Der 92-Jährige und sein verzweifelter Kampf um 16 Bäume

Auf dem Bruderholz werden drei neue Mehrfamilienhäuser gebaut. 16 geschützte Bäume müssen dafür weichen. Heinrich Gohl versuchte, das Malheur zu verhindern. Er scheiterte, weil ihn die Kraft verliess.

Heinrich Gohl in seinem Wohnzimmer an der Arabienstrasse: Er ist am Boden zerstört, dass die Bäume gefällt werden sollen.

Heinrich Gohls Stimme zittert. Er hält inne, senkt seinen Kopf und wischt sich Tränen aus den Augen.

Gohl hat mit seinen 92 Jahren, stets getrieben von der Liebe zu Wäldern, schon viel gesehen und erlebt. Er war für ein Jahr in den Wäldern Afrikas, er lebte sechs Monate in den Wildnissen Alaskas, er liess sich dort tagelang mit dem Kanu auf dem menschenleeren Yukon treiben und begegnete Grizzlybären in den Urwäldern der Bergkette Brooks Range.

Seine Reisen waren stets erfüllend, hin und wieder auch gefährlich. So stürzte der Naturfotograf bei Flugaufnahmen über den Wäldern von Alaska mit dem Buschflugzeug ab, überlebte jedoch wie durch ein Wunder.

Aber das, was sich bald vor seiner Haustüre abspielen wird, das wird Gohl nicht überleben. Davon ist er zumindest überzeugt. «Ich muss mich einfach dagegen wehren. Ich kann mich nicht mein ganzes Leben lang für Bäume einsetzen und dann, wenn sich etwas derart Tragisches vor meiner Haustüre abspielt, einfach tatenlos zusehen.»

Die Bäume stören den Bauherrn

Wir sitzen im Wohnzimmer seines schmucken Hauses an der Arabienstrasse auf dem Bruderholz. Hier lebt er seit 36 Jahren mit seiner Frau, hier haben sie ihre beiden Kinder grossgezogen, hier hat er seine gemeinnützige Stiftung «Wald-Klima-Umwelt» gegründet. Die beiden Fenster in Gohls Stube sind überdimensional gross, der Blick auf die vielen Bäume wirkt beruhigend. Noch. Denn lange werden sie nicht mehr dort stehen. Von den 21 geschützten Bäumen sollen 16 gefällt werden, sie stören den Bauherren bei der Verwirklichung seines Projektes.

Auf der über 3000 Quadratmeter grossen Parzelle gegenüber von Gohls Haus sind drei Mehrfamilienhäuser mit je sechs Eigentumswohnungen geplant. Vor zwei Jahren gehörte die Parzelle am Oberen Batterieweg 56/Oscar Frey-Strasse 7 und 9 noch einer wohlhabenden Frau, die dort in einer alten Villa lebte. Nach ihrem Tod wurde das Areal verkauft.

Nun baut die Batiba AG zusammen mit Ferrara Architekten bis im Frühling 2020 insgesamt 18 Wohnungen auf der Parzelle. Massgeblich für das Projekt verantwortlich ist Patrick Dreyfus, Delegierter des Verwaltungsrats und ehemaliger CEO des Lichtunternehmens Regent AG. Dreyfus ist auch Investor des Luxusprojektes «Johannshof» mit 32 Eigentumswohnungen an der Vogesenstrasse.

18 neue Eigentumswohnungen werden auf dem Bruderholz bis Frühling 2020 gebaut.

Das Areal auf dem Bruderholz ist neben den 21 geschützten Bäumen (darunter eine Wildbirne, eine Esche, ein Riesen-Lebensbaum, eine Pyramidenpappel und eine Hänge-Birke) mit Wildhecken, einheimischen Gehölzen, Ziergehölze und einer grossflächigen Wiese begrünt. Der Kanton bezeichnet diese Wiese als «wertvoll», sie befindet sich auch im Inventar der schützenswerten Naturobjekte.

Gohls Vorschlag: Statt drei nur zwei neue Häuser

Gohl erinnert sich noch ganz genau an den Tag, der sein Leben veränderte. Vor rund einem Jahr stellte Dreyfus sein Neubauprojekt erstmals persönlich in der Nachbarschaft vor. Gohl erfuhr so, dass dafür die Bäume gefällt sowie ein Teil der Wildhecken und der Wiesenfläche entfernt werden müssen. Gohl war aufgebracht. «Es geht mir einzig um die Bäume, nicht um mich», sagt er.

Damals war er noch zuversichtlich, dass das öffentliche Interesse am Erhalt der Bäume doch gross genug sein müsste.

Insgesamt gab es drei Anwohner-Informationsveranstaltungen mit dem Projektverantwortlichen. Gohl versuchte hartnäckig, das Fällen der Bäume zu verhindern. «An der letzten Informationsversammlung vor der Baupublikation des Projekts schlug ich vor, dass man statt drei neuen Mehrfamilienhäusern doch nur zwei bauen und die bestehende Villa nicht abreissen solle. So könnten immerhin 15 der 16 Bäume gerettet werden.» Dreyfus habe von seinem Vorschlag aber nichts wissen wollen.

Also nahm Gohl den formellen Weg. Als das Baugesuch für das Projekt Ende November 2017 veröffentlicht wurde, reichte er zusammen mit elf weiteren Anwohnern Einsprache gegen das Vorhaben ein. Damals war er noch zuversichtlich, dass das öffentliche Interesse am Erhalt der Bäume doch gross genug sein müsste.

«Adäquate Vorschläge für den Baumersatz»

Doch vor knapp anderthalb Monaten erhielt Gohl einen negativen Bescheid. Seither versteht er die Welt nicht mehr: Das Bau- und Gastgewerbeinspektorat wies alle Einsprachen ab und bewilligte das Bauvorhaben. Das Projekt sei sowohl der Baumschutzkommission (BSK) als auch der Kantonalen Natur- und Landschaftsschutzkommission vorgelegt worden, heisst es. Und diese kamen gemäss Einspracheentscheid, welcher der TagesWoche vorliegt, unter anderem zu folgendem Schluss:

«Die BSK bedauert, dass so ein grosses Baumvolumen zugunsten der drei Wohnhäuser beseitigt werden soll, erkennt aber auch die Bestrebungen der Planer, wieder einen bedeutenden Baumbestand aufzubauen und das Areal auch ökologisch aufzuwerten. Beim vorliegenden Projekt hat die BSK den Eindruck, dass zwar der Baumbestand verloren geht, die Projektverantwortlichen jedoch adäquate Vorschläge für den Baumersatz gemacht haben. Um mehr Bäume zu erhalten, müsste das Bauprojekt deutlich redimensioniert werden, was nach Meinung der BSK unverhältnismässig wäre.»

Im August werden 16 der 21 Bäume gefällt.

Für Gohl ist dieser Entscheid nicht nachvollziehbar, aus Prinzip nicht: «Es handelt sich um geschützte Bäume und eine Wiese, die sich im Inventar der schützenswerten Naturobjekte befindet. Das öffentliche Interesse am Erhalt der Bäume sowie dem unentbehrlichen Lebensraum für unsere Tierwelt muss gegenüber Renditeüberlegungen eines Investors doch um ein Vielfaches überwiegen», sagt Gohl. Zudem seien die geplanten Ersatzpflanzungen des Bauherren nicht mit dem jetzigen Bestand vergleichbar. Die neuen Bäume hätten ausserdem zu wenig Platz, um sich entfalten zu können.

Ein Baumliebhaber mit Kämpferherz

Um nachzuvollziehen, dass Heinrich Gohl nicht einfach ein frustrierter Anwohner ist, der sich gegen die Verdichtung vor seiner Haustüre wehrt, hilft ein Blick in seine Biografie. Gohl pflegt eine sehr innige Beziehung zu Bäumen: Seit Jahrzehnten fotografiert der gelernte Innenarchitekt unberührte Naturlandschaften, insbesondere Wälder und Bäume. Er ist Initiant und Kurator der Ausstellung «Wälder der Erde», die 2007 in der Fondation Beyeler und anschliessend in Museen in Europa, Amerika und Asien gezeigt wurde. Gohl hat über 20 Bücher in neun Sprachen über Bäume und Wälder veröffentlicht, darunter das Buch «Die Rede der Bäume». «Mir sind Bäume ein grosses Anliegen», sagt er und lässt keinen Zweifel an dieser Aussage.

«Ich stellte fest, dass ich das nicht kann, dass ich dem Kampf psychisch nicht gewachsen bin.»

Heinrich Gohl, Naturfotograf

Nach dem negativen Einspracheentscheid war Gohls erster Gedanke deshalb, «dass ich mich bis vor das Bundesgericht gegen die Fällung der Bäume wehren werde. Ich reichte Rekurs gegen den Entscheid ein.»


Gohl, der mit seinen 92 Jahren noch fit wirkt, hält wieder inne. Er erzählt, dass die Zeit des Rekurses eine schwierige Zeit für ihn gewesen sei und er nicht mehr habe schlafen können. Er nimmt ein Taschentuch hervor, schweigt. «Ich zog den Rekurs dann wieder zurück. Ich stellte fest, dass ich das nicht kann, dass ich dem Kampf psychisch nicht gewachsen bin.»

Gohl hat keine Hoffnung mehr, dass das Fällen der 16 Bäume noch irgendwie verhindert werden kann. «Dennoch finde ich es wichtig, dass die Geschichte öffentlich wird. Was nützt uns ein Baumschutzgesetz des Kantons, wenn es für private Interessen derart umgangen werden kann?»

Trotz neuer Bäume am Boden zerstört

Warum konnte der Investor sein Projekt nicht so planen, dass weniger geschützte Bäume gefällt werden müssen? Patrick Dreyfus weilt derzeit in den Ferien und ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar, er stellte aber Kontakt her zum zuständigen Architekten Giovanni Ferrara.

Ferrara sagt, dass der Bauherr auf viele Inputs aus der Nachbarschaft eingegangen sei und rund 750’000 Franken in die Umgebung investiere. «Wir hätten die Möglichkeit gehabt, die drei Mehrfamilienhäuser grösser zu bauen. Stattdessen verzichtet der Bauherr zugunsten der Umgebung auf rund 20 Prozent der möglichen Nutzung.» Zudem habe man mit einem Landschaftsarchitekten und Biologen genau abgeklärt, welche Bäume sinnvoll erhalten werden können.


Auch die geplanten Ersatzpflanzungen, die bei Fällungen von bestehenden Bäumen von Gesetzes wegen nötig werden, sind laut Ferrara optimal. Es würden neue Bäume der Sorten Waldföhre, Elsbeere und Feldahorn gepflanzt. «Es handelt sich um Bäume, die einheimisch und ökologisch wertvoll sind. Die neuen Bäume sind behutsam dort geplant, wo keine Einstellhalle steht – daher können sie ihr Wurzelwerk bis in die Tiefe schlagen», sagt Ferrara. «Wir haben grössten Wert auf den verantwortungsbewussten Umgang mit der Bepflanzung im Rahmen eines architektonischen Gesamtkonzeptes gelegt.»

Wann die Bäume genau gefällt werden, weiss Ferrara noch nicht, aber «wohl im Verlauf des Monats August».

Heinrich Gohl wird am Tag der Baumfällung nicht zu Hause sein. «Es würde mich zerreissen, zusehen zu müssen, wie diese Bäume gefällt werden. Das halte ich nicht aus», sagt er und blickt aus dem Fenster zu den Bäumen.

Oft wird er dies nicht mehr tun können. Gohl ist am Boden zerstört. In seinem Buch «Die Rede der Bäume» schrieb er einst: «Es führt uns kein Weg an den Bäumen vorbei, sind wir doch unauflösbar mit ihnen verbunden. Wenn es die Bäume und Wälder nicht mehr gibt, ist auch unser Überleben infrage gestellt.»

https://tageswoche.ch/politik/warum-basel-immer-mehr-baeume-verschwinden/

Konversation

  1. Ist doch in der heutigen Zeit nicht weiter erstaunlich, dass alte schützenswerte Bäume Grossüberbauungen usw. Platz machen müssen. Die Baumschutzverodnung Basel-Stadt lässt das mit der Ersatzmöglichkeit ja immer zu. Schutzwürdige Bäume sind nur solange schutzwürdig, bis der erste mit dem schnöden Mammon winkt! Schaut man sich all die schönen formuliertenNaturschutzgesetze an, so sind die unter dem Strich nur Makulatur, denn mit den Totschlag-Argumenten Verdichtung, immer mehr Leute, Privateigentum usw., kann man die alte gewachsenen Baumstuktur immer wegbomben. Bäume, Hecken usw. sind war Ersatzpflichtig, doch schaut man sich nach solchen Überbauungen die Umgebungsgestaltung und Ersatzmassnahmen an, hat das mit der eigentliche Absicht der Förderung der Tier- und Pflanzenwelt nach den Naturschutzgesetzen nicht viel gemeinsam. Pseudo-Bepflanzunzen trifft man dann an, ausgestaltet von Landschaftsarchitekten denen es an Pflanzenkenntnis mangelt. Das Lebewesen Baum ist heutzutagen „nur“ noch Gestaltungselement und wird nicht mehr als das war genommen, was er eigentlich ist! In Zeiten des Klimawandels, sollte man eigentlich alle alten Bäume stehen lassen und viel mehr neue noch pflanzen. Warum allgemein die Architekten bei solchen Überbauung nicht die Natur einbinden können, auch Bäume, ist ein grosses Manko unserer Zeit und sollte eigentlich Standard sein!

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  2. Der Kapitalismus macht halt aus allem Geld, weil er nichts anderes kann: Beim Kölner Dom und dem Eiffelturm in Paris wäre es einfach etwas mehr, bei der Natur halt einiges weniger.
    Andere Werte sind dem Kapitalismus leider unbekannt. Dem scheint sich auch eine kapitalistisch orientierte Stadt wie Basel zu beugen zu haben!

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    1. Herr Cesna, Sie machen es sich etwas zu einfach. Sie schimpfen los ohne Respekt vor bestehenden Lösungen und alternativen Möglichkeiten. Wie wäre denn ihre kapitalismusfreie Welt gestaltet? Gäbe es da keine Eigentum, keine Märkte, kein Geld? Könnte sie ganz realistisch funktionieren (in Ihrer eigenen Sicht)? Bitte etwas redlicher und konkreter werden.

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    2. Habe ich was Falsches gesagt?
      Wenn Kapitalismus halt zum Hauptwert erklärt wird, dann ordnet eine Hierarchie alles andere dem unter.
      Leider werden dort dann auch Leute einziehen, die Wohnplatz brauchen und sich die meist hohe Erstmiete werden leisten können müssen…
      Vielleicht werden die Leute erst langsam merken, dass da etwas schief läuft, wenn auch der Kannenfeldpark und der Rhein überbaut werden soll.

      Oder man man baut die Verdichtung so wie die Ameisen: Einen riesengrossen Haufen, in dessen Inneren alles über- und untereinander her läuft.

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  3. Im Bericht der Geschäftsprüfungkommission haben wir thematisiert, dass jährlich um die 1’000 Bäume gefällt werden. Persönlich bin ich der Meinung, dass die Fällung von 1’018 grossen und gesunden Bäumen eine grosse Respektlosigkeit gegenüber der Natur zu erkennen ist.
    Dazu schmeckt es auch nach Verletzung des Baumschutzgesetzes. Bäume sind in Basel geschützt. Auch auf privatem Grund. Fällungen müssten die absolute Ausnahme sein. Leider sieht das die Führung der Stadtgärtnerei anders und dient eher der bauwilligen Departementsspitze zu.
    *
    Begreiflich, aber schade, dass der engagierte Herr den (auch finanziell) langen Atem für den Weiterzug nicht hatte.
    Der Entscheid des Bauinspektorats ist, soweit er sich auf das Primat der Verdichtung stützt, nicht länger haltbar. Im Rekursverfahren wären die Chancen vorhanden gewesen, dass der Entscheid zugunsten der Bäume gekehrt wird.
    Denn seit 20 Tagen gilt der von uns vom Mieterverband erfolgreich eingebrachte neue § 34 der Kantonsverfassung (Wohnschutzartikel). Er stellt den Erhalt der Wohn- und Lebensverhältnisse in den Quartieren über jegliche „Verdichtung“ in den traditionellen Quartieren.
    Das entzieht der innerhalb des Baudepartements informell verbreiteten Vorgabe „Bautenschutz statt Baumschutz“ jegliche rechtliche Legitimation.

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  4. In allen Ehren Herr Gohl. Sorgen wir uns um Bäume und Wald – das ist wichtig.

    Ich bin Jahrgang 70 – als ich zur Schule ging hatten wir 6 Mio Einwohner, heute sind es schon 8.5 Mio. Und es werden täglich mehr. Basel hat vor hundert Jahren anders ausgesehen und wird im Jahr 2118 auch nochmals anders aussehen. Die 16 Bäume werden hoffentlich woanders stehen und die Hauptpost Basel 1 an der Rüdengasse wird es auch nicht mehr geben…

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    1. Ach, bald wird es die neuen Minibäume für den Balkon geben.
      Da kann man dann vier grosse fällen und bekommt dann vier kleine in so zwei Balkokistchen geliefert.

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  5. Auszug aus „Mein Freund der Baum ist tot“ (Alexandra/Text Doris Nevedof): Du fielst heut früh, ich kam zu spät
    Du wirst dich nie im Wind mehr wiegen
    Du musst gefällt am Wege liegen
    Und mancher, der vorüber geht
    Der achtet nicht den Rest von Leben
    Und reißt an Deinen grünen Zweigen
    Die sterbend sich zur Erde neigen
    Wer wird mir nun die Ruhe geben
    Die ich in Deinem Schatten fand?
    Mein bester Freund ist mir verloren
    Der mit der Kindheit mich verband
    Mein Freund der Baum
    Ist tot
    Er fiel im frühen Morgenrot

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  6. Es ist sicher löblich, wenn Heinrich Gohl sich um die Bäume seines Nachbarn kümmert und ihn bittet sorgsam mit dem Baumbestand umzugehen. Damit hat es sich aber. Daraus jetzt einen grösseren Handlungsbedarf abzuleiten, wirkt etwas missionarisch. Es ist ein Unterschied, ob man sich für den Erhalt des Regenwaldes im Amazonas oder den Wildwuchs in den Tessiner Seitentälern einsetzt. Man kann die Fetischisierung des Baumes im urbanen Raum auch übertreiben.

    Wenige Meter neben dem Wohnort von Gohl beginnt die Wirklichkeit des Waldes, der Wald- und Holzbewirtschaftung. Dazu ein paar Fakten: Ein Drittel der Schweiz ist mit Wald bedeckt. Das ergibt 1,26 Mio. Hektar Wald oder knapp 1’800 m2 je EinwohnerIn. Die Waldfläche nimmt jährlich zu. Jedes Jahr wachsen in der Schweiz 10 Mio. m3 Holz nach. Zirka 535 Mio. Bäume stehen im Schweizer Wald. D.h. pro EinwohnerIn rund 66 Waldbäume. Das sind u.a. Fichten, Weiss- und Rotbuchen, Eichen und Rottannen. Es gibt über 130 Baum- und Straucharten, die im Wald heimisch sind. Heisst, einfach ausgedrückt: Der Baum ist in der Schweiz keine Mangelware. Es gibt eine Holzwirtschaft, welche vom Wald lebt und darauf bedacht ist, dass der Wald sorgfältig bewirtschaftet wird. Unmittelbar an unsere Siedlungsgrenzen anstossend stehen grosse und vielfältige Wälder. Heinrich Gohl muss sich also keine Sorgen machen. Die Bäume sterben nicht aus.

    Natürlich soll man mit den Bäumen im städtischen Raum behutsam umgehen. Es ist aber ein Unterschied, ob wir dies in öffentlichen Parkanlagen machen, oder auf privaten Arealen. Gohl moniert die Fällung von Bäumen auf privatem Boden. Da wird sein Kampf übergriffig und missionarisch.

    Vielleicht noch: Die Stadtgärtnerei sieht die Bewirtschaftung des öffentlichen Raumes auch eher pragmatisch. Die Bäume im Strassenraum müssen robust sein, werden sorgfältig gepflegt, aber auch regelmässig ersetzt. Der Stadtbevölkerung stehen in Basel rund 210 Hektar öffentliche Grün- und Freiflächen zur Verfügung.

    Von einem Mangel kann also nicht die Rede sein. Wir sollten nicht vergessen, dass wir uns in einem urbanen Umfeld bewegen und hier nur bedingt ein rurales Ambiente herstellen können. Die Rettungsversuche um einzelne Bäume ignoriert in der Dringlichkeit die Faktenlage. Bäume, auch wertvolle Bäume, sind bei uns keine Mangelware. Fakt ist, hin und wieder muss ein Baum gefällt werden. Meistens bekommt er ein zweites Leben und darf als Möbelstück, oder Cheminéeholz nochmals in Erscheinung treten. Das widerspiegelt unsere nackte Wirklichkeit.

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    1. @Meury: Wie kommen Sie auf die Idee, das Verhalten dieses 92-jährigen Mannes (welches sein gutes Recht ist) als „missionarisch“ und „übergriffig“ zu bezeichnen? Und dann: „übergriffig“ gegen wen denn? Tut mir leid, diese Unterstellung gegenüber Herrn Gohl ist vollumfänglich deplatziert. Und verstehen Sie etwas von „übergriffig“, „Übergriff“? Ich glaube kaum, denn dann würden Sie dieses Wort völlig sachfremd verwendet kaum als Kampfwort verwenden, um Herrn Gohl zu diskreditieren. Manchmal schätze ich Ihre Beiträge ja (was gegenstandslos ist hinsichtlich meiner Person), aber hier übertreiben Sie in unredlicher Weise.

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    2. @Tee

      Eigentlich kommuniziere ich nicht mit Pseudonymen.
      Aber keine Regel ohne Ausnahme.

      Offensichtlich hat Gohl oder/und andere AnwohnerInnen, sowohl beim Besitzer, wie auch beim Architekten interveniert. Auch eine Einsprache gemacht. Soweit ist das alles gutes Recht. Die Baumschutzkommission hat die Einsprache aber abgelehnt und das Baugesuch wurde bewilligt.

      «Die BSK bedauert, dass so ein grosses Baumvolumen zugunsten der drei Wohnhäuser beseitigt werden soll, erkennt aber auch die Bestrebungen der Planer, wieder einen bedeutenden Baumbestand aufzubauen und das Areal auch ökologisch aufzuwerten. Beim vorliegenden Projekt hat die BSK den Eindruck, dass zwar der Baumbestand verloren geht, die Projektverantwortlichen jedoch adäquate Vorschläge für den Baumersatz gemacht haben. Um mehr Bäume zu erhalten, müsste das Bauprojekt deutlich redimensioniert werden, was nach Meinung der BSK unverhältnismässig wäre.»

      Gohl gibt sich damit nicht zufrieden, droht mit dem Bundesgericht und geht jetzt an die Presse. Das ist grenzwertig, zumal eine offensichtliche Not nicht zu erkennen ist. Es geht Gohl aber um’s Prinzip und da fängt seine Mission doch an. Er kämpft für den Erhalt der Bäume generell und weltweit. Soweit okay, aber der monierte Baumbestand liegt nicht in Gohl’s Garten, oder in der Öffentlichkeit. Er gehört einer Firma, der Batiba AG. Da die Firma die notwendigen Bewilligungen hat, ist sie legitimiert eine bestimmte Anzahl Bäume zu fällen und ihr Bauprojekt umzusetzen. Gohl’s Kampf ist übergriffig, weil er seinen Kampf auf fremden Terrain führen will, er zudem mit dem Gang an die Presse seinen Druck öffentlich relevant erhöht. Nochmals: Der Entscheid der Baumschutzkommission liegt vor und ist eindeutig.

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    3. Herr Meury, ich wusste gar nicht, dass Sie so ein Eigentumsfetischist sind. Ich gehe zwar mit vielem einig, aber dieser Eigentumsfetischismus, vor allem wenn er sich auf den perversen Privateigentum an Grund und Boden bezieht, kommt mir jetzt doch ein wenig quer rein.

      Im übrigen ist es halt schon so, dass zwar jeder nach Verdichtung ruft, aber keiner sie im eigenen Garten will. Ich gönne Herrn Gohl seine Wohnsituation ehrlich von Herzen, aber wenn jeder so wohnen würde, dann müssten noch sehr, sehr viele weitere Bäume gefällt werden.

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    4. @Fabienne Moerik

      Vorher: Eine Villa mit 3000 Umschwung und 21 Bäumen für eine ältere reiche Dame. In Zukunft: 18 Eigentumswohnungen für mindestens 34 GutverdienerInnen plus ein paar Kinder.
      Fazit: Optimierte Nutzung und gute Verdichtung.
      Negativ: Minus 16 Bäume.

      Auch Heinrich Gohl schätzt die privilegierte und unverbaute Wohnlage auf dem Bruderholz. Ist okay. Jetzt rücken im neue NachbarInnen auf die Pelle. So ist das halt im Leben. Der Rest ist gutschweizerische Usanz. Alle Bauprojekte generieren Einsprachen der NachbarInnen: Schattenwurf, Grenzabstände, Übernutzung, Abbruch wertvoller Bausubstanz, etc. Jetzt: «wertvoller Baumbestand«. Andernorts: Glögglifrosch.

      Also: Kein Grund zu Panik. Sommerlochthema. Aber sympathisch.

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    5. Ja aber hallo! Hier geht es um schätzenswerten Baumbestand. Wer diese Tatsache negiert, der unterstützt die Gesetzesbeugung.

      Wollen mal sehen, wenn in der Altstadt geschützte Häuserzeilen abgerissen werden, damit X.Y. Rendite einfahren kann. Und die Verdichtung gut ist.

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    6. @Meury, darf ich Sie einmal fragen, warum muss immer die Natur bei solchen Bauprojekten die meisten Kompromisse machen? Wäre es nicht besser, wenn die Planer endlich lernen würden die Natur mit einzugestalten und zwar nicht nur durch ein paar natürliche Baumaterialien, Dachbegrüunung etc. so wie es viele finnische und japanische Architekten wunderbar machen! Dort stehen Bäume plötzlich im Wohnzimmer usw. Natürlich würde hier dabei auch ein Teil dieser im Nautinventar stehende Naturobjekt Wiese und die alten Bäume weichen müssen, doch niemals so massiv.

      Nun bin ich gespannt, wie der Kanton Basel-Stadt das löst mit der geschützten Wiese, vielleicht mit einem Fassadenlift für Igel, Wiesel, Amphibien usw..Das Totholz der alten Bäume kann man man ja locker dort belassen.

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    7. @Meury: Ich habe nicht Ihren Beitrag kritisiert, sondern nur diesen einen Satz mit den beiden Wörtern. Gut, „missionarisch“, darüber kann man diskutieren, es ist auch ein umgangssprachlich oft verwendetes Wort, „verbissen“ könnten man auch verwenden, oder wohlwohlender „engagiert“. Aber ich kenne die Geschichte nicht, lediglich bin ich der Ansicht, dass das Wort „übergriffig“ hier deplatziert ist, das gehört zu einem anderen Sachbereich, auch nicht in den Kontext eines juristischen Streits. Ein Streit ist nicht notwendigerweise ein Übergriff, und dieses Wort „übergriffig“ ist ein affektiv doch deutlich geladenes Wort. Mir persönlich ist die Gesellschaft bereits jetzt affektiv zu überladen. Aber ich bin kein Experte in diesen Angelegenheiten.

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  7. Ein Mann mit grossem Wissen und dem Herz am richtige Fleck. Hoffen wir, dass dies die Anwohner und Bauherren nicht erst merken, wenn es zu spät ist.

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