Dreirosen-Polizist: «Ob ich verhindern kann, dass ein Kollege morgen jemandem ‹Schwarzwurzle› sagt?»

Was ist das wirklich für ein Viertel, das in Basel meist nur Negativschlagzeilen schreibt? Heute erzählt uns Lukas Faulstich seine Sicht der Dinge. Er ist als Community-Polizist für das untere Kleinbasel zuständig.

Community-Polizist Lukas Faulstich (links) erklärt einem Jugendlichen am «Dreirosen Fest», wozu er und sein Kollege Michel Hostettler da sind.

Lukas Faulstich und Michel Hostettler sind keine gewöhnlichen Polizisten – sie sind vom Community Policing. Polizisten für das Miteinander, sozusagen. Damit das Zusammenleben im Quartier gut funktioniert. Solche Community-Polizisten gibt es in Basel seit der Jahrtausendwende, seit die Polizei zentralisiert wurde und der Polizist aus seinem Viertel abgezogen wurde, wo ihn die Leute kannten und er sie.

Der Polizei ein Gesicht geben, Brücken bauen, Probleme lösen. Lärm, Streit, was auch immer aufkommt, wenn Menschen auf Menschen treffen – das sind die Kernaufgaben des Community Policing. Dabei ist Lukas Faulstich für das untere und Michel Hostettler für das obere Kleinbasel zuständig.

«Das klassische Arbeiterquartier hat sich zu einem städtischen Einwanderungsgebiet entwickelt.»

Ihre Aufgabe an diesem Tag: die eigene Arbeit erklären. Sie haben sich dazu das «Kulturen Fest» ausgesucht, wo sie mit einem Informationsstand auf der Dreirosenanlage präsent sind. Kein pompöser Firlefanz. Eine Bank, ein Tisch, eine Schaufensterpuppe in Uniform. Für ein paar Stunden war ein Kollege mit einem Polizeimotorrad da, auf das sich Besucherinnen und Besucher setzen durften.

«Wir hatten interessante Begegnungen», lautet das Fazit der Polizisten. «Klar, wir haben hier vielleicht nicht ganz so viele Menschen erreicht wie etwa an einer Muba», sagt Faulstich, «aber das hier ist trotzdem effektiver als an einer Grossveranstaltung mit unzähligen Besucherinnen und Besuchern, wo ich manchmal nach zwei Minuten ein Gespräch schon wieder abbrechen muss und sage: ‹Do isch übrigens no d’Broschüüre.›»

Faulstich und sein Kollege Hostettler würden es begrüssen, wenn im nächsten Jahr weitere Kollegen und Kolleginnen hier am «Kulturen Fest» mitmachen könnten. Das fördere das Verständnis auf beiden Seiten. «Es sind kleine Erfolge, aber sie sind nachhaltig.» Zumal in einem dynamischen Quartier wie demjenigen rund um die Dreirosenanlage.

«Der Platz verändert sich jedes Jahr», sagt Faulstich. «Wir müssen diesen raschen Veränderungen Rechnung tragen und am Ball bleiben.» In den letzten Jahren habe sich die Zusammensetzung der Bevölkerung stark verändert – wie auch diejenige der Polizei.

«Das klassische Arbeiterquartier hat sich zu einem städtischen Einwanderungsgebiet entwickelt», führt Faulstich aus. «Die Leute wohnen hier vielleicht nur drei bis fünf Jahre und ziehen dann um.» Zudem stünden im Quartier die Um­gestaltungen grosser Flächen an.

Die grosse Dynamik im Quartier führe auch zu Verunsicherung. «Auf der Dreirosenanlage trifft eine wild durchmischte Truppe mit unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander. Da können dann auch einmal ‹liberalere› Vorstellungen auf einen ‹wertkonservativeren› Polizisten treffen», sagt Faulstich. Der Polizist müsse jedoch das Gesetz vertreten. «Und dieses macht nicht die Polizei selbst, sondern die hier ansässige Bevölkerung. Da kann viel Reibungsfläche entstehen.»

«Wenn wir hier heute auf der Dreirosenanlage stehen, schärft das unser Bild und fördert das gegenseitige Verständnis.»

Trotzdem – die Grundregeln seien in den meisten Ländern die gleichen: «Nicht stehlen, nicht töten und der Nachbar hat auch Rechte. Das sind schon gute Voraussetzungen. Leider reichen sie nicht und so entstehen laufend neue Gesetze und Verordnungen.» Nicht nur neu zugezogene Personen überfordere das oft, auch hier Aufgewachsene verlören manchmal den Überblick oder seien verunsichert.

«Ob ich hundertprozentig verhindern kann, dass morgen einer meiner Kollegen bei einer aus dem Ruder laufenden Kontrolle plötzlich ‹Schwarzwurzle› zu einer Person sagt? Nein, das könnte einmal passieren.» Doch seitens Polizei werde in diesem Bereich viel Wert auf die Ausbildung gelegt, um das zu verhindern, sagt Faulstich. Und auch die Unterstützung der Kollegen und der offene Kontakt zu allen Bevölkerungsgruppen würden helfen, solche Situationen zu vermeiden.

«Wenn wir hier heute auf der Dreirosenanlage stehen, dann schärft das unser Bild und fördert das gegenseitige Verständnis. Zum Beispiel kam vorher jemand vorbei und sagte, er werde hier immer kontrolliert, weil er schwarz sei», erzählt Faulstich weiter. «Hier kann ich ihm konkret und in Ruhe erklären, warum er kontrolliert wurde. Zudem habe ich ihm auch seine Rechte in einer solchen Situation erklärt – und seine Pflichten.»

Es sei für beide Seiten gut, wenn die Polizei in einer entspannten Stimmung ihre Arbeit erklären könne. «Also was wir tun, warum wir das tun und wie es bei einer nächsten Kontrolle einfacher für beide ablaufen kann.»

https://tageswoche.ch/stadtleben/problempark-dreirosen-hier-gibts-keine-probleme/

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Konversation

    1. Man kann es kaum glauben ja. Dabei haben doch Parolen, in denen Wörter wie „Bullenschweine“ oder Schlachthaussprache wie „Bullenschweine schlachten“ uns suggeriert, dass Polizisten keine Menschen sind, sondern eine abstrakte Masse, gegen die man ruhig Gewalt anwenden kann. Nichts Menschliches.

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