Wie können wir helfen? Die Gundelianer und ihre Flüchtlinge

Im Gundeli steht seit einem Jahr Basels grösste Flüchtlingsunterkunft. Sie ruft weder Kritik noch Unbehagen hervor, nur Zufriedenheit. Was ist da los?

Nur beim Fussball gab es Ärger: Die Flüchtlingskinder sollen den Fussballplatz in ihrer Siedlung nutzen, um Konflikte mit den Anwohnern zu vermeiden.

Es gibt Leute, die sagen, dass sich diese Geschichte nur hier so abspielen könne, im Gundeli eben. Mia Nold ist so eine. Wir treffen sie in der Containersiedlung am Dreispitz, wo 130 Flüchtlinge leben, zwischen Schrebergärten, Gleisen und der Häuserzeile am Walkeweg.

Nold führt uns durch die Siedlung. Nach wenigen Metern bleiben wir stehen. Die zwei Syrer Mahdi und Hakim* kommen auf uns zu. Nach kurzer Zeit entwickelt sich ein Gespräch – in gebrochenem Deutsch und mit vielen Gesten.

Unkraut statt Gemüse

Mia Nold (38), die in einem Zürcher Büro für Stadt- und Quartierentwicklung arbeitet, kennt die beiden gut. Sie ist regelmässig in der Siedlung, engagiert sich für den Austausch zwischen Flüchtlingen und Quartierbewohnern. «Als wir von der neuen Unterkunft erfuhren, haben wir uns gefragt: Was können wir tun, um die Menschen hier ein Stück weit willkommen zu heissen und ins Quartier zu integrieren? Schliesslich steht diese Siedlung am äussersten Rand der Stadt und es gibt kaum Anknüpfungspunkte ans umliegende Quartier.»

Also kamen sie, ihr Bruder und weitere Freiwillige immer wieder in die Siedlung, haben einige Holzkisten bepflanzt, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Tee getrunken, sich mit ihnen angefreundet. Nold erklärt: «Die Idee war, dass wir auf Augenhöhe mit den Bewohnerinnen und Bewohnern etwas machen, zum Beispiel Gemüse anpflanzen. Wir wollten nicht einfach Spenden sammeln und den Leuten hier vorbeibringen. Nichts Karitatives, ohne Helfersyndrom.»

Aus dem Anpflanzen von Gemüse wurde dann nichts. Die Holzkisten sind mittlerweile mit Unkraut überwuchert. Die Bewohnerinnen und Bewohner hätten sich für das Gärtnern wenig interessiert, sagt Nold. Dazu kam, dass die Siedlungsleitung nur ihnen, den Schweizern, den Schlüssel zum Wasseranschluss geben wollte. «Wir mussten jeden Tag hierher kommen, um die Pflanzen zu giessen – das war für uns nicht die Idee», sagt Nold.

Die Unterkunft umfasst rund 250 Plätze, belegt sind zurzeit 130.

Jetzt kommt sie etwa zwei Mal im Monat in die Siedlung. Sie und zwei weitere Personen haben einen Nachbarschaftstreff organisiert, der jeden letzten Sonntag im Monat stattfindet. Dort trinken die Menschen aus der Siedlung und dem Quartier zusammen Kaffee und Tee. «An diesen Nachmittagen werden Erfahrungen ausgetauscht und Vorurteile abgebaut, die Leute vernetzen sich. Im besten Fall entstehen daraus freundschaftliche Beziehungen, die vertieft werden.»

Mahdi würde gerne mehr Deutsch sprechen. Er könne im Gegenzug Arabisch unterrichten, sagt der Syrer und strahlt. Ein Treffen im Monat sei zu wenig. «Besser jeden Tag», lacht er.

«Extrem viele Rückmeldungen»

Siedlungsleiter Jens Jenrich.

Jeder, der vom Gundeli und seinen Flüchtlingen spricht, kommt irgendwann auf das Engagement der Quartierbevölkerung zu sprechen. So auch der Leiter der Siedlung, Jens Jenrich: «Bereits an der Infoveranstaltung im November 2016 wurde das Projekt sehr positiv aufgenommen.» Es habe keine negativen Rückmeldungen gegeben, nur die Frage: Wie können wir helfen?

Der gelungene Start wirke bis heute nach, sagt Jenrich, während wir in seinem Büro im ersten Stock der Siedlung sitzen und Wasser aus einem Sodamax trinken. Auch über die Koordinationsstelle «Freiwillige für Flüchtlinge» engagierten sich viele Baslerinnen und Basler, indem sie sich mit Flüchtlingen treffen, ihnen die Stadt zeigen, mit ihnen Deutsch lernen oder einfach nur mit ihnen sprechen.

Gabriele Frank von der Quartierkoordination Gundeldingen gerät beim Thema Engagement der Quartierbevölkerung ins Schwärmen. Nach der erwähnten Infoveranstaltung habe sie «extrem viele Rückmeldungen» erhalten. Etwa 30 bis 40 Meldungen von Personen, die ernsthaft interessiert waren zu helfen. Nur eine Person habe sich mit einem kritischen Feedback bei ihr gemeldet.

Frank meint: «Die Toleranz und Bereitschaft zur Integration sind im Gundeli tief verankert – wohl auch deshalb, weil die Durchmischung der Bevölkerung hier seit Jahrzehnten gelebt wird.»

Vogelhändler ohne Vögel

Hakim nimmt uns mit zu seiner Wohnung im ersten Stock. Wir, vier Schweizer und drei Syrer, setzen uns an den Esstisch. Saida, die Ehefrau von Hakim, serviert Tee und Nüsse. Der Syrer erzählt davon, wie er in seinem Heimatland Vögel züchtete und verkaufte. Um sicher zu gehen, dass wir ihn verstehen, schleppt er einen leeren Vogelkäfig herbei. Hier in der Siedlung darf er keine Vögel halten, Haustiere sind verboten.

Der andere Syrer, Mahdi, der bereits seit neun Monaten mit seiner Familie hier lebt, sagt, es gefalle ihm sehr gut in der Schweiz. Aber manchmal sei es schon etwas langweilig. Er will arbeiten und besser Deutsch lernen. Aber dafür muss er mehr sprechen – und seine Kontakte zu Schweizern sind rar.

In Damaskus war Mahdi Schuhhändler. Er besass drei Schuhgeschäfte und zwei Häuser. Durch den Krieg wurde alles zerstört.

Tee, Nüsse, Kaffee, Kekse: Mia Nold und ihr Bruder Caspar (Mitte) geniessen die syrische Gastfreundschaft.

Saida tischt den nächsten Gang auf: Kaffee und Kekse. Ein weiterer Nachbar hat sich dazu gesellt. Jetzt sitzen wir zu acht am Tisch und schlürfen an den Kaffeetässchen, die bis zum Rand gefüllt sind.

Wir sind beim Thema Abfalltrennung angelangt. Alles sei hier so kompliziert, sagt Mahdi. In Syrien geht Abfall so: alles in einen Sack und fertig. Alle lachen.

Was ist noch typisch schweizerisch? «Die Leute hier haben keine Zeit», meint Mahdi. Alle seien so beschäftigt, arbeiten so viel.

Mahdi und Hakim sind zwei von 500 Personen aus Syrien, die als «besonders schutzbedürftige Flüchtlinge» eingestuft wurden. Sie kamen nicht per Schlepper, sondern mit dem Flugzeug nach Europa. Ihre Familien wurden in Syrien nach bestimmten Kriterien für das sogenannte «Resettlement Programm» ausgewählt.

Rund um die Uhr bewacht

Ihr Flüchtlingsstatus wurde deshalb bereits nach kurzer Zeit bestätigt. Andere Asylsuchende warten seit Jahren darauf. Was alle hier gemein haben: Sie bekommen Sozialhilfe und würden auf dem Markt keine Wohnung finden. Deshalb unterstützt sie die Sozialhilfe Basel-Stadt, die vom Bund Geld erhält für die ersten Jahre, die die Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen in der Schweiz sind.

Das Leben in der Flüchtlingsunterkunft ist zwar frei, aber engmaschig geregelt. Die Bewohnerinnen und Bewohner dürfen nach 22 Uhr keine Gäste beherbergen. Einmal im Monat gibt es einen Sauberkeits-Check der Wohnungen – mit Nachkontrolle. Und nachts und am Wochenende bewacht ein Securitas-Mitarbeiter die Siedlung.

Die Zweibett-Zimmer sind spärlich eingerichtet.

Dies sei weniger zum Schutz der Siedlungsbewohner, sondern vielmehr, damit rund um die Uhr eine Ansprechperson da sei, erklärt Siedlungsleiter Jenrich. Konflikte habe es bis jetzt keine gegeben.

Auch Befürchtungen, dass zur Untätigkeit gezwungenen Bewohner kriminell würden, sind bei den Gundeli-Flüchtlingen unangebracht. Die Polizei Basel-Stadt habe seit der Eröffnung der Unterkunft «keine Zunahme von Beschwerden aus der Bevölkerung oder dem Gewerbe festgestellt». Die Lage rund um die Unterkunft könne «als ruhig bezeichnet werden», teilt der Polizeisprecher auf Anfrage mit.

Streit um den Fussballplatz

Die besorgten Bürgerinen und Bürger und die vermeintlichen Zwischenfälle mit Asylsuchenden – es gibt sie auf dem Dreispitz nicht wie andernorts. Doch ein Ereignis bleibt den Syrern doch negativ in Erinnerung.

Sie erzählen, wie einige Kinder aus der Unterkunft auf dem Fussballplatz gleich gegenüber am Walkeweg ein paar Bälle kickten und sich die Anwohner beim Siedlungsleiter darüber beschwert hatten. Man wolle nicht, dass die Flüchtlingskinder den Fussballplatz besetzten, sagten die Anwohner. Die Leitung reagierte prompt und bat die Kinder, dort nicht mehr zu spielen.

Es sei darum gegangen, den Kindern nahezulegen, in der Siedlung zu bleiben, «um Konflikte zu vermeiden», erklärt Jenrich. Für die Syrer unverständlich. Sie suchten doch gerade den Kontakt zu anderen Kindern und Familien im Quartier.

Anfang Mai steht nun ein Fest an, das die Bewohner des Walkewegs und der Flüchtlingssiedlung zusammenbringen soll. Jenrich: «Auf diesem Weg suchen wir einen Austausch im Quartier.»

Die Flüchtlinge würden sich jeden Tag ein solches Fest wünschen.

* Namen geändert.

Das nächste Nachbarschaftstreffen findet am Sonntag, 29. April ab 14 Uhr in der Unterkunft an der Münchensteinerstrasse 103 statt. Interessierte sind willkommen. Wer darüber hinaus mehr über die Nachbarschaftstreffen erfahren möchte, kann sich bei Mia Nold melden ( mia.nold@gmx.ch).

Konversation

    1. Was wollen Sie damit andeuten? Dass Frau Nold in Wahrheit Geld kriegt für das Projekt und nur vortäuscht, sie mache es ehrenamtlich? Das ist nicht nur Quatsch, das ist auch diffamierend. Frau Nold ist soziokulturelle Animatorin, das haben Sie korrekt ergoogelt. Ihre Arbeit hat aber rein gar nicht mit ihrem Projekt im Gundeli zu tun. Wenn dann hilft ihre berufliche Erfahrung der Umsetzung ihres ehrenamtlichen, privaten Projekts.

      Denken Sie wirklich, Sie können mit einer simplen Google-Anfrage den Artikel und unsere Recherche ins Gegenteil drehen?

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