Kapitän Roland Fessler: ein Leben auf dem Rhein

Roland Fessler ist seit 40 Jahren zwischen Basel und dem Meer unterwegs. Er zählt zu den letzten seiner Art und ist froh, dass er die alten Zeiten noch miterlebt hat.

Seine Frau freut sich, wenn er heimkommt und auch, wenn er nach vier Wochen wieder verreist: Kapitän Roland Fessler.

Barfuss sitzt Roland Fessler im Steuerhaus und manövriert die «Eiger-Nordwand» durch die Nacht in Richtung Meer. Im Cockpit leuchten hell die Displays: Satellitennavigation, Radar, Infrarotkameras. Der Kapitän trägt eine goldumrandete Brille, Schnauz und kurze Hosen. Zehn Meter unter ihm liegen 137 Schiffscontainer mit Waren für den globalen Markt.

Seit über 40 Jahren ist Fessler auf dem Fluss unterwegs, in dieser Zeit hat er Hunderttausende von Kilometern zurückgelegt. Er kennt jede Untiefe, jede Brücke, jede Flussmündung. Sich selber bezeichnet er als Teil einer aussterbenden Art: Er ist einer der letzten Schiffsführer aus der Schweiz. Eine Schiffsfahrt mit dem 61 Jahre alten Kapitän ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit.

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Fessler war 16 Jahre alt und stand kurz vor Schulabschluss, als er sich für ein Leben auf dem Fluss entschied. «Zu dem Zeitpunkt hatten die Lehrer endgültig die Nase voll von mir.» Er brauchte eine Ausbildung, doch so richtig begeistern konnte er sich für nichts. Bis er in der Zeitung auf das Inserat einer Reederei stiess, die Nachwuchs suchte.

«Schiffli» hätten ihn schon immer fasziniert, somit habe das ganz gut gepasst. Mit dem Segen des Vaters bewarb er sich um eine Lehrstelle als Matrose, drei Monate später schiffte er im Sommer 1974 in Basel ein.

Der Rhein war damals eine gemächliche Handelsroute für den europäischen Binnenmarkt. Container gab es noch keine, die Schiffe transportierten Kies und Kohle. «Damals war es noch deutlich weniger hektisch als heute», sagt Fessler. Die Fahrgeschwindigkeit wurde anhand von Markierungen am Ufer mit der Stoppuhr gemessen.

In den Bars von Rotterdam

Wenn es dunkel wurde oder Nebel aufzog, fiel der Anker. Die Kapitäne fuhren ihre Ladung durch Seitenkanäle in abgelegene Dörfer. In den grossen Häfen warteten sie zuweilen mehrere Wochen. «Dann sass man zusammen oder machte eine Tour in der Stadt. Dabei ging schon mal eine Nacht vorbei.»

Das Bier floss reichlich zu jener Zeit, unterwegs wie an Land. Im sogenannten Bermuda-Dreieck im Hafen von Rotterdam etwa, wo in den Bars trinkfreudige Damen warteten und so mancher Schiffer für die Nacht verschwand. Einige kehrten erst am nächsten Morgen zurück, kurz vor Abfahrt und mit sturmem Kopf. Kleider wechseln, Leinen lösen und sich möglichst nichts anmerken lassen. «Im Nachhinein betrachtet, war das manchmal ganz schön riskant, so angetrunken auf dem Schiff», sagt Fessler.

Ein Monat an Bord, danach ein Monat frei. Dieser Rhythmus bestimmt Fesslers Leben und kostete ihn eine Ehe.

Dieser Teil der Schifffahrt ist Geschichte. Für die Besatzung gilt heute während der Fahrt ein striktes Alkoholverbot und seit dem Einzug des Containerverkehrs sind die Fahrpläne eng getaktet. Zeit für Landgänge und kameradschaftliches Zusammensitzen mit der Besatzung anderer Schiffe gibt es kaum mehr.

Die Frachter sind Tag und Nacht unterwegs, Halt machen sie nur noch in den grossen Containerterminals, die meist weit ausserhalb der Städte liegen. «Ich bin froh, habe ich diese alten Zeiten noch erlebt», sagt Fessler.

Während einem Monat ist er jeweils an Bord, danach hat er einen Monat frei. Dieser Rhythmus bestimmt sein Leben und kostete ihn eine Ehe. Seine erste Frau sei der Meinung gewesen, er sei zu viel weg, sagt Fessler. Seit acht Jahren ist er wieder verheiratet. «Meine Jetzige kommt gut damit zurecht. Sie freut sich, wenn ich heim komme, und auch, wenn ich nach vier Wochen wieder verreise.»

Um vier Uhr morgens, die «Eiger-Nordwand» hat gerade Mainz hinter sich gelassen, endet seine Schicht. Der zweite Schiffsführer betritt das Steuerhaus, sie wechseln ein paar wenige Worte. Dann steigt Fessler in seine Schuhe und die Treppe hinter dem Führerhaus hinunter zur Schiffswohnung.

In der Schiffsküche streicht sich Fessler ein Brot. Mit derselben Bedächtigkeit, wie er das Schiff durchs Wasser steuert.

Im hinteren Teil liegen die Schlafzimmer, für jedes Besatzungsmitglied ein eigenes. Es gibt eine Dusche, ein Wohnzimmer und ein Esszimmer. In der geräumigen Schiffsküche streicht sich Fessler ein Brot. Mit derselben Bedächtigkeit, wie er das Schiff durchs Wasser steuert oder einem Matrosen einen Befehl erteilt.

Es scheint, als wäre die Ruhe des Rheins in all den Jahren auf Fessler übergegangen. Vom aufmüpfigen Schüler ist nicht mehr viel erkennbar. Laut werde er nur, wenn er einem Matrosen etwas zum zwanzigsten Mal erklären müsse, sagt Fessler. Oder wenn wieder ein Computer nicht funktioniere. «Da musst du nur mal meinen letzten Laptop fragen. Der hat so gesponnen, den habe ich einfach an die Wand geworfen.»

Dann ist Schlafenszeit. Fessler verschwindet in seiner Koje und legt sich aufs Bett, in acht Stunden beginnt seine nächste Schicht.

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