Sind Schweizer Lebensmittel wirklich besser?

Die Fair-Food-Initiative will regionale Produkte fördern. Aus dem Ausland importierte Produkte sollen dem Schweizer Standard entsprechen. Doch ist Schweizer Gemüse tatsächlich von höherer Qualität und umweltfreundlicher? Geht es den Nutztieren hierzulande besser? Eine Übersicht.

Schweizer Wirsing, in Sissach nach biologischem Standard angebaut.

Herr und Frau Schweizer essen gern Gemüse. Knapp 85 Kilo waren es 2017 pro Kopf. Die Schweiz baut auch viel Gemüse an. Fast 316’000 Tonnen waren es im vergangenen Jahr. Doch das reicht bei Weitem nicht, um den Bedarf zu decken. Und das ist nicht nur beim Gemüse so: Nur die Hälfte der hierzulande verbrauchten Lebensmittel werden in der Schweiz produziert. Der Rest kommt zum grössten Teil aus dem EU-Raum, aber auch aus Südamerika und anderen fernen Weltgegenden.

Am 23. September stimmen wir über die Fair-Food-Initiative ab. Viele Konsumentinnen und Konsumenten vertrauen schon heute lieber auf einheimische Produkte. Aber sind Schweizer Lebensmittel wirklich besser?

Ein direkter Vergleich ist schwierig. Was heisst besser? Orientierungshilfe bieten Labels. Doch herrscht dort Wildwuchs, Begriffe wie «naturnah produziert» haben kaum Aussagekraft. Die Detailhändler wiederum haben ihre eigenen Labels wie Coop Naturaplan oder Migros Bio. Darum funktionieren Labels zwar als Orientierungshilfe, vergleichbar sind sie aber nicht.

Immerhin: Knospe Bio Suisse, Fairtrade Max Havelaar oder Pro Specie Rara sind Gütesiegel, die verlässlichere Informationen zu Produktion, Verarbeitung und Transport von Lebensmitteln liefern. Einfach ist es mit ihnen aber nicht. Denn auch diese Labels lassen sich nur bedingt vergleichen. Die Übersicht leidet oder ist nur mit einigem Aufwand herstellbar. Wenn Sie sich die Zeit nehmen wollen: Sämtliche Informationen zu den einzelnen Labels können hier abgerufen werden.

Der Bio-Vergleich

1. Knospe Bio Suisse

Das strengste Bio-Label. Nur Demeter, das Öko-Label nach der Philosophie von Rudolf Steiner, kennt noch strengere Kriterien. Bio-Suisse-Betriebe müssen auf dem gesamten Betrieb biologische Lebensmittel herstellen. Gewächshäuser dürfen im Winter nicht beheizt werden, es ist einzig erlaubt, sie frostfrei zu halten.

Äusserst streng ist die Knospe bei der Verarbeitung. Gängige Tricks, wie ein Erdbeerjoghurt mit Randensaft zu färben, sind nicht erlaubt und Zusatzstoffe nur, wenn unverzichtbar. Jegliche Verarbeitung im Ausland darf höchstens mit Bewilligung erfolgen. Im Gegensatz zu EU-Bio verlangt das Schweizer Bio einen sogenannten Ökoausgleich: Mindestens sieben Prozent der Fläche eines Betriebs dürfen nicht bewirtschaftet werden. Ausserdem gelten soziale Mindeststandards.

Fast alle Coop-Naturaplan-Produkte sind mit der Knospe ausgezeichnet. Bei der Migros haben die Rohstoffe Knospen-Qualität, Verarbeitung und Importprodukte unterliegen weniger strengen Regeln.

2. EU-Bio

Das EU-Label schneidet im Vergleich zur Schweizer Knospe zahnloser ab. Zwar müssen Landwirte im EU-Raum für ihr Bio-Siegel strenge Regeln einhalten, etwa auf chemischen Pflanzenschutz und chemische Düngemittel oder Gentechnik verzichten, sich an ein Maximum an Tieren pro Hektar halten und Futtermittel aus biologischem Anbau verwenden. Doch gibt es bei EU-Bio-Rohstoffen weniger Anforderungen an Fruchtfolge und bezüglich Rodung. Ausserdem gilt kein Flugtransportverbot und die Lebensmittel dürfen auch dann importiert worden sein, wenn sie im Inland ebenso vorhanden sind.

3. Suisse Garantie

Lebensmittel, die nicht nach Bio-Standard, aber in der Schweiz hergestellt und verarbeitet werden, erhalten das Suisse-Garantie-Label. Dafür dürfen keine gentechnisch veränderten Organismen eingesetzt werden, für Getreide muss zertifiziertes Saatgut verwendet werden. Auch dieses Label verlangt ökologische Ausgleichsflächen, Dünger darf nur zurückhaltend eingesetzt werden und Schädlinge oder Krankheiten sollen möglichst umweltschonend unter Kontrolle gehalten werden.

Der Tierschutz-Vergleich

Auch der Schweizer Tierschutz ist strenger als die Richtlinien der Europäischen Union. Der Landwirtschaftliche Informationsdienst hat für einen Vergleich zwischen dem Schweizer und dem EU-Gesetz einige Beispiele herausgearbeitet:

  • Allgemeine Bestimmungen: In der Schweiz gelten die detaillierten Vorschriften und Mindestmasse für alle Nutztiere. In der EU ist die Haltung von vielen Nutztieren (z.B. Schafe, Ziegen, Pferde, Truthähne) nicht explizit geregelt.
  • Tiertransport: In der Schweiz sind sechs Stunden Transportzeit erlaubt, in der EU sind Tiertransporte bis zu 28 Stunden möglich.
  • Eingriffe: In der Schweiz sind die allermeisten schmerzhaften Eingriffe verboten. Bei Ferkeln ist es erlaubt, die Eckzähne abzuschleifen. In der EU sind Kastrationen ohne Betäubung, das Herausbrechen von Zähnen bei Ferkeln oder das Schnabel- und Schwanzcoupieren erlaubt.
  • Stallgrösse: In der Schweiz muss jedes Mastschwein 0,9 Quadratmeter zur Verfügung haben, in der EU sind es 0,75 Quadratmeter.

Die Schweizer Detailhändler versuchen gemäss eigenen Angaben bereits heute, die Tierschutzverordnungen der Schweiz auch bei ihren ausländischen Importen umzusetzen. So gelte bei der Migros für Trutenfleisch, das in Frankreich und Ungarn produziert wird, das Schweizer Tierschutzgesetz. Eine Strategie, die die Migros noch ausweiten will:

«Die Migros strebt bis 2020 an, dass alle ihre tierischen Importe gemäss der Schweizer Tierschutzgesetzgebung produziert werden, bei frischem Geflügelfleisch, Truten und Kaninchen ist dies schon heute der Fall. Bezüglich Sozialstandards stellen wir unseren Lieferanten schon jetzt hohe Anforderungen.»

Trotz gleicher Tierschutzrichtlinien ist die CO₂-Belastung bei Produkten aus dem Ausland erhöht – schliesslich müssen die Tiere beziehungsweise ihr Fleisch importiert werden. Obwohl die Fair-Food-Initiative mindestens bei der Fleischproduktion bei der Migros offene Türen einrennt, spricht sich das Unternehmen dennoch gegen das Vorhaben aus:

«Damit alle Produkte sämtliche Anforderungen der Initianten erfüllen, müssten wir aber einigen Aufwand betreiben. Unser Angebot würde sich reduzieren und verteuern.»

Diese Sorge teilt die IG Detailhandel Schweiz, zu der neben der Migros auch Coop, Denner und Manor gehören. Laut der IG führt die Initiative zu höheren Preisen und einer kleineren Auswahl, was insbesondere Haushalte mit kleinem Budget treffen würde.

Wie autonom kann die Schweiz entscheiden?

Am meisten fürchten die Detailhändler und der Bund bei Annahme der Initiative allerdings eine allfällige Verletzung internationaler Handelsabkommen. Denn die Schweiz hat sich in mehreren Verträgen dazu verpflichtet, Produkte aus anderen Ländern nicht zu diskriminieren.

Und ob ein Apfel von einer Arbeiterin gepflückt wurde, die einen fairen Lohn erhält oder ausgebeutet wird, spielt für diese Handelsabkommen keine Rolle. Belegt die Schweiz südspanische Äpfel mit höheren Zöllen, weil dort Arbeiter ausgebeutet werden, ist das diskriminierend. Wenn sie es tut, weil sich auf den Äpfeln Pestizidrückstände nachweisen lassen, ist es angemessen.

Qualitative Merkmale dürfen also durchaus eine Rolle spielen, das soziale Gewissen nicht.

https://tageswoche.ch/form/interview/es-geht-nicht-darum-lebensmittel-zu-verbieten-maya-graf-ueber-ihre-fair-food-initiative/
https://tageswoche.ch/form/reportage/nachhaltig-lokal-gewinnorientiert-die-strategie-des-birsmattehof/

Konversation

  1. «Erst kommt das Fressen dann kommt die Moral». Dieses Wort kommt mir in den Sinn, wenn ich an Gespräche zur Fair-Food-Initiative denke. Auch die Gegner und Gegnerinnen der Initiative wollen lieb zu den Tieren sein, gesundes Essen geniessen, das wenig Gift für die Produktion und wenig Treibstoff für den Transport braucht. Gerechte Löhne, sind auch ganz nett. So weit, so einig. Doch dann brechen die Befürchtungen durch. Zunächst wird der Einkaufstourismus hervorgeholt. Vergessen wird dabei, dass Einkaufen im Dreiländereck auch durch die Vielfalt an biologischen Lebensmitteln, die dort teilweise viel selbstverständlicher angeboten werden, ein Stück Lebensqualität bedeutet. Schweizer zahlen für Bio im europäischen Vergleich weitaus am meisten. Die Vorreiter in Sachen biologischer Ernährung sind jedoch Deutschland, Schweden und Dänemark. Dort wird Bio breit in Supermärkten angeboten, was preissenkend wirkt. Fair-Food schreibt nicht vor, was wir essen sollen. Es muss nicht Bio sein. Jedoch soll die lokale, konsumentennahe Produktion begünstigt werden. Importierte Lebensmittel sollen soziale und ökologische Mindestanforderungen erfüllen und die Herkunft und die Produktionsbedingungen sollen verständlich deklariert werden. Ein weiteres Ziel der Initiative ist, die Verschwendung von Lebensmittel zu reduzieren. Durch die Unterstützung durch Direktverkäufe (z.B. Quartiermärkte) gibt es mehr frische Produkte und erst noch günstig. Fair-Food führt nicht zu noch höheren Preisen! Stattdessen will Fair-Food, dass wir unsere Lebensmittel geniessen können. Denn denkt daran: «Der Mensch ist, was er isst!» und sozial und tiergerecht produzierte Lebensmittel, die auch ökologische Anforderungen genügen, sind einfach besser!

    Thomas Reinhardt, Berater für Organisationsentwicklung, Oberwil
    Vorstandsmitglied Grüne Leimental
    6.9.2018

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  2. Ist die Frage nicht eigentlich eine andere – ob man wirklich die ganze Bevölkerung zwingen darf, Bio zu konsumieren? Egal welches Portemonnaie?

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    1. Ich denke, die Frage sollte gerade umgekehrt gestellt werden: Sollte die „Norm“ mit Pestiziden behandeltes Gemüse sein, deren Grenzwerte für Erwachsene laut Toxikologen schon eher knapp bemessen sind und bei denen Heranwachsenden (Babys!) massiv gefährdet sind?

      Bio bedeutet nicht „fanatisch“. Bio bedeutet lediglich, dass die Lebensmittel gesund (oder zumindest gesünder, weil schadstofffreier) sind. Ich denke, dass Lebensmittel so gesund sein sollten, wie nur möglich.

      Gesunde Lebensmittel sollten ein Menschenrecht sein.

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    2. Um konkreter auf Ihre Wortwahl einzugehen:
      Man sollte zu nichts gezwungen werden. Vor allem sollte man aber nicht dazu gezwungen werden, auch nicht durch einen kleinen Geldbeutel, belastete Lebensmittel zu sich nehmen zu müssen. -> Bio müsste dafür ausreichend subventioniert werden.

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  3. Naja, vielleicht hat das Schweizer Gemüse einfach das hübschere Etikettchen dran kleben?
    Hierzulande fährt man natürlich auf Weiss im roten Feld ab!

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    1. Schon die Idee von „Schweizer Fleisch“ entspricht ja einem „kulinarischen Nationalismus“.
      Dann MUSS der Rest/alles andere nur Beilage sein.

      Nationalismus ist leider eine der letzten Rückzugsinseln, wenn sonst nix mehr geht. Vorher ist dann aber schon ein ganzer Bahnhof voll Züge abgefahren.

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  4. Die einheimische Bio-Produkte (sowohl Gemüse als auch Früchte) sind unbestreitbar viel viel besser als die importierten. Als Vegi-, und Vegan-Koch mache ich jeden Tag diese Erfahrung.

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