Mama geht arbeiten und das ist gut für mich

Die Lehrer schimpften, wenn nur der Vater zum Elternabend kam. Unsere Praktikantin aber ist ihrer Mutter dankbar, dass sie von ihr lernte, als Frau auf eigenen Beinen zu stehen.

Stark und unabhängig dank Mama: unsere Autorin mit ihrer Mutter.

Als ich eineinhalb Jahre alt war, dachte ich, meine Mutter lebe in einem Flugzeug der Austrian Airlines. Wenn eines über mich wegflog, winkte ich und rief aufgeregt: «Mama, Mama». Mein Vater fand das liebenswert und liess mich diese Vorstellung ausleben – weil ich mich dadurch besser fühlte, wenn meine Mutter nicht zu Hause war.

Kurz vor meiner Geburt bekam mein Vater das Angebot, für das ZDF als Korrespondent in die USA zu gehen. Auf diese Chance wollte er nicht verzichten, gleichzeitig wollte meine Mutter ihren Beruf und ihre eigene Arztpraxis in Wien nicht aufgeben.

Sie entschied sich, zu pendeln: Alle zwei Wochen flog sie für zwei Wochen zu uns nach Washington D.C. – und dann eben retour nach Wien, um dort ihre Patienten zu versorgen. Das ging vier Jahre lang so, bis wir wieder nach Österreich zogen.

Meine Mutter zeigte mir: Eine Frau muss sich nicht auf die Hausfrau reduzieren lassen. Sie hat ein Recht auf mehr.

Manche Leute, denen ich die Flugzeuggeschichte erzähle, finden sie lustig. Andere reagieren befremdet. Sie halten es für eine Katastrophe, dass meine Mutter nicht ständig bei ihren Kindern war. Sie fragen mich pikiert: «Wieso ist sie überhaupt arbeiten gegangen?» Oder: «Wer hat die ganze Zeit auf dich aufgepasst?»

Wenn ich solche Fragen höre, muss ich die Augen verdrehen.

Bisweilen kommt auch die Frage: «War es nicht traumatisch für dich, eine solch abwesende Mutter zu haben?» Die Antwort darauf ist einfach: Nein. Ich habe dadurch mehr gelernt, als wenn sie ständig auf mich aufgepasst hätte.

Frauen werden noch immer oft darauf beschränkt, Fürsorgerin für die Familien zu sein. Meine Mutter zeigte mir, dass es auch anders geht: Eine Frau muss sich nicht auf die Rolle der Hausfrau reduzieren lassen – weder vom Ehemann noch von den Kindern oder den Nachbarn. Sie hat ein Recht auf mehr.

Ich habe mitbekommen, dass mein Vater auf meine Mutter und ihren Erfolg stolz war. Ihren Kampfgeist liebt er bis heute sehr.

Meine Mutter hatte ihren eigenen Beruf, ihre eigene Praxis und ihre eigene Klientel. Sie arbeitete lange Stunden und zeigte mir: Wenn sie sich anstrengt, kann eine Frau eigene Ziele erreichen. Ja, sie muss sich bemühen, Opfer bringen, Frust oder Enttäuschung wegstecken. Aber es kommt was dabei raus.

Lehrer schimpften mit mir, weil meine Mutter nicht zu Eltern-Lehrer-Konferenzen kam.

Manchmal nahm meine Mutter mich mit in ihre Praxis oder ins Spital. Dort konnte ich sehen, wie sich die Patienten freuten, wenn sie vorbeischaute. Weil sie jemand war, der ihnen beistand, ihnen zuhörte und half. Daran merkte ich, dass sie eine sinnstiftende Arbeit ausübt.

Trotzdem wurde ich für meine Mutter sehr kritisiert.

Lehrer schimpften mit mir, weil meine Mutter nicht zu Eltern-Lehrer-Konferenzen kam – obwohl mein Vater zu jeder Sitzung erschien. Es wurde auch erwartet, dass sie Schülertheater oder Konzerte besuchen würde. Ein No-show galt als Beleg mangelnder Erziehung.

Was sie nicht wussten, ist, dass meine Mutter durch ihre Arbeit mithalf, mir und meinen vier Geschwistern die Schule zu finanzieren. Sie wollte für uns die bestmögliche Ausbildung.

Ausserdem nahm sie sich immer wieder Auszeiten, um mit der Familie Dinge zu unternehmen. Wir sind oft zusammen weggefahren. Mit zwei Jahren war ich in Mexiko, mit drei in Hongkong, mit vier in Manila, mit fünf in Riga … Wir waren immer irgendwo zusammen unterwegs.

Ich bin eine starke, selbstständige Frau. Das habe ich meiner Mutter zu verdanken

Jetzt, wo ich erwachsen bin, mache ich mit Mama öfter Mutter-Tochter-Touren. Meine Mutter liebt das schöne Leben – und dazu lädt sie mich immer wieder gerne ein.

Sie hat mir gezeigt, wie viel Spass es macht, neugierig zu bleiben. Meine Mutter hat mir vorgelebt: Es gibt nichts Schlimmeres, als das ganze Leben lang immer dasselbe zu machen. Immer nur daheim sein. Immer nur Schnitzel essen. Immer nur im Wiener-Dialekt reden. Sie muss immer etwas Neues erleben, Neues entdecken – Städte und Sport, Kunst und Kulinarik.

Heute – mit 21 Jahren – bin ich eine starke, selbstständige Frau. Ich weiss, was es heisst, alleine zurechtkommen zu müssen, und kann mein eigenes Ding machen. Ich bin nicht von irgendjemandem oder irgendetwas abhängig. Das habe ich meiner Mutter zu verdanken. Sie hat mir beigebracht, auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Sie hat mir vorgeführt, was eine Frau alles kann.

Gleichzeitig weiss ich, dass meine Mutter mir immer zur Seite stehen wird, wenn ich doch etwas brauche. Und wenn es mir mal nicht gut geht, dann lässt sie mich in einer Austrian-Maschine nach Hause fliegen.

Dossier Putzfrauen und Waschlappen

Wer fordert, Mütter sollen konsequenter zurück in den Job und die Fachkräfte-Lücke schliessen, verkennt die Realität in Schweizer Haushalten. Es ist an den Männern, daran etwas zu ändern – allerdings nicht nur im Privaten.

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