Basler Salons wehren sich gegen ihr Verschwinden

Ein Donnerschlag aus dem Milieu: Prostituierte und Salonbesitzer gehen gemeinsam für eine Demonstration auf die Strasse. Eine schillernde Geschichte über eiskaltes Kalkül und die juristische Basler Krux mit dem käuflichen Sex. 

Eine Sexarbeiterin im Salon «Edelweiss» an der Müllheimerstrasse 42. Es ist eines der wenigen Etablissements, das über eine Bewilligung verfügt. 

Das hat es in Basel so noch nicht gegeben: Prostituierte und Betreiber von Sexclubs wollen am Mittwoch, 26. September, ab 11 Uhr Seite an Seite für bessere Arbeitsbedingungen im Basler Milieu demonstrieren. Ein Donnerschlag aus dem Milieu, das sich sonst der Öffentlichkeit nach Möglichkeit entzieht und Journalisten abwimmelt wie lästige Fliegen.

Und jetzt das: Eine Demonstration von Sexarbeiterinnen und Salonherren. Interviews mit betroffenen Personen. Fotos. Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit im Herzen der Stadt. Irgendetwas muss sich zugetragen haben, das die Verhältnisse im Milieu grundsätzlich erschüttert. Anders ist das alles nicht zu erklären.

Was steckt also hinter dem geplanten Aufmarsch zwischen Barfüsser- und Marktplatz?

«Ich will, dass es den Mädchen besser geht. So wie es jetzt ist, ist es schlecht.»

Marco Block, Geschäftsführer «6navi»

Ein Treffen mit Marco Block, er hatte im Vorfeld der Demo ein E-Mail an die Medien verschickt. Betreff: «Klare und transparente gesetzliche Grundlagen für Erotikdienstleisterinnen.»

Ein grosser Mann, breite Schultern, sehniger Bizeps, Jeans, Flipflops, schweres Parfüm. Auf dem weissen T-Shirt steht «Bitches Love Wine». Marco Block kommt zu spät, er ist auf dem Weg zum Treffen mit dem Auto in der Innenstadt an einer Polizeistreife hängen geblieben. Eine Katastrophe sei das mit der Verkehrsführung in Basel, sagt Block. Aber jetzt zur Sache.

Das Gespräch findet im Sitzungszimmer von Anwalt Andreas Noll statt. Noll vertritt seit Jahren Mandanten aus dem Milieu, er kennt die Probleme zwischen den verschiedenen Playern, er kennt die Rechtslage. Noll ist von Block und «6navi» mandatiert, er soll die harten Fakten zur Demonstration liefern. Block ist für die Emotionen zuständig.

«Ich will, dass es den Mädchen besser geht», sagt er. «So wie es jetzt ist, ist es schlecht.» Er bezeichnet die Frauen mal als Kundinnen, mal als Mädchen, mal als Prostituierte, egal, sie alle weinten sich bei ihm aus über die Missstände in dieser Stadt. Und er, Block, könne das nicht mehr mitansehen. Also organisiert er jetzt diese Demo, damit auch mal Schluss ist und endlich was passiert. «Macht ja sonst keiner was hier, alle haben Schiss.»

Der Organisator, ein Marketingmanager

Block hat keinen Schiss. Er redet frei Schnauze, Typ Macher. Block hat vor zwei Jahren begonnen, in der Schweiz Geschäfte zu machen. Er betreibt die Inserateplattform «6navi», auf der Sexarbeitende ihre Dienstleistungen anbieten. Block hat diesbezüglich den Schweizer Markt revolutioniert, sagt er von sich selber. «Als ich hier ankam, herrschte Steinzeit. Der Online-Auftritt der Sexclubs war so langweilig, da schläft dir das Gesicht ein.»

Der Schweizer Sexmarkt ist dauernd in Bewegung. Manche Sexarbeiterinnen bleiben nur wenige Tage in einer Stadt und reisen dann in die nächste. Block ist einer der Marketing-Zampanos hinter dieser Schweizer Schattentournee der Prostituierten.

Eine dieser Frauen ist Nina F. Sie tritt am selben Tag in den Eingang eines Mehrfamilienhauses am Steinengraben, nimmt die Treppe in den zweiten Stock und schliesst die Tür auf mit dem Allerweltsnamen neben der Klingel. Sie verstaut ihre Wertsachen im Safe und zieht Dessous an, drüber einen Bademantel mit weissen Sternen drauf.

Ihr erster Freier kommt in einer halben Stunde. Die Uhr in der Küche zeigt kurz nach elf. Nina schminkt sich. Sie sagt: «Ich bin keine Nutte.» Nina sagt, dass sie studiere und hier gutes Geld verdiene. «Ich kann mir meine Freier aussuchen und entscheide selber, wie viel ich arbeite.» Mit «denen» auf dem Strich habe sie nichts zu tun.

Ninas Sprache wird rau, wenn sie über die Frauen im Kleinbasel spricht. Sie wird in letzter Zeit häufiger um Praktiken gebeten, die in diesem Salon lange tabu waren. «Französisch nature» zum Beispiel, Oralverkehr ohne Kondom, und das habe auch mit «denen» zu tun.

Zerrbild der Basler Prostitution

Das Hufeisen Webergasse, Teichgasse und Ochsengasse im Kleinbasel ist längst zur Chiffre für das Sexgewerbe in Basel geworden. Dabei liefert die Strassenprostitution nur ein Zerrbild dessen, was das Milieu eigentlich ist.

Nach jedem Gast wäscht und trocknet Nina ihre Bettwäsche. Viel Zeit hat sie nicht, manchmal klingelt es oft an der Türe.

Über 100 Salons wie der am Steinengraben werden in Basel betrieben. Aber wenn die öffentliche Debatte in verlässlicher Regelmässigkeit wieder einmal auf den käuflichen Sex fokussiert und Bilder hermüssen, dann fahren die Kameras der Medienteams der Einfachheit halber durch die Webergasse. Der grosse Teil des Sexgewerbes in Basel sieht anders aus.

Es präsentiert sich eher wie diese Dreizimmerwohnung am Steinengraben, wo Nina jetzt auf dem Balkon steht und raucht. Sie und zwei andere Frauen mieten sich ein Zimmer in der Wohnung am Steinengraben für je 100 Franken am Tag, das sind insgesamt 2100 Franken Miete in der Woche. An der Türe klingelt es, Nina drückt die Zigarette aus und geht zur Sprechanlage. «Hallo? Ja, zweiter Stock.» Sie drückt den Öffner.

Was Nina noch nicht weiss: Sie wird sich bald eine neue Adresse suchen müssen, um ihre Dienste anzubieten.

Andrea will einen Salon eröffnen – nur wo?

Das weiss bislang nur Andrea S., sie ist Betreiberin des Salons und vermietet die Zimmer an die Frauen weiter. Andrea S. hat selbst jahrelang angeschafft, heute empfängt sie nur noch wenig Besuch. «Ich kenne jeden im Basler Milieu», sagt sie. Andrea ist zirka 40 Jahre alt, schmales Gesicht, weiche Augen. Das Telefon klingelt pausenlos, Andrea drückt die Anrufer weg. Andrea will reden.

Denn seit sie wieder einen dieser Briefe vom Bau- und Gastgewerbeinspektorat erhalten hat, schläft Andrea schlecht. Er enthielt die Aufforderung, für die Wohnung am Steinengraben eine nachträgliche Umnutzungsbewilligung einzuholen, wie es in Basel seit dem 1. Juli 2014 Gesetz ist. Seither gilt:

«Wer einen Sex-Salon in Wohnräumen betreiben will oder Gewerberäumlichkeiten neuerdings für einen Sex-Salon nutzen will, muss dafür eine sogenannte Umnutzungsbewilligung haben. Dies entspricht einer Baubewilligung. Eine Umnutzungsbewilligung wird beim Bau- und Gastgewerbeinspektorat beantragt.»

Andrea sagt: «Diese Verordnung kannste kippen.» Mit dem Antrag für eine Baubewilligung steht nämlich ein Schild auf der Strasse, das über Zweck und Absicht des Baugesuchs informiert. Und wenn auf diesem Schild das Wort «Gewerbe», «Sex» oder «Prostitution» auftaucht, dann hagelt es Einsprachen vonseiten der Anwohner. «Sie können sich vorstellen, was das für uns bedeutet.»

«Manchmal sind die Freier betrunken. Ich kann verstehen, dass das für Anwohner ein Problem ist.»

Andrea S., Salonbetreiberin

Das Bau- und Gastgewerbeinspektorat schreibt auf Anfrage: «Seit dieser Praxisänderung ist erst ein Betrieb bewilligt worden. Gegen diesen Entscheid ist ein Rekurs hängig.» Eine Anfrage beim JSD zeigt, in welcher Relation diese eine Bewilligung steht: Seit 2012 haben in Basel 96 Salons ihre Türen geschlossen, die Zahl sank von total 239 Salons im Kanton Basel-Stadt auf gerade noch 143 im Jahr 2017. Ein drastischer Rückgang bei einer gleichzeitigen Zunahme gemeldeter Sexarbeiterinnen von 3268 (2012) auf 3400 (2017).

Gerade in sogenannten Mischzonen, in denen Wohn- und Gewerberaum nebeneinander liegen, wirken anrüchige Worte auf weissen Tafeln wie Bomben. Das schlechte Image kommt nicht von ungefähr, gibt Andrea sofort zu: «Manchmal sind die Freier betrunken, manchmal hat sich der Chefarzt auf dem Zimmer mit Koks zugedröhnt. Natürlich kann ich verstehen, dass das für Familien ein Problem ist.» Andrea hat selber zwei Kinder, die ältere Tochter steht kurz vor der Matur.

Szene in der Küche bei Andrea S.: Katarzyna (in Jeans) ist gerade aus Polen angekommen und trinkt erst mal einen Kaffee. Olga (stehend) ist seit einer Nacht in Basel, sie bleibt für ein paar Tage.

Und Andrea kann auch verstehen, dass sich manche schwertun damit, wenn Wohnungen für sexuelle Dienstleistungen zweckentfremdet werden. «Der Platz ist knapp und es stimmt ja, wir besetzen hier Wohnraum», sagt sie. Andrea, die neben der Adresse am Steinengraben noch andere Wohnungen mietet, hat das Versteckspiel satt. Sie würde gerne einen professionellen Salon eröffnen, auf solider Gesetzesgrundlage. Im Gewerbegebiet zum Beispiel.

Sie hat recherchiert, hat Zonenpläne studiert, hat die Industrie- und Gewerbezonen auf dem Dreispitz und dem Lysbüchelareal durchforstet. Dort hat sie viel Leerstand entdeckt.

Andrea wollte einen der leerstehenden Bürokomplexe oder eine Lagerhalle anmieten, umbauen, arbeiten. «Ich hab mir ein Bein ausgerissen, um auf seriöse Art und Weise mein Geschäft zu retten.» Andrea war bei den Immobilienvertretern der SBB. Sie sprach zwei Stunden mit dem Leiter der Abteilung Liegenschaften der Christoph Merian Stiftung. Den SBB und der CMS gehört beinahe der gesamte Boden der Industrie- und Gewerbezone auf dem Dreispitz und dem Lysbüchelareal.

Angst um den guten Ruf

Aber alle Bemühungen liefen ins Leere. «Die SBB und CMS wollen ihre Immobilien grundsätzlich nicht an Gewerbetreibende aus dem Milieu vermieten», sagt Andrea. «Die haben Angst um ihren Ruf.»

Die Christoph Merian Stiftung präzisiert auf Anfrage: «Wir haben ein entsprechendes Gesuch auf dem Dreispitz abgelehnt. Die Nutzungsabsichten entsprachen nicht der Zweckbestimmung im Baurechtsvertrag. Zudem besteht mit einer Vermietung ans Sex-Gewerbe die Gefahr eines sogenannten Downgradings, also einer Wertverminderung.» Die SBB liessen eine entsprechende Nachfrage unbeantwortet.

Andrea platzt der Kragen, wenn sie an diese Gespräche zurückdenkt. «Basel brüstet sich gerne mit seiner ach so toleranten Praxis, sie nennen das Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt. Aber diese Erlaubnis ist eine Farce!» Die Salons in den Quartieren würden zwischen den Auflagen zerrieben, und die Gewerbezone sei aus ideellen Gründen tabu. «Diese Stadt will sich schleichend des Milieus entledigen. Aber wenn unsere Arbeitsplätze verschwinden, verschwindet die Prostitution deswegen noch lange nicht. Sie wandert lediglich in den Untergrund.»

Andrea und andere Salonbesitzer, die wir im Laufe der Recherche kennenlernen, wollen das Schmuddelimage des Strassenstrichs loswerden und das möglichst schnell.

Besuch in einem bewilligten Lokal

Auch darum lässt Andrea uns hinter die Kulissen blicken. Lässt uns mit den Frauen reden, lässt uns die Zimmer fotografieren. Im Handumdrehen hat sie mehrere Kontakte zu Pesonen hergestellt, die aus Angst vor schlechter Presse normalerweise schweigen würden. Nicht immer sind ihre Geschichten verifizierbar. Aber der Blick in die Salons zeigt die Normalität einer Welt mit klaren Bedingungen: Sex gegen Geld.

Im Untergrund, allerdings nur im wörtlichen Sinn, liegt zum Beispiel das Etablissement Edelweiss an der Müllheimerstrasse. Diego, der Pächter, trägt die schwarzen Haare zurückgebunden, Handschlag zur Begrüssung, mit dem Lift geht es hinab ins zweite Untergeschoss. Diego sagt: «Bitte nach Ihnen».

Früher war das «Edelweiss» an der Müllheimerstrasse ein Saunabetrieb. Damit Betreiber Diego nichts an der Bausubstanz ändern musste, hat er die kleinen Chalets eingebaut. «Schreiben Sie was mit Hüttengaudi», sagt er.

Ein dunkler Raum, es ist kühl, müde Scheinwerfer kreisen an der Decke. An der Bar sitzen drei Frauen, drei weitere haben sich auf den Sofas niedergelassen. Gäste sind noch keine da. Der Empfang ist natürlich inszeniert.

Der Barmann nimmt die Jacken in Empfang, die Frauen lächeln angestrengt und Diego bittet ins Hinterzimmer. Es ist ein grosser Raum, in dem Diego drei Einzelchalets von der Grösse mittelgrosser Gartenhäuser installiert hat. «Ich darf nichts an der Bausubstanz ändern, sonst brauche ich eine Bewilligung», sagt Diego. «Darum habe ich mir das mit den Chalets einfallen lassen. Jetzt hab ich drei Zimmer in einem. Super, oder?»

Eine der Frauen soll uns die Chalets zeigen. Wie weich die Betten sind. Wie praktisch die Feuerlöscher platziert. Es ist ein skurriler Rundgang durch einen der wenigen bewilligten Salonbetriebe in Basel. Auf der Website ruft das Model auf der Fotomontage durch ein Megafon, damit es im besten Fall das ganze Internet erfahre: «Gekommen, um zu bleiben! Jetzt mit Bewilligung!»

Aus dem Salon auf die Strasse

Dass nur die wenigsten Etablissements mit dem begehrten Stück Papier rechnen können, habe vor allem für die Frauen fatale Folgen, sagt Diego. Das sagt auch Andrea. «Zu uns kommen unscheinbare Männer von gesellschaftlichem Rang mit den perversesten Fantasien. Wir geben ihnen, was sie wollen, innerhalb eines professionellen Rahmens. Wenn es das Milieu nicht gibt, holen sich die Typen ihren Kick halt woanders, vielleicht mit Gewalt. Ohne die Arbeit in den Salons landen viele Frauen auf der Strasse.»

Zum Beispiel Vanessa. Sie ruft eines Nachmittags an, sagt, sie habe in Basel lange an zwei Adressen gearbeitet. An der Dornacherstrasse und an der Solothurnerstrasse. Beide Salons mussten schliessen. In Basel fand sie keine Arbeit mehr. Seither erkundigt sie sich rund um das Hotel im Markthauskomplex Weil am Rhein diskret nach dem Interesse von Passanten. Im Hotel, so sagt sie, arbeiteten viele Frauen wie sie. Einige Kunden von früher kämen sie dort auch besuchen. Ein Teil des Milieus hat sich offenbar über die Grenze verschoben. Die Freier fahren nun eben nach Deutschland.

Vanessa arbeitet jetzt auf der Strasse. Ihr Fall zeigt eine Prekarisierung der Arbeit durch den Verlust von Arbeitsplätzen im Basler Salonmilieu. Ein Treffen für einen Augenschein vor Ort lehnt sie ab.

Noll, Block und mögliche Geschäftsinteressen

Anwalt Andreas Noll hat über Jahre ähnliche Geschichten gehört. Vanessa und Nina, Andrea und Diego sind für ihn das auswechselbare Personal eines Basler Trauerspiels.

Seine Forderung formuliert er gleichzeitig so offen wie präzise: «In Basel müssen endlich Richtlinien geschaffen werden, an denen sich das Gewerbe verbindlich orientieren kann.» Wo und zu welchen Bedingungen gearbeitet werden darf, sei zwar auf dem Papier geregelt. «Aber in der Praxis dreht sich eine Verdrängungsspirale, die von der Stadt hingenommen wird.» Dadurch würden zwielichtige Betreiber begünstigt, was sich insbesondere auf die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen auswirke.

«Zu uns kommen Männer mit den perversesten Fantasien», sagt Andrea. Eine Verdrängung des Gewerbes hält sie für fatal, die moralische Herabsetzung für verlogen.

Das will Noll ändern. Auch, weil ihn die Praxisänderung beruflich betrifft. Und hier erhält die Geschichte hinter der Demonstration noch ein weiteren Aspekt.

Denn Noll mandatiert nicht nur Marco Block in Sachen Demonstration. Noll vertritt auch das «FKK Basel», dessen von Anwohnern zäh errungener Schliessungsbefehl zurzeit vor dem Appellationsgericht hängig ist. Und mit dem Geschäftsführer des «FKK», das zeigen Recherchen auf einschlägigen Wirtschaftsportalen, steht wiederum Block in einer Geschäftsbeziehung.

Block bestreitet jeden Zusammenhang zwischen den Anliegen der Demonstration und der geschäftlichen Beziehung zu einem in seiner Existenz bedrohten Laufhaus. Diese Verbindung stamme von früher, sagt er. Andreas Noll betont eindringlich, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe: «Ich hielt diesbezüglich explizit Rücksprache mit meiner Klientschaft. ‹FKK Basel› hat nach meinem Kenntnisstand nichts mit der angekündigten Demonstration zu tun.»

Kleinster gemeinsamer Nenner: Alle wollen Geld

Inwiefern sich die Interessen in dieser Sache überlagern, lässt sich nicht abschliessend klären. Schlussendlich aber sitzen Salonbetreiber und Werber, Vermieter und Clubbesitzer alle im selben Boot. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist: Sie wollen Geld verdienen. Auch darum soll diese Demonstration stattfinden, damit das Business endlich zur Ruhe kommt.

Das Empfangskomitee im «Edelweiss» wirkt inszeniert. Freier sind an diesem Nachmittag noch keine da. 

Und so legt die Recherche hinter der Demonstration verschiedene Facetten einer schillernden Geschichte frei. Berechnendes Kalkül und echter Wille zur konstruktiven Veränderung gehen hier Hand in Hand. «Ich würde mich freuen, wenn jemand vom Grossen Rat unsere Aktion zum Anlass nähme, die Anliegen in die Politik zu tragen», sagt Noll.

Er hofft den Stein damit wieder ins Rollen zu bringen. Der Grosse Rat hatte  2010 einen Anzug von Ursula Metzger Junco (SP) an den Regierungsrat überwiesen mit der Forderung nach der «Erstellung eines Konzepts Prostitution». Der Regierungsrat lehnte nach eingehender Prüfung der Situation ab. Die gesetzlichen Instrumente seien ausreichend, beschied er in seinem Beschluss von 2016.

Damit die Demonstration reibungslos über die Bühne geht, trifft sich Marco Block am Vorabend noch mal mit allen, die mitlaufen wollen. «20 bis 30 Frauen werden das schon sein», hofft er, so genau weiss er es aber nicht. Für ihn ist es die erste Demonstration, die er besucht. Und gleich seine eigene. «Wenns gut läuft, werden wir auch in Luzern, in Zürich und St. Gallen demonstrieren. Dort liegt ebenfalls vieles im Argen.»

So ist er. Block, der Macher. Wenn ein Modell Erfolg verspricht, schickt er es gleich auf Tour.

https://tageswoche.ch/stadtleben/ustrinkete-im-klingeli-auch-fuer-die-prostituierten/
https://tageswoche.ch/gesellschaft/bis-das-rotlicht-erlischt-der-verdraengungskampf-im-milieuviertel/

Konversation

  1. dass Herr Noll „weint“ wenn er seine Mandanten verliert kann man nachvollziehen ansonsten kommt man sich bald wie auf St.Pauli vor ALLES IN EINER HAND !!!??? Und ich verstehe nicht wieso die Frauen aus dem Osten hier so arbeiten können, es gibt genug Schweizer Dirnen denen die die Arbeit wegnehmen, Komisch dass da niemand aufmupft wo man doch sonst so kontinuierlich gegen die ausländischen Mitbürger wettert ???

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  2. In Anbetracht des Geldes, was dort fliesst, müssen die Klienten dort auch finanziell besser gestellt sein. Damit befinden wir uns mindestens in der Basler Mittelschicht, also der Schicht, die auch ins Theater geht und so Kultur konsumiert. Das Hauptproblem ist natürlich, dass keiner zugibt, dort regelmässig hinzugehen und die/der Ehepartner diese Struktur auch eher als „eheliche Konkurrenz“ wahrnimmt.
    Wir haben es hier mit der Rückseite der „Normalität“ zu tun, über die wenig gesprochen wird.
    Eine ähnliche Rückseite betrifft den Drogenhandel, der auch fianzpotentere Kunden benötigt, die halt auch entsprechendes Kleingeld haben.
    Ergo: Wer Geld fürs Theater hat, sollte auch Geld dafür haben.

    (Die einfacheren Leute gehen dann eher ins Joggelistadion oder auf dieverse Sportplätze oder Open-Air-Konzerte, was auch ein Teil der Kultur ist und daher auch entsprechend gefördert werden sollte.)

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  3. tolle reportage, die das milieu von verschiedensten blickwinkeln aufzeigt – nur die stimmen der anwohner fehlen mir. ich lebe selber in der webergasse und es ist immer wieder erschreckend wie es bei uns in der strasse zu und hergeht. jede nacht wird mind. einmal laut umhergeschriehen – brutale schlägereien sind nicht selten.

    wir haben auch schon des öftern mit der polizei gesprochen – die kommen dann vorbei, beschlichtigen und fahren wieder davon. wenn sie weg sind geht es wieder weiter. ich akzeptiere eine gewisse lautstärke (da das auch das zentrum der stadt ist) aber so wie es jetzt läuft sind glaubs nur die besoffenen zufrieden.
    die frauen die in der webergasse arbeiten können einem leit tun. die arbeiten wirklich unter rauhen bedingungen.

    es ist absolut notwendig dass man sich über dieses thema öfters unterhält – schliesslich ist es ein teil unserer gesellschaft und unserer realität. und es ist auch wichtig, dass gute vorschriften und gesetzedgrundlagen vorhanden sind, damit die frauen auf der strasse schlussendlich unter besseren bedingungen arbeiten können.

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