Expats sind stärker in Basel verankert, als wir denken

Basel hatte lange genug keine Willkommenskultur, wenn es um Expats ging. Trotzdem schlägt auch diese Community je länger, je mehr Wurzeln in der Region. Mit welchen Auswirkungen, das zeigt unsere Serie #ExpatsInBasel.

Hinter Basels Brücken arbeiten zahlreiche Expats. Doch was machen sie, wenn sie nicht am Arbeitsplatz sind?

«Welcome to Basel. Follow the rules!» – Die zwei Sätze prägten über Jahre hinweg die offizielle Veranstaltung, die Neuzuzüger in Basel willkommen heissen sollte. Der Anlass fand jeweils im Basler Rathaus statt, beinhaltete eine Reihe von Referaten und dauerte anderthalb Stunden. «Schmerzhafte anderthalb Stunden», erinnert sich Kathy Hartmann-Campbell und lacht.

Die Kommunikationsexpertin aus den USA lebt seit 36 Jahren in Basel. 2011 hat sie den Verein Basel Connect gegründet, der den Austausch zwischen der lokalen Bevölkerung und Expats fördert. Aus gutem Grund.

Hartnäckige Vorurteile

Der Willkommensanlass, erzählt Hartmann-Campell, war unter den Basler Expats berüchtigt. Wegen des militärischen Tons, wegen der Überlänge. Und das alles auch noch in diesem furchtbaren Englisch! Selbst der anschliessende Apéro bot wenig Erlösung. Die anwesenden Basler verkrochen sich in ihrer Bebbi-Bubble, die Expats schlichen peinlich irritiert davon.

Frontalunterricht zur Integration – für Hartmann-Campell führt eine solche Einbahnstrasse zwangsläufig in die Sackgasse. «Die geistige Haltung eines früheren Integrationsbeauftragten war: Expats sind reich und verwöhnt. Die brauchen keine Hilfe, die sollen selber gucken», sagt sie. Einladender wurde der Tonfall des offiziellen Basel erst, als Nicole von Jacobs ebenfalls 2011 Integrationsbeauftragte wurde.

Es war nicht einfach, Vorurteile abzubauen. Es waren immer wieder die gleichen: Expats kommen, sahnen dick ab und gehen möglichst schnell wieder; weil Expats eh weiterreisen, interessieren sie sich nicht für Basel; und weil das alles so ist, kapseln sich Expats ab und bleiben lieber unter sich. Um damit aufzuräumen und den Behörden echte Bedürfnisse von Expats aufzuzeigen, organisierte Hartmann-Campbell zusammen mit Maureen Reinertsen Carlson, einer Freundin, eigens einen Kongress, aus dem schliesslich auch der Verein Basel Connect hervorging.

Seither hat sich einiges getan. Heute sagt Hartmann-Campell gar, die Einstellung zu Expats habe sich erfreulich geändert, ihr Beitrag zur Gesellschaft werde anerkannt.

Gekommen, um zu bleiben

Gewiss, es gibt die rundum versorgten Luxus-Kurzarbeiter, die sogenannten «International Assignees», bei denen von Vornherein klar ist: Mal eben einen bestimmten Auftrag in Basel erledigen und dann weiter zum nächsten Ort. Doch das sind wenige. Die meisten Expats bleiben längerfristig.

Mittlerweile leben an die 40’000 Expats in der Region, genau lässt sich das statistisch nicht erfassen. Doch dass sie hier je länger, je mehr Wurzeln schlagen, das macht sich bemerkbar.

Die Expat-Community wächst nicht nur, weil immer mehr kommen, sondern weil immer weniger wieder gehen.

Einen Hinweis findet man an den Schulen. Sogenannte «Relocation-Berater», Dienstleister für einen einfachen Einlebungsprozess, hatten bis vor Kurzem Expat-Eltern geraten, ihre Kinder an die International School zu schicken. Doch diese scheinen sich zunehmend für das öffentliche Schulsystem zu interessieren: 2007 hatten 206 Kinder an öffentlichen Basler Schulen Englisch als Muttersprache, zehn Jahre später sind es mit 601 Schülerinnen und Schülern fast dreimal so viele. Dies, während sich der Anteil der englischsprachigen Haushalte in Basel-Stadt nicht einmal verdoppelt hat (2016 lag er bei 6,2 Prozent).

Dieser Entwicklung ist sich das Basler Erziehungsdepartement (ED) bewusst. Auf der ED-Website findet man auch entsprechende Informationen zur Einschulung – allerdings nur auf Deutsch. Der Verein Basel Connect ist bereits in die Bresche gesprungen, mit einer Website, auf der alles gesammelt ist, was man zum Basler Schulsystem wissen muss.

Einen anderen Hinweis darauf, wie sehr Expats hier Wurzeln schlagen, liefern die Zahlen zu deren Aufenthaltsdauer. Sie zeigen: Die Expat-Community wächst nicht nur, weil immer mehr kommen, sondern weil immer weniger wieder gehen. Bei Engländern zum Beispiel stieg die durchschnittliche Aufenthaltsdauer zwischen 2010 und 2017 von 5,3 auf 6,3 Jahre; bei Amerikanern von 3,8 auf 4,3 Jahre.

Das sagen die Statistiken vom Basler Amt. Und Hartmann-Campbell von Basel Connect? Sie höre seit 30 Jahren dasselbe, sagt sie. Wenn sie in ihren Workshops Teilnehmende frage, wie lange sie schon hier seien, erhält sie in der Regel erst ein Kichern zur Antwort. Und dann: «Ich bin schon seit zehn Jahren hier. Eigentlich dachte ich, ich komme mal für zwei, drei Jahre oder so.»

Serie #ExpatsInBasel

Wo sind diese Menschen, die von überall her gekommen sind, um in Basel zu bleiben? Wie prägen sie, ja, gestalten sie diese Stadt mit? Unsere Praktikantin Rosa Schmitz ist selber Expat. Sie wollte mehr wissen, als die Zahlen des Statistikamts hergeben. Sie wollte Geschichten hören.

https://tageswoche.ch/+HSrYD

Darum hat sie vor ein paar Wochen einen Aufruf gestartet. Zahlreiche Expats haben sich gemeldet, viele hat Rosa Schmitz getroffen. Expats, die ein Baseball-Junioren trainieren. Oder ein Hilfswerk führen. Oder, oder, oder.

Entstanden ist so ein ganzer Schwerpunkt. Eine Sammlung an Geschichten, die Vorurteile abbauen, Bedürfnisse zeigen – neugierig machen auf noch mehr Austausch. Es sind so viele Geschichten, dass wir sie unmöglich alle auf einmal erzählen können. Wir müssen sie als Serie präsentieren: Die Artikel zu #ExpatsInBasel werden in den kommenden Wochen einzeln auf unserer Website aufgeschaltet. Und weil Austausch keine Einbahnstrasse sein kann, ist ein Teil der Artikel in Englisch verfasst, ein anderer auf Deutsch.

Wir wünschen viel Vergnügen beim Eintauchen in unserem Dossier.

Hier klicken und Expats kennen lernen.

Dossier Expats in Basel

Mitten unter uns, gehören sie doch nicht ganz dazu. Dabei sind sie viel mehr als nur Arbeitskräfte.

Alles zum Thema (9)

Konversation

  1. Sorry, das I-pad spinnt wieder. Ich schreibe weiter: Alle beschreiben die Schweizer als kalt, distanziert. Freunde mit einem Schweizer werden sei nahezu unmöglich. Ob sie dies sagen, weil ich einen ausländischen Namen habe, und wir quasi unter uns sind? Ich mache Ihnen Mut. Ich habe wirklich Schweizer Freunde, wovon der Beste sogar aus Bern!!

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  2. Ich könnte einen ganzen Beitrag zum Thema Expats schreiben, über die Engländer, Holländer, Deutsche, Leute aus Süd-Afrika und so weiter. Auch sie haben manchmal psychische Probleme, die mit der Arbeitsstelle zusammenhängen. Bei ihnen fehlt schon eine Ressource: das Aufgehoben sein von Familie, Freunden und Nachbarn, wie es bei Ihnen zu Hause wäre. ALle beschreiben

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  3. Natürlich schätzen auch Expats die Schweiz als Wohnort, sozialer Frieden, wenig Gewalt, keine Korruption, hoher Lebensstandard sind Vorzüge, welche viele Expats dann dazu bewegt hier zu bleiben. Allerdings wohnen die meisten dann auch in Appartments oder Häusern in der Agglomeration und schicken ihre Kinder in die ISB.
    Für die Integration der Expats leisten die anstellenden Firmen sehr viel, sie haben eigene Teams, welche die Ankömmlinge begleiten, Ihnen Unterkunft besorgen, alles behördliche regeln, Schule organisieren und eben auch weitere private Angelegenheiten wie Beitritten zu Vereinen etc.
    Ich kenne viele Expats und die wenigsten davon werden wieder hier weg ziehen. Höchstens die Kinder, welche dann lieber wieder Richtung Heimat wollen zum Studieren oder so.
    Und mittlerweile hat es halt auch Expats, welche die immens hohen Schulgelder der ISB nicht ausgeben wollen, resp. der Arbeitgeber sich nicht mehr daran beteiligt. Das ist er Punkt wo man sich für die „normale“ Schule entscheidet. Wobei es für einen nicht Deutschsprachigen Schüler sicher am Besten ist wenn er mehrheitlich von Deutschsprachigen Kollegen umgeben ist und nicht mehrere in der Klasse hat die auch Chinesisch, Englisch oder Japanisch sprechen.

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