist, löst in mir, bei meinem Staff und auch in der Mannschaft einen unglaublichen Hunger aus.»

Streller geht es da nicht gross anders, auch für ihn war es «sehr schmerzhaft», der Sportdirektor glaubt aber auch an eine reinigende Wirkung der titellosen Saison: «Ich spüre es im Umfeld des FC Basel und im Stadion: Jetzt wollen wir das zurückholen. Und vielleicht hat es gut getan, zu merken, dass es nicht selbstverständlich ist, den Titel zu gewinnen.»

Lachendes Auge und eine Träne beim Präsidenten

Die Ursachen dafür sind längst festgemacht: an einem Kontrahenten, der keine Schwächen zeigte und am Pfingstsonntag in Bern ein rauschendes Fest gefeiert hat, und an den hausgemachten Gründen in Basel. Streller räumt ein, dass es «vielleicht zu radikal» war, alle Vorgaben des neuen Konzepts – verkleinern, verjüngen, verbaslern – gleich im ersten Jahr umsetzen zu wollen: «Vielleicht haben wir das unterschätzt. Wir haben unser Lehrjahr gehabt, wir haben uns den Kopf angeschlagen, aber wir ziehen das durch. Man kann nicht beim ersten Gegenwind umfallen.»

FCB-Präsident Bernhard Burgener: «Niederlagen gehören dazu, und aus denen muss man lernen.»

Den Rücken gestärkt bekommt die sportliche Leitung um Streller und Wicky von FCB-Präsident Bernhard Burgener: «Ich sehe es mit einem lachenden Auge, weil 80 Prozent unserer Ziele erfüllt wurden, und mit einer Träne im Auge, weil wir nur Zweiter geworden sind und auch den Cupfinal verpasst haben. Aber wir sind in der Unterhaltungswelt tätig. Da gehören Niederlagen dazu, und aus denen muss man lernen.»

Wicky will den FCB wieder zur Heimmacht aufbauen

Wenn Burgener über etwas besorgt ist, dann sind es die weiter rückläufigen Zuschauerzahlen bei den Heimspielen, die unter die 26’000-Marke gefallen sind. Der Mehrheitsaktionär hat einen Schnitt von 25’465 ermittelt: «Wir sind da in der Schweizer Liga – abgesehen von YB – keine Ausnahme, aber wir müssen einen Weg finden, damit wieder mehr Fans, mehr Zuschauer aus der Region ins Stadion kommen.»

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Sein Cheftrainer hat da schon ein Idee: «Wir haben gegen Lausanne, Lugano und St. Gallen in drei Heimspielen neun Punkte verloren gegen Teams, gegen die man einfach nicht daheim verlieren sollte, wenn man oben stehen will. Das muss sich und das will ich ändern, damit wir wieder eine Macht sind im eigenen Stadion.»

Der Goalie bleibt Vaclik

Eine der wichtigsten Lehren aus dem ersten Jahr hatte Wicky bereits Anfang Mai in einem Interview mit der TagesWoche formuliert: «Ich will im Sommer so wenig Wechsel wie möglich.» Darüber herrscht auch eine Stufe über Wicky Konsens, denn Streller sagt: «Wir wollen versuchen, das Kader so gut wie möglich zusammenzuhalten.» Damit meint die sportliche Leitung vor allem möglichst wenige Abgänge in einem Kader, in dem das Gros der Spieler langjährige Verträge bis 2021 oder 2022 besitzt.

FCB-Sportchef Marco Streller über Mohamed Elyounoussi: «Wir wollen ihn behalten.»

Mohamed Elyounoussi ist als bester Basler Scorer zum Gesicht drohender Abgänge geworden. Streller sagt aber: «Wir wollen ihn behalten.» Doch der Sportchef weiss auch: «Wenn ein entsprechendes Angebot kommt, dann reagieren wir. Das ist mit dem Präsidenten abgesprochen.» Gleiches gilt auch für Tomas Vaclik, über den Streller sagt: «Tomas wird nächste Saison unser Goalie sein.»

Hinter dem Tschechen, zusammen mit Taulant Xhaka, Luca Zuffi und Landsmann Marek Suchy dienstältester Basler, muss sich die sportliche Leitung eine neue Nummer 2 suchen, denn Mirko Salvis Vertrag läuft aus. Er wechselt offenbar zu den Grasshoppers. Eine Möglichkeit für diese Planstelle ist der Serbe Djordje Nikolic, der in Thun einen Leihvertrag bis Ende nächster Saison hat.

Kuzmanovic ist eine Option im Mittelfeld

Zum FC Basel zurückkehren wird Zdravko Kuzmanovic, zumindest zum Trainingsauftakt am 14. Juni. Und wenn im vergangenen Sommer wenige erstaunt waren, dass der heute 30-jährige Mittelfeldspieler sich gleich wieder nach Spanien ausleihen liess, so deutet sich an, dass er in der Saison 2018/19 tatsächlich eine Rolle beim FCB spielen könnte.

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Streller sagt über Kuzmanovic: «Er ist ein hochinteressanter Fussballer mit unglaublichen Qualitäten für das vertikale Spiel von Raphael Wicky. Und einer grossen Persönlichkeit. Wir können uns gut vorstellen, mit ihm in die neue Saison zu gehen.» Weil Wicky mit Fabian Frei in erster Linie als Innenverteidiger und weniger als Mittelfeldspieler plant, wird im Zentrum ein Platz frei, den Kuzmanovic übernehmen könnte.

FCB-Trainer Raphael Wicky arbeitet zum Saisonstart wieder mit Zdravko Kuzmanovic zusammen, der möglicherweise eine Option für das Mittelfeld sein wird. 

Im Sturm will der FCB auf Torschützenkönig Albian Ajeti und den Holländer Ricky van Wolfswinkel setzen. «Selbstverständlich werden die beiden bei uns bleiben», sagt Streller und erteilte Spekulationen über einen Abgang van Wolfswinkels eine klare Absage und lobt den 21-jährigen Torschützenkönig Ajeti: «Es ist bewundernswert, wie weit Albian in seinem Alter ist, das war ich als Spieler nicht. Zudem haben er und Ricky ein super Verhältnis untereinander.»

Transferfenster bis am 31. August offen

Streller ist sicher, dass «wir eine gute Truppe haben werden, wenn es losgeht». Zumal es laut Präsident Burgener keine Anfragen für Spieler gibt. Doch internationale Transfers sind bis am 31. August möglich und es steht eine Weltmeisterschaft an, die nochmals gehörig Bewegung in den Transfermarkt bringen dürfte.

Wie immer gilt in Basel also, dass es im Kader noch zu Mutationen kommen kann, wenn längst die ersten Wettbewerbspartien gespielt sind und der FCB weiss, ob er in der Champions League, der Europa League oder gar nicht europäisch spielen wird.

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