Sektengroove in der Kirche

Die TagesWoche besuchte kürzlich Gottesdienste in der Gellertkirche. Die Gemeinde präsentierte sich dabei offen und tolerant. Nach dem Erscheinen des Artikels gab es Reaktionen aus der Leserschaft: In den eigenen Reihen herrsche eine rigide Moral, wer vom rechten Weg abweiche, werde ausgegrenzt.

Alle Willkommen? In der Gellertkirche fühlen sich manche von der Gemeinde unter Druck gesetzt.

Mia* verbrachte viel Zeit in der Gellertkirche. Ihre Schwester engagierte sich dort, sie hatte Freundinnen und Freunde in der Kirche. Zusammen besuchten sie die Gottesdienste am Sonntag, halfen an öffentlichen Anlässen mit und opferten ganze Ferienwochen, um die Kindercamps der Kirche mitzugestalten. 

«Am Anfang fand ich das sehr lässig», erzählt Mia. Bis die junge Frau mit ihrem damaligen Freund zusammenziehen wollte. Die Jugendarbeiterin redetet ihr ins Gewissen: «Mach das nicht. Du weisst doch, die Bibel sagt: Kein Sex vor der Ehe.»

Druck aus der Kirchgemeinde

Mia liess sich nicht umstimmen, sie zog mit ihrem Freund zusammen. Danach änderte sich das Verhalten der Kirchenmitarbeitenden ihr gegenüber. Zwar sagte ihr niemand direkt ins Gesicht, dass sie nicht mehr kommen solle. «Aber die Mitarbeitenden der Kirche waren plötzlich kühl zu mir.» Seither geht Mia nicht mehr in die Gellertkirche.

Sie ist nicht die Einzige, die sich unter Druck gesetzt fühlte. Von Besuchern der Gellertkirche hört man auch, dass Schwulen und Lesben gesagt werde, sie seien von bösen Kräften besessen. Und auch Kirchgänger, die sich in Menschen anderer Konfession verlieben, bekommen Kritik zu hören. Die TagesWoche weiss von mehreren solchen Fällen.

Das steht im Widerspruch zum Bild, das Kirchenangehörige gegenüber der TagesWoche von sich zeichneten. Wir hatten die Gellertkirche in letzter Zeit gleich zweimal besucht. Einmal anlässlich des Weihnachtsmusicals im Dezember. Einmal an einem Abendgottesdienst im Januar.

https://tageswoche.ch/stadtleben/kirche-der-krise-die-gellertkirche-ist-fuer-die-reformierten-ein-segen

Dabei sprachen wir mit Kirchenmitarbeitern auch über Sexualität. Sozialdiakon Christian Peyer betonte, man orientiere sich an den Werten der Bibel, sei aber offen und tolerant: «In der Gellertkirche gibt es punkto Sexualmoral keinen Verhaltenskodex.» 

Auch nicht in Bezug auf die sexuelle Orientierung. Zwar enthalte die Bibel einige Stellen, mit denen die Gemeinde ringe. «Aber wir haben Homosexuelle gern und möchten mit ihnen zusammen Antworten auf diese Fragen finden», sagt Peyer. Auch «normale» Besucherinnen der Gellertkirche behaupten, es werde niemand ausgeschlossen.

Doch Mia hat unsere Reportage gelesen und zeichnet ein anderes Bild: «Die Kirche gibt sich nach aussen offen und tolerant. Aber das ist sie nicht.» Das erleben auch andere Baslerinnen und Basler so. 

Die Gellertkirche ist auch bei der Beratungsstelle infoSekta ein Thema. Geschäftsleiterin Susanne Schaaf bekam mehrere Anrufe von Angehörigen oder Bekannten von Besucherinnen der Gellertkirche: «Sie berichten, dass diese immer extremer und überschwänglicher werden und Diskussionen mit ihnen schwierig werden.»

Glaube ist nicht grundsätzlich verdächtig. Die Frage ist: Wann wird aus Hingabe Selbstaufgabe?

Teilweise handelt es sich dabei um Eltern von Jugendlichen. Die Gellertkirche hat ein grosses Angebot an Freizeitaktivitäten, etwa Fussballtrainings, Freeride-Kurse oder Lager, die auch für konfessionslose Jugendliche attraktiv erscheinen. Und in den Gottesdiensten für Jugendliche und junge Erwachsene sind die Predigten in kleine Rockkonzerte eingebettet: Eine Band spielt eingängige Lieder, die Besucher singen Hallelujah und «praisen» den «Lord» auf Englisch.

Ist das noch eine Landeskirche?

Viele Eltern erschrecken, wenn sie davon hören und Veränderungen bei ihren Teenagern feststellen, sagt Schaaf: «Sie befürchten eine Sogwirkung und haben Angst, dass die Jugendlichen dort Freundschaften und ein enges Verhältnis mit den Jugendarbeitern aufbauen und nachher nicht mehr zugänglich sind.»

Dabei ist klar, Glaube ist nicht grundsätzlich verdächtig. Die Frage ist: Wann wird aus Hingabe Selbstaufgabe?

Susanne Schaaf empfiehlt Angehörigen Neugier und Interesse statt direkte Konfrontation. «Wenn man die Kirche oder den Glauben seiner Angehörigen kritisiert, besteht die Gefahr, dass sie gleich in die Defensive gehen und abblocken – insbesondere Jugendliche.» Besser sei es, immer wieder Interesse zu zeigen, nachzufragen und kritische Fragen «dosiert» zu stellen.

Poppige Aufmachung, rigide Moral – das kennt man auch von Freikirchen. Doch die Gellertkirche gehört zur Landeskirche.

Besorgte Eltern, Jugendliche, die auf Sex verzichten und dafür poppige Gotteslieder singen – das kommt einem bekannt vor. Es sind Geschichten, wie man sie aus evangelikalen Freikirchen hört. 

Auch sie betonen nach aussen häufig, alle seien willkommen, im Vordergrund stehe nicht die Sünde, sondern die Liebe. Innen hingegen geht es rigide zu und her. Ehemalige Mitglieder berichten, dass sie sich punkto Sexualmoral und Lebensführung unter Druck gesetzt fühlten und unter starken Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen litten.

Nach aussen offen – und nach innen? Für Kirchenratspräsident Lukas Kundert hat die Gellertkirche Vorbildcharakter.

Tatsächlich gilt die Gellertkirche, wie viele Freikirchen, als evangelikal. Sie nimmt die Bibel beim Wort, so heisst es etwa in einer Predigt von Dominik Reifler aus dem Jahr 2015:

Wenn wir die Wahrheit über Gott und uns selber nicht kennen, dann haben wir keine Orientierung im Kampf (gegen das Böse, die Red.) und stolpern schnell. Wo ist diese Wahrheit zu finden? Im Wort Gottes. Wenn wir selber aber die Bibel nicht lesen, dann wissen wir auch nicht, wer Gott wirklich ist. 

Bloss: Die Gellertkirche ist keine Freikirche. Sie gehört der reformierten Landeskirche an und ist Teil der Münstergemeinde. Eigentlich haben die Reformierten in den letzten Jahrzehnten einen Wandel durchgemacht, hin zu einem offeneren, liberaleren Glauben. So dürfen Reformierte gemäss Basler Gottesdienstordnung durchaus Andersgläubige heiraten und auch Segnungen homosexueller Paare sind möglich, wenn der Kirchenvorstand zustimmt. In Zürich entschuldigten sich die Reformierten im Jahr 1999 sogar öffentlich dafür, in der Vergangenheit homosexuelle Menschen diskriminiert zu haben. 

Doch in letzter Zeit nähern sich die Landeskirche und die Freikirchen an. Die reformierten Kirchen Bern, Jura und Solothurn arbeiten offiziell mit gewissen evangelikalen Gemeinden zusammen. In Basel war die Gellertkirche immer schon Teil der Landeskirche – und arbeitet selber mit Freikirchen zusammen.

Gläubige wissen nicht, woran sie sind, wenn sich die Grenzen zwischen Freikirchen und der Landeskirche verwischen.

Gemäss Susanne Schaaf von infoSekta ist das problematisch. Gläubige wissen nicht, womit sie es zu tun haben, wenn die Grenzen zwischen Freikirchen und der Landeskirche sich verwischen. Das sieht Schaaf in ihren Beratungen, auch in Zusammenhang mit der Gellertkirche. Eltern lassen ihre Kinder an die Anlässe der Gellertkirche, weil sie denken: «Das ist ja Landeskirche, das Angebot ist bestimmt liberal.» Wenn die Jugendlichen dann euphorisch erzählen, wie es war, erschrecken die Eltern.

Der Basler Kirchenrat, die Regierung der Reformierten, sieht kein Problem. Innerhalb der Reformierten hätten verschiedene Arten von Gemeinden und kirchlichen Identitäten Platz, sagte Kirchenratspräsident Lukas Kundert gegenüber der TagesWoche. Kundert predigt selber im Münster, das, wie die Gellertkirche, der Kirchgemeinde Münster angehört.

https://tageswoche.ch/form/interview/kirchenratspraesident-zu-freikirchenmethoden-im-gellert-die-leute-koennen-woanders-hingehen/

Für Kundert hat die Gellertkirche sogar Vorbildcharakter, weil sie so klar zu ihrer Identität steht. Er wünscht sich mehr Fokussierung innerhalb der verschiedenen Gemeinden. «Ich habe eine Riesenfreude an der Vielfalt.»

Damit stösst er Reformierte vor den Kopf. Eine TaWo-Leserin schrieb auf Facebook als Antwort darauf:

«Wie naiv kann man sein, um hinter all dem nicht die geballte seelenverletzende Macht der Evangelikalen wahrzunehmen? Herr Kundert, das ist für mich ein Grund, aus der reformierten Kirche auszutreten.»

Und was sagt die Gellertkirche zur Kritik?

Wir konfrontierten die Mitarbeitenden mit den Vorwürfen der Gläubigen. Bis hierhin hatte die Gellertkirche offenherzig Auskunft gegeben, am Telefon und in persönlichen Gesprächen. Doch jetzt, wo es kritisch wurde, bat sie, aus «Zeitmangel», die Fragen schriftlich zu erhalten und beantworten zu können. 

Die Stossrichtung der Stellungnahme wiederholte die bekannten Aussagen: Die Gellertkirche will alle Menschen lieben und offen sein. Aber man hört durchaus heraus, dass diese Offenheit angesichts der strengen Bibeltreue bisweilen schwierig umzusetzen ist.

«Sexualität ist eine grosse Kraft. Wir ermutigen junge Menschen dazu, bis zur Ehe damit zu warten.»

Dominik Reifler, Pfarrer der Gellertkirche

Pfarrer Dominik Reifler hält per E-Mail fest: «Es gibt in der Gellertkirche keinen schriftlichen Verhaltenskodex. Alle Menschen, egal welche moral-ethischen Vorstellungen sie haben, sind bei uns willkommen.» Natürlich würden in der Gellertkirche die Werte der Bibel vermittelt. «Aber niemand wird unter Druck gesetzt.»

Allerdings engagierten sich mehrere Hundert Freiwillige in der Gellertkirche. «Wir haben keinen Überblick, wer was zu wem sagt. Wenn wir aber von lieblosen oder verletzenden Aussagen hören, schreiten wir ein.»

Reifler bestätigt, dass die Kirche Sex vor der Ehe ablehne: «Sexualität ist eine grosse Kraft. Wir ermutigen junge Menschen dazu, bis zur Ehe damit zu warten, wo sie den nötigen Schutz und die entsprechende Geborgenheit erfährt.» Dieser Wert stehe natürlich quer in der Landschaft heutzutage. «Heute will jeder alles jetzt und sofort haben». 

«Auf Ehe und Familie hingeordnet»

Auch punkto Homosexualität bezieht der Pfarrer klar Stellung. Zwar betont er: «Es entspricht nicht unsere Meinung, dass zwischen Homosexualität und bösen Kräften ein Zusammenhang besteht.» Aber: «Wir vertreten den Wert, dass das biblische Menschenbild auf Ehe und Familie hingeordnet ist. Dazu ermutigen wir Menschen in erster Linie. Wir sehen uns nicht in der Lage, Menschen zu einem Lebensstil zu ermutigen, zu welchem die Bibel nicht ermutigt. Aber auch wir haben offene Fragen zu diesem Thema und wissen, dass einfache Antworten hier zu kurz greifen. Wir haben geschätzte Freunde in der Gellertkirche, die homosexuell sind und sind mit ihnen im Dialog.»

https://tageswoche.ch/+AvYYw

Aus Sicht von jemandem, der an die Bibel glaubt, macht dieser Vorbehalt gegenüber der Homosexualität vielleicht Sinn. Es gibt halt diese Bibelstellen, die einem verunmöglichen, Liebe, die nicht ins Schema passt, anzunehmen. Gleichzeitig will jemand, der an Jesu Liebe glaubt, niemanden ausstossen, sondern jeden Menschen lieben.

Die Frage bleibt: Tröstet diese Menschenliebe all jene Gläubigen, die nicht das Gellertsche Idealbild von heterosexueller Familie leben können oder wollen?

*Name geändert

Dossier Phänomen Gellertkirche

Basel ist Spitzenreiter bei Kirchenaustritten, die Gellertkirche dagegen wird geradezu überrannt. Sie gibt sich modern. Doch hinter der poppigen Inszenierung steckt ein reaktionäres Menschenbild.

Alles zum Thema (7)

Konversation

  1. Ohne mit allem, was Sie als angebliche Zustände und Zitate schreiben, einverstanden zu sein, stelle ich fest, dass es sich bei der Gellertkirche um eine lebendige und lebensfrohe Gemeinde handelt, die beispielhaft für neues Leben in der reformierten Landeskirche dasteht. Sie ziehen offensichtlich Wischiwaschigemeinden ohne Profil und ohne klare Ausrichtung auf Jesus Christus vor, was bedenklich stimmt. Ihre Mainstreampräferenz geht klar auf eine Zivilreligion aus, die kaum etwas mit erfülltem Glauben nach dem Neuen Testament gemein hat.
    Da kommt mir Bob Dylans Song „Gotta Serve Somebody“ in den Sinn:“…But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed, You’re gonna have to serve somebody, Well it may be the devil or it may be the Lord But you’re gonna have to serve somebody.“ Wem Sie dienen, liegt in Ihrer Verantwortung, und ich habe darüber nicht zu urteilen.

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    1. Wie schrieb Robert Christgau so treffend über jenes Dylan-Album?

      „The lyrics are indifferently crafted, and while their one-dimensionality is winningly perverse at a time when his old fans will take any ambiguity they can get, it does serve to flaunt their theological wrongheadedness and occasional jingoism. And so what if he’s taken up with the God of Wrath? Since when have you been so crazy about the God of Love? Or any other species of hippie bullshit?“

      Ich denke, dem ist nichts hinzuzufügen.

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    2. Warum verurteilt Christgau Dylans Lyrics derart pauschal? Und warum so emotional? Wohl weil er nichts damit anfangen will und sich verschliesst? Gleich wie auch Greil Marcus und wenige mehr, die indessen angesichts der nun offenbar gewordenen Intensität der Konzertaufführungen in den Jahren 1979 – 1981 ihr Urteil revidiert haben..
      Michael Gray („The Bob Dylan Encyclopedia“, „Song & Dance Man“) ist da seit jeher viel kenntnisreicher und objektiver. Er schreibt zu „Gotta Serve Somebody“ u.a. zum oben zitierten Refrain: „Yes the chorus of this blues- structured song also reformulates blues lyric poetry and echoes aspects of the older genre of the Negro Spiritual“. Gray verweist dabei auf einen Song von Joe Evans mit seinem „clear cut“. Warum darf das Dylan nicht auch?
      Auch der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering weist auf eine „(Neu-) Entdeckung der schwarzen inspirational music von grosser Intensität.“
      Dylans Antwort zu solchen Anwürfen wie von Christgau u.a.: „I know all about fiere darts, I don’t care how rough the road is…“
      Ihr Zitat von Christgau liegt im übrigen auf der Linie der Tageswocheartikel zur Gellertkirche….
      Ich denke also, dass Ihrem Zitat und diesen Artikeln noch viel beizufügen ist.

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    3. „Ihr Zitat von Christgau liegt im übrigen auf der Linie der Tageswocheartikel zur Gellertkirche….“

      …als ob das von Bedeutung wäre, auf welchen Linien wessen Zitate liegen… Ad-hominem-Argumentationen sind nun mal keine validen Argumente…

      Wer jedoch der Meinung ist, dass man einer wie auch immer gearteten Instanz „zu dienen“ hat, fällt in seinem Menschenbild weit hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurück.

      Ob wir das nun als „hippie bullshit“ oder als „spirituellen Faschismus“ deklarieren, ist einerlei. Es ist und bleibt der Versuch, den Menschen zu entmündigen.

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  2. Ist dies nun eine evangelisch-reformierte Kirche im Rahmen der Evangelisch-reformierten Landeskirche Basel-Stadt oder eine evangelikale Freikirche nach Sektenmuster. Wenn Herr Kundert den Unterschied nicht versteht oder nicht wahrhaben will, dann fragt man sich allen Ernstes, ob er wohl am richtigen Platz ist.

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  3. Bei Freikirchen richt es nach Zeugen Jehovas
    oder Scientologen, das alte Katholische System,
    des Ablasshandels. Warum gehen so viele Leute dort hin?
    Dies sind doch alles Sünder, welche danach frivol weiter
    Sünden begehen- das nie endende Perpetuum mobile.
    Aber jeder sieht Gott sogar Trump…..

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  4. Vielen Dank, Frau Fopp für diese weiteren Reportagen!
    Leider kann auch ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen, dass die Mitwirkenden in der Gellertkirche nicht halb so offen sind, wie sie sich gerne geben. Es grenzt an Zumutung, dass Herr Kundert derart feige argumentieren muss, und die Landeskirche dadurch offenbar sektiererisches Verhalten schützt – ein guter Grund, aus der reformierten Landeskirche auszutreten. Jesus übrigens brauchte auch keine Kirchen oder groovy Worship, um mit seinen Gefolgsleuten zu beten – ein bisschen Ruhe und Besinnung reichten völlig, um in sich zu kehren und zu überlegen, was „das Richtige“ zu tun sei. So weit ich weiss, war das dann meist etwas Gutes zu tun oder Leiden zu heilen und nicht den Mitmenschen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Aber dafür müsste man sich halt Zeit nehmen, etwas Selbstreflexion betreiben und nicht zuletzt denken – Dinge, die mitunter etwas unangenehm und/oder anspruchsvoll sind. Wie viel einfacher ist es doch, sich unter Berufung auf ein Buch über andere zu erheben und diese zu verurteilen. Je gläubiger, desto undifferenzierter. Oder anders: Solche suppressiven und manipulativen Dinge funktionieren immer dann so gut, wenn genügend Idioten bereit sind, diesen zu folgen. (Hat übrigens auch im historischen Kontext in Europa schon einige Wellen geschlagen.)

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  5. Kirchen sind Sekten die sich etabliert haben. Wieso sollte sich dabei etwas grundlegend ändern?

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  6. Gläubige wissen nicht, woran Sie sind?
    Wirklich? Ist es für einen Gläubigen Christen nicht per Definition grundlegend Egal, ob er in einer freien evangelikalen Gemeinde, in einer reformierten Landeskirche oder in einer Katholischen Kirche oder irgend einer anderen christlichen Gemeinschaft zuhause ist? Ist es die Gemeinde oder Kirche, die uns zum Christen macht? Oder doch eher die persönliche Beziehung und Entscheidung für den eigenen Glauben? Und wie frei wäre eine freikirchliche Gemeinde noch, wenn Sie nicht offen wäre, für die vielen anderen Christen in anderen Gemeinden und Denominationen? Genau so wie es nur einen Christus, einen Gott gibt gibt es auch nur eine Gemeinde, diese setzt sich jedoch aus der Vielfalt an theologisch und ideologisch nicht immer ganz mit einander vereinbaren Gruppierungen zusammen. Es wäre jedoch vermutlich nicht im interesse dieses einen Gottes, wenn man denn an diesen glauben möchte, wenn man sich nach seinem Wort richten will und dabei schon bei einem der wichtigsten Gebote Jesu scheitert.
    „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
    Oder gilt dies für Menschen, welche nicht in meiner Gemeinde sind etwa nicht?
    Somit habe ich genau so Mühe, mit dem „Evangelikalen-Bashing“ wie es gerne mal in Medien getätigt wird, wie aber auch mit offensichtlich im Rahmen der Recherche von einzelnen Mitchristen getätigten, allenfalls gar gut gemeinten Ratschlägen für andere Gemeindemitglieder.
    Man sollte sich nicht schämen, auch mal kritische und unbequeme Fragen zu stellen, auch in seiner Kirche und Gemeinde und bei sich selbst. Jesus ging auch nicht auf die Menschen zu und stellte Sie öffentlich bloss, nein er ehrte Sie, selbst wenn auch er die kritischen Fragen in persönlichen Gesprächen gestellt hat.

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  7. Die Christen sollen nicht rigider tun als Jesus damals selber war. Die Bergpredigt ist auch heute noch derartig revolutionär, dass man eher sehr leise darüber spricht.
    1. Jesus sass mit dem Zöllner am Tisch, nicht mit dem Bürgermeister von Betlehem oder Jerusalem. Es geht, wurde vorgemacht, ergo ist es auch machbar.
    2. Ich warte schon länger auf die Abhandlung über die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena. Ich glaube, man darf sie ruhig als Freundin von ihm bezeichnen. In der Bibel wurde da etwas kaschiert, was diese Dame beruflich machte, ich könnte mir aber vorstellen, dass da im Urtext das Ganze etwas deutlicher beschrieben steht. Den Schweizern sagt man auch „ä bitzeli chlii“ und meint damit „viel zu klein“.
    3. Die Bibel ist auch ein altes Buch und entspricht damit den damaligen Erkenntnissen. Einsteins Relativitätstheorie wäre da sicher mit eingeflossen, wenn der verflixte Einstein halt zweitausend Jahre früher gelebt hätte. Deshalb kann die Bibel auch nur ältere Ansichten wiedergeben, oft überdauernd, weil vernünftig und gut, aber manche dieser Ansichten sind schlicht falsch. So ist es heute gut, dass man Kinder nicht mehr schlägt, dass die Homosexualität endlich aus den Diagnoselisten der Psychiatrie verschwunden ist und es verboten ist, seine Ehefrau zu schlagen.
    Ich denke, dass man heute auch die Pflicht hat, gewisse Dinge in der Bibel durchzustreichen, weil sie schlicht sich als falsch oder überkommen herausgestellt haben.
    4. Im Zweifel gilt „Prinzip Nächstenliebe“ und nicht „Prinzip Missionsopfer“. Der Nächste ist nicht zwecks Mission mit der grössten und schwersten Bibel zu erschlagen, sondern etwas umgänglicher zu behandeln. Das „Prinzip Nächstenliebe“ beinhaltet auch, dass man einfach zuhört, wie der andere ist, um auch zu erfahren, warum er so geworden ist. Die meisten Menschen sind „nicht einfach so“ so geworden, sondern haben eine primäre Geschichte dahinter, oft tragisch genug. Deshalb gehört der tadelnde Zeigefinger in die Hosentasche ( oder zur Not in die Nase) und nicht zum Winken nach oben. Es geht um wirklich Verstehen, nicht um Umindoktrinieren.
    Letzteres ist ziemlich lieblos und wirklich ein Grund, sich da abzuwenden.
    Das tat Jesus auch, er beobachtete genau, wo er erwünscht war. Ausser bei den sabattäglichen Tempeldealereien, wo er wohl wirklich jugendlich-wütend ausgeflippt ist, sind die nachherigen Dinge doch viel verständnisvoller gewesen, die im Neuen Testament über ihn beschrieben wurden.

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    1. Jesus wird in gewissen Übersetzungen als „Rabbi“ angesprochen – dies kann man jedoch nur werden, wenn man verheiratet ist und Kinder hat.
      Ich denke kaum, dass Jesus da eine Ausnahme war.

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  8. Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe.

    Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde.
    Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen.

    Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden:

    Du brauchst einen Gott.“

    (Bertold Brecht)

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