Ein Doktorand greift nach den Sternen, die Uni Basel löscht das Licht

Der Astronom Oliver Müller doktoriert an der Uni Basel und macht eine bahnbrechende Entdeckung. Die ganze Welt schaut hin, doch in Basel gibt es keinen Platz für ihn.

Jung, brillant und ausgebremst: Für den Astronomen Oliver Müller gibts an der Uni Basel keinen Platz.

Es ist ein Coup. Oliver Müller, 28 Jahre alt und Astronomie-Doktorand an der Uni Basel, schreibt einen wissenschaftlichen Aufsatz und landet damit auf dem Cover des «Science»-Magazins.

Wer im wohl renommiertesten aller Wissenschaftsjournale publizieren will, muss viele Hürden überwinden: Jedes Wort, jede noch so kleine Erkenntnis wird von Fachkollegen genauestens überprüft, nicht einmal zehn Prozent der eingesandten Texte werden abgedruckt. Sind diese Hürden gemeistert, lockt die Aufmerksamkeit der gesamten naturwissenschaftlichen Community.

Und Aufmerksamkeit hat Müller zuhauf bekommen. Weltweit haben Wissenschaftsjournalisten seine Erkenntnisse aufgegriffen. Von den Fachmedien gingen die Neuigkeiten zu den Publikumsmedien, am Ende berichtete sogar das obskure amerikanische Rechtsaussenportal «Breitbart» darüber, was Müller und seine Forschungskollegen entdeckt hatten.

Wir treffen den Münchensteiner in seinem Büro, kurz bevor er für ein paar Tage in die Berge fährt. Er hat in den letzten Tagen viele Stunden am Telefon verbracht, wegen Zeitverschiebungen oft zu unwirtlicher Zeit. Müller braucht eine Verschnaufpause, «das grosse Echo hat mich überrascht».

Rütteln am Paradigma

Es ist nicht nur der grosse Auftritt auf dem «Science»-Cover, der Müller zum gefragten Interviewpartner werden liess. Denn die Erkenntnisse des jungen Basler Forschers haben es in sich. Sie greifen die vorherrschende Meinung an, rütteln am Paradigma des kosmologischen Standardmodells.

Astrophysiker versuchen damit zu beschreiben, wie Galaxien entstehen, wie sich diese durch den Weltraum bewegen und gegenseitig beeinflussen. Die Kernthese: Galaxien enthalten neben der sichtbaren Materie vor allem dunkle Materie, die sehr massereich ist und durch grosse Gravitation die Sternsysteme in sich zusammenhält. Das lässt sich bisher nur mathematisch postulieren, gesehen oder gemessen hat diese dunkle Materie bisher noch niemand.

Es gibt für einen Naturwissenschaftler wohl kaum einen prominenteren Platz als die Frontseite des renommierten «Science»-Magazins.

Eine Galaxie besteht aus mehreren Milliarden Sternen; unsere Milchstrasse zählt zum Beispiel rund 300 Milliarden Sterne und wird ihrerseits von vielen sogenannten Zwerggalaxien umkreist. Die Lehrmeinung ging bisher davon aus, dass diese Bewegung chaotisch erfolgt, die Zwerggalaxien also kreuz und quer um die Hauptgalaxie kreisen.

Müller hat nun aber entdeckt, dass sich die Zwerggalaxien im Sternzeichen Centaurus nicht chaotisch um die Galaxie Centaurus A bewegen, sondern auf einer gemeinsamen Ebene und in gleicher Drehrichtung. Nachdem bei der Milchstrasse und der Andromeda-Galaxie vor einigen Jahren dieselbe Beobachtung gemacht wurde, ist Centaurus A nun die dritte Galaxie, in der konträr zur herrschenden These nicht Chaos, sondern Ordnung herrscht.

Der Schluss daraus: Etwas stimmt nicht am Standardmodell. Oder wie es Müller höflich ausdrückt: «Unsere Beobachtung fragt nach neuen Erklärungen.» Ist die These mit der dunklen Materie etwa falsch? Gibt es diese am Ende gar nicht?

Müller verbringt Tage und Wochen damit, Fotografien des Weltalls nach Auffälligkeiten abzusuchen. Worin Ungeschulte bloss Bildrauschen erkennen, liest der junge Astronom wie in einem offenen Buch. Dabei verlässt er sich in erster Linie auf seine Augen, unterstützt von selbstgeschriebenen Analyseprogrammen.

Die Aufnahmen von Centaurus A stammen von einem Riesenteleskop in Chile und lagen dort mehrere Jahre im Archiv. Der Basler Doktorand war der Erste, der auf die Idee kam, das vorhandene Material auf diese Weise anzuschauen. So hat er nicht nur die planare Anordnung der Zwerggalaxien erkannt, also die Tatsache, dass sie sich alle auf derselben Ebene bewegen, sondern ganz beiläufig die Anzahl der bekannten Galaxien im Sternbild Centaurus verdreifacht.

Ein kosmologischer Zufall?

«Der Blick ins Archiv war eine Verlegenheitslösung, weil ich keine Zeitfenster am Teleskop zugeteilt bekam, um eigene Messungen durchzuführen», sagt Müller. Die Zeitfenster werden von einer Kommission verteilt, die alle Anfragen nach Relevanz der Forschungsidee und Renommee der Gesuchsteller priorisiert. Zuvor zweimal abgeblitzt, hat Müller nach der Publikation in «Science» prompt ein Zeitfenster zugeteilt bekommen. Er darf das Teleskop nutzen, um seine Forschung voranzutreiben und im Sternbild Centaurus weitere Galaxien zu identifizieren.

Theoretiker verteidigen ihr Modell verbissen gegen Erkenntnisse aus der beobachtenden Weltraumforschung.

Müller stösst mit seinen Erkenntnissen nicht nur auf offene Ohren. Viele Astrophysiker – die Theoretiker in der Gilde der Weltraumforscher – verteidigen das Standardmodell verbissen gegen diese neuen Erkenntnisse aus der beobachtenden Astronomie: Die auf einer Ebene verteilten Zwerggalaxien seien durch Zufall erklärbar, die Milchstrasse und ihre benachbarten Galaxien ein kosmologischer Sonderfall.

Er sei sich bewusst, dass seine Forschung unbequeme Fragen aufwerfe, sagt Müller. «Ein allfälliger Paradigmenwechsel braucht Zeit, ist vielleicht aber auch gar nicht nötig. Es kann auch sein, dass die bisherigen Modelle nicht falsch, sondern einfach unvollständig sind.» Umso wichtiger sei es nun, auf diesem Gebiet weiterzuforschen. Mehr Wissen zu generieren, die Beweislast zu erhöhen.

Man könnte nun denken, dass die Universität Basel ein grosses Interesse daran hat, diesem jungen, aufstrebenden Forscher mit seinem vielversprechenden und international beachteten Projekt möglichst gute Bedingungen zu schaffen. Das Gegenteil ist der Fall.

Ein «astronomisches Schyssdräggziigli»

Zwar schmückt sich die Uni Basel gerne mit dem Coup, den Müller da gelandet hat. Doch eine Zukunft hat der Astronom in Basel nicht. Vor genau zehn Jahren wurde das hauseigene Astronomische Institut nämlich geschlossen. Aus Spargründen und anlässlich einer sogenannten Portfolio-Bereinigung, die Anfang der Nullerjahre lanciert wurde.

Zwei Professuren wurden gestrichen. Eva Grebel und Ortwin Gerhard, anerkannte Koryphäen, die sie besetzten, verliessen Basel und traten andere Stellen an. Seitdem tingelte ein kleines Splittergrüppchen als «astronomisches Schyssdräggziigli», wie es Bruno Binggeli formuliert, der einzige verbliebene Professor dieses Faches, unter dem Dach des Departementes Physik weiter.

Trotz Rumpfbetrieb brachten die letzten Basler Weltraumforscher Grosses hervor. Im vergangenen Herbst sorgte der mittlerweile emeritierte Professor für Astrophysik Karl-Friedrich Thielemann für Aufsehen, als seine vor vielen Jahren postulierte These zu den Gravitationswellen verifiziert wurde. Und nun Müller, der junge Doktorand, der mal eben an den Grundfesten der Kosmologie rüttelt.

Doch Müller ist der Letzte, der an der Uni Basel zum Thema Astronomie doktorieren wird. Seine Dissertation gibt er im August ab, einen Monat später geht Professor Binggeli in Rente. Dann heisst es Lichter löschen. Es ist das Ende einer Ära, die vor rund 140 Jahren ihren Anfang nahm.

https://tageswoche.ch/form/kommentar/der-umgang-der-uni-mit-der-astronomie-ist-ein-hohn/

Konversation

  1. Es ist den Naturwissenschaften normal, dass es Doktoranden nach Abschluss der Diss woanders Karriere machen. Generell sind Hausberufungen verpönt. Und wenn der Doktorand so gut ist wie im Artikel beschrieben, dann kann er sich später seine Uni auswählen.

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    1. Richtig. Ein Naturwissenschaftler verlässt spätestens nach seiner Diss die heimische Alma Mater. Manchmal ist es auch ausdrücklich verlangt beim Stellenbeschrieb, dass die Kandaten andere Unis und Länder gesehen haben.

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    2. Schon, aber darum geht es gar nicht, sondern dass es diese Studienrichtung in Zukunft an der Uni Basel nicht mehr gibt. Dafür wird so man unnützer Schrott gelehrt.

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    3. Ahem, wenn wir schon die Frage nach dem Nutzen stellen (disclaimer: ich finde Grundlagenforschung wichtig): Was nützt es uns zu wissen, wie sich Zwerggalaxien bewegen? Vielleicht lernen wir mehr aus den gender studies?

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    4. @Aehm, nun ja: Wenn eine Erkenntnis am kosmischen Standardmodell rüttelt, welches seinerseits ja auf der Allgemeine Relativitätstheorie beruht, welche ihrerseits die Wechselwirkung zwischen Materie, Raum und Zeit beschreibt finde ich dies doch wesentlich zentralere Erkenntnisse als was dieser Gender-Furz so rauslässt.

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  2. Man kann es verstehen. Hier ist viel zuviel Lichtverschmutzung, als man da was Ordentliches am Himmel sehen kann. Ein anständiges wissenschaftlich taugliches Teleskop steht weit oben in der Dunkelheit, über dem alltäglichen Abgasnebel und den Turbulenzen der Wärmeproduktion von Kaminen und Autos.
    Die nächsten ordentlich höheren Hügel stehen im Schwarzwald oder Elsass, die Alpen sind für Basel eigentlich zuweit entfernt.

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    1. Es gibt in dicht besiedelten Gegenden dieser Erde (also u.a. ganz Mitteleuropa) keinen einzigen Ort mehr, an dem es dunkel genug ist für astronomische Forschung. Ausserdem ist die Luftfeuchtigkeit z.B. auch in den Alpen meist zu hoch. Aus diesem Grund stehen alle Grossteleskope (und von dort stammen die Daten, die Herr Müller untersucht hat) allesamt entweder auf einer halbwegs dunklen Insel (z.B. la Palma, Hawaii (zumindestens IR und Radiobereich)) oder in Gebirgen mit aridem Klima (Anden).
      Es gibt wohl kaum mehr nennenswerte wissenschaftliche astronomische Beobachtung direkt „am Rohr“. Wie im Artikel beschrieben beantragt man einen Slot an einem Grossteleskop, „Beobachtung“ und Auswertung geschehen am Arbeitsplatz an der Uni.

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    2. …wissenschaftliche astronomische Beobachtung direkt „am Rohr“…

      Eine Fakultät. die sich derart leidenschaftlich mit Phallus-Symbolen beschäftigt, muss sich nicht wundern, wenn sie weg-gegendert wird…

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  3. Dank Portfolio-Bereinigung Anfang der Nullerjahre und dem Sparprogram vor 10 Jahren (wofür ausnahmsweise nicht BL verantwortlich ist) haben wir an der Uni Basel nun in Zukunft statt Astronomie Gender Studies. Tolle Leistung der Linken.

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    1. Nein, das ist viel näher und das ist eher beunruhigend.
      Dessen Grenze nennt man Ereignishorizont, in seinem Zentrum liegt ein schwarzes Loch.
      Bei zu grosser Nähe sind diese eher lästig, saugen sie doch alles auf, ohne wieder etwas zurückzugeben…

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