Generation Terror: Pardon, wir haben genug

Unsere Generation hat New York erlebt, jetzt muss sie Paris ertragen. Stumpfe Vergeltungsschläge können nicht die Antwort sein. Denn wir wissen schon nicht mehr, ob uns der Terror schockt oder einfach nur taub macht.

Von New York bis Paris hält der Terror eine Generation im Atem. Und langsam geht die Luft aus.

(Bild: Nils Fisch)

Unsere Generation hat New York erlebt, jetzt muss sie Paris ertragen. Stumpfe Vergeltungsschläge können nicht die Antwort sein. Denn wir wissen schon nicht mehr, ob uns der Terror schockt oder einfach nur taub macht.

In dem Moment, als ich den Fotoapparat senkte und mein Auge die Sicht auf das Objekt in gut einem Kilometer Entfernung weiter südlich wieder scharf gestellt hatte, war ich 20 Jahre alt und stand in der Church Street. Es war ein sonniger Dienstagmorgen, überall Menschen, Stimmengewirr, wir waren alle da und wir sahen, wie der zweite Turm des World Trade Center in sich zusammenfiel.

14 Jahre und zwei Monate später weckte mich mitternachts der Anruf des Produktionsleiters, in Paris sei etwas passiert, man wisse noch nicht genau was, aber es gebe Tote, viele Tote, er würde die Website gerade aktualisieren. Terroristen hatten in einem Konzertlokal ein Blutbad angerichtet, Selbstmordattentäter beim Fussballstadion, Schüsse in Cafés. Panik.

Wir sind aufgerieben

New York, Paris, dazwischen Madrid und London. Wir globalisierten Westler sind mit dem Terror von Extremisten aufgewachsen, aber auch mit dem Kriegsgeschrei unserer Staatsoberhäupter. Beide schicken sich Bomben, mit Jets, Drohnen oder Sprengstoffgürteln an menschlichen Leibern.

Unsere Generation ist aufgerieben. Der Terror schockt, doch das Immergleiche macht taub. Die Vergeltungsmassnahmen unserer Kriegsmanager sind durchsichtig: Machtpolitik nach innen, Geopolitik nach aussen. Warum nochmals werden hier wie dort Menschen ermordet?

Antworten wir mit Menschlichkeit. Zynismus hat ausgedient.

Es ist kein Kampf der Zivilisationen. Es ist ein Krieg um Territorien, Rohstoffe, Macht, dessen Hauptschauplatz dort ist, wo Öl gefördert wird, dort wo Generationen vor uns schon aus denselben territorialen, machtpolitischen und ressourcensüchtigen Gründen Unruhe gesät haben und der Samen seither furchtbar spriesst.

Was tun? Antworten wir mit dem Mittel einer globalen Generation, einer schnellen, vernetzten und klügeren Generation, die es besser wissen sollte, als in bombenwerfenden Chauvinismus zu verfallen. Antworten wir mit Menschlichkeit. Zynismus hat ausgedient.

Unsere Generation hat den 11. September 2001 erlebt. Sie sah zu, wie ein hilfloser Kreuzzug entfesselt wurde, dessen Ausläufer zu noch mehr Gewalt führten. Und jetzt muss sie den 13. November 2015 ertragen. Pardon: Wir haben genug.

Konversation

  1. Lieber Herr Schwald

    Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
    Ihr Kommentar ist realistisch: Ja, es geht um Ressourcen, um Macht, um Geopolitik!
    Niemand ist im Moment ernsthaft an Frieden interessiert, beziehungsweise nur wenn er das Land anschliessend dominieren kann. Schön und richtig!

    Aber was soll dieses: Wir haben genug!
    Sie mussten doch gar nichts ertragen! Oder haben sie Angehörige in Paris verloren?
    Ist ihre Schwester in Syrien von einer Mine zerfetzt wurden? Sind sie von einer Drohne mit Hellfire-Raketen beschossen worden?

    Ich mache ihnen daraus keinen Vorwurf! Auch ich musste bis jetzt nicht unter Terror und Krieg leiden (wofür ich dankbar bin). Seien wir ehrlich.

    Die „globalisierten Westler“ sind hier nicht die Opfer. Nicht „wir“ werden aufgerieben. Opfer sind die Syrer, die Kurden, die Lybier, die Iraker!

    Daher beweist ihr Kommentar: Zynismus und Menschlichkeit müssen sich nicht ausschliessen.

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  2. @ Bärbeiß:
    Unsere schönsten, täglichen Terroristen sehen anders aus: Strassenlärm, Fluglärm, bei den netten Miethäusern Nachbarlärm, samstags Rasenmäherlärm, immer wieder einmal Baulärm.
    Der Lärm killt übrigns auch Lebensjahre:

    Und bei den Superpatrioten: Dichtestress-Terrorismus.

    Unsr Lieblingsterrorist heisst übrigens „Auto“: Täglich irgendwo eine oder mehrere Leichen, Verletzte, die heraus geschnitten werden müssen, stundenlange Staus….
    Da kommen die belgischen Loosers nie hinterher.

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    1. Aber, aber: Eine Schiesserei aus drei verschiedenen Winkeln «videotisiert» macht «drei» Schiessereien.

      Dann noch ein wenig «getwittert», «gepostet», «geteilt» und «geliked»: Und schon steht man selbst mitten im Kugelhagel und gehört auch zu den Opfern.

      «Pffiuuu».

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    2. sorry, manchmal muss ich einfach grinsen …
      @bärbeiss?
      unser guter alter john wayne, der vor-bild-schirm-reiter:
      «die jungen? alles weicheier! – kommt jungs, kesseln wir uns im kugelhagel vor leningrad ein und erfrieren wenigstens anständig»

      (hui: knallhart)

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    3. @Bärbeiss: Und ich rede davon, dass die einen ihre persönliche Befindlichkeit und Sorge ins Zentrum ihrer Welt stellen und sich von Ereignissen unmittelbar betroffen fühlen, von denen sie nur gehört haben und so tun, als seien sie trotzdem irgendwie dabei gewesen. Und die anderen tun so, als seien einzelne Ereignisse, von denen sie hören, die Grundlage für düstere Zukunftsprognosen, die sie aber nicht als Prognosen, sondern als Gegenwart verkünden. Sich selbst und die eigenen Gefühle lassen sie dabei jedoch völlig aus dem Spiel um dem Ganzen noch mehr den Anstrich der Objektivität zu geben.
      Der Unterschied ist, dass die einen das tun, um mangelndes Selbstbewusstsein und übertriebene Ängstlichkeit durch Aufmerksamkeit zu kompensieren und die anderen tun es um um mangelndes Selbstbewusstsein und übertriebene Ängstlichkeit durch Aufmerksamkeit zu kompensieren.

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