Die Fratzen an Basels Fassaden (Teil 2)

Relikte des alten Theaters, Wächter über Beizen, ein seltsamer Kopf in der «Steine»: In vielen Quartieren lauern seltsame Gesellen. Teil zwei unserer Reise auf den Spuren der Basler Steinköpfe.

Imposant: Fratze an der Bibliothek für Gestaltung. (Bild: Michel Schultheiss)

Wer einen «Reiseführer» zu den vielen Fratzen an Basler Gebäuden sucht, muss den Umweg über eine Kinderkassette aus den Achtzigerjahren nehmen. Das «Määrli vom Zwäärg» von Peter Baumgartner ist eine Erzählung rund um den verträumten Buben Rolf Schächteli. Dessen Bruder Florian wird von einem buckligen Männlein entführt – zur Strafe dafür, dass er den Kleinwüchsigen hänselte. Der Bucklige nimmt ihn mit auf eine magische Reise zu den bizarren Köpfen der Stadt, um ihm die Augen zu öffnen für all das, was von der Norm abweicht.

Dabei kommen sie auch in der Steinenvorstadt vorbei: Dort rümpft ein verbitterter Mann gleich bei den Schaufenstern eines Kleidergeschäfts die Nase. Er ist vielleicht der einzige Maskaron (ein ornamental verfremdeter Reliefkopf) Basels, der so tief unten in die Gegend starrt.

Über den steinernen Kopf wie auch über das Haus an der Steinenvorstadt 16 lässt sich kaum etwas in Erfahrung bringen. Selbst der Eigentümer weiss nichts darüber zu erzählen.

Ein Steinkopf lacht über das Theater

Mehr bekannt ist über zwei steinerne Gesichter in einem Vorgarten der St.- Jakobs-Strasse. Eines davon, das lachende, dürfte vielen vertraut sein: Ein Eisenabguss davon steht als Theaterkopf in Jean Tinguelys Fasnachtsbrunnen und heult dort Fontänen.

Das Modell für die Brunnenskulptur geht zurück auf den Abbruch des alten Stadttheaters. Am Eingang zum Theater begrüssten einst mehrere Musenköpfe die Besucher. Bis 1975 durften sie von oben herab auf den Steinenberg schauen – dann wurde das Theater gesprengt. Einige Fassadenteile mit Reliefgesichtern waren zuvor in besagten Vorgarten verfrachtete worden. Neben den Steinköpfen hängt dort auch ein Kronleuchter des alten Theaters.

Der Tinguely-Kopf scheint sich noch heute für die Sprengung zu revanchieren: Wo heute das Bassin des Brunnens steht, befand sich einst die Bühne des alten Theaters. Wie der Kunsthistoriker Dominik Müller in seiner neuen Tinguely-Biografie schreibt, war es vielleicht Absicht des Künstlers, die bewegliche Skulptur mit dem Gesicht in Richtung Theaterneubau zu platzieren. Beim Anblick des Gebäudes scheint sich der Musenkopf so «vor Lachen auszuschütten».

https://tageswoche.ch/stadtleben/solche-raetselhafte-fratzen-basler-fassaden-verloren-haben/

An der Peter-Merian-Strasse gehts weiter mit seltsamen Wesen. Heute bewachen die Gargoyles (eigentlich Wasserspeier) am Vorbau nur noch Büroräume, doch der Bau, der als Harry-Potter-Kulisse dienen könnte, steht auf der Liste der geschützten Kulturgüter.

Die Basler Denkmalpflege ordnet das Gebäude im Historismus neugotischer Prägung ein, die, wie Rolf Brönnimann in seiner Publikation «Villen des Basler Historismus» festhält, in Basel eher selten sind. Die Architekten schöpften hier weniger aus der lokalen Tradition, sondern orientierten sich an Schlösslein in England. Die meisten davon, etwa im Gellert, sind längst verschwunden.

Errichtet wurde das Gebäude an der Peter-Merian-Strasse um 1903 von den Architekten Alfred Romang und Wilhelm Bernoulli. Vom gleichen Duo stammt das Warenhaus Globus. Und siehe da: Die Globus-Fassade mit Jugendstilelementen glänzt ebenfalls mit zwei Fratzen – eine davon schaut grimmig auf den Marktplatz.

Zahnlücken-Köpfe bei den Beizen

Solcherlei gibts auch im Kleinbasel. Die Fussballkultur-Bar «Didi Offensiv» wird von zwei missgelaunten Kerlen bewacht. Das Gebäude stammt von Eduard Pfrunder (1877–1925), einem Basler Architekten mit einem Faible für Neobarock, Neogotik und Jugendstil. Auch der nahe gelegene Efringerhof stammt von ihm. Bei diesem Haus von 1901 erwarten einen beim Beizeneingang Kerle mit Zahnlücken.

Generell zeichnen sich Pfrunders Gebäude durch Maskaronen aus, etwa das «Hotel zur Blume» und das Wohnhaus «zum Stern» bei der Schifflände. Vom Torbogen des Durchgangs zum Spiegelhof schaut ein bärtiger Geselle hinab. Der Stadtkeller gleich gegenüber trägt ebenfalls Pfrunders Handschrift. Wer genau hinschaut, kann auch dort einen Kopf ausmachen: Ein kindliches Wesen, vielleicht eine Darstellung von Bacchus, hält dort ein paar Weintrauben in der Hand.

Beim Rheinsprung schauen noch weit ältere Fratzen auf die Touristen herunter. Der eine grinst hämisch, der andere streckt die Zunge raus. Auch sie spielen im «Määrli vom Zwärg» eine Rolle: «Also die haben ihre Zähne nun wirklich nicht geputzt», erzählt Florian seinen Geschwistern und Eltern. Die Rede ist vom Reichensteinerhof, besser bekannte als «Blaues Haus» und der Wendelstörferhof, auch «Weisses Haus» genannt.

Laut Denkmalpflege erhielten die Gebäude die Übernamen im 19. Jahrhundert wegen ihres damaligen Fassadenanstrichs. Der Architekt Samuel Werenfels errichtete die Wohn- und Geschäftshäuser zwischen 1763 und 1775 für die Seidenband-Fabrikanten Lukas und Jakob Sarasin.

Die Masken beim «Blauen Haus» stellen vermutlich die vier Jahreszeiten dar. Dabei ist die Herkunft der gegossenen Köpfe unklar. Die Denkmalpflege spricht von «künstlerisch hervorragend gestalteten, derben Grimassen», deren Ursprünge nicht ganz klar seien: Sie könnten aus dem lothringischen Schloss Chanteheux bei Lunéville stammen, wo der polnische Aristokrat Stanislaus I. Leszczynski residierte. Auch der Rokoko-Bildhauer Johann Christian Wentzinger gilt als Kandidat. Er hat in seinem Haus in Freiburg im Breisgau solche Grimassen angebracht und beherrschte diese Gusstechnik.

Trotz Vermutungen bleibt die Geschichte hinter diesen wie anderen Fratzen im Dunkeln. Wie das «Määrli vom Zwärg» aber aufzeigt, regen sie vielleicht gerade deswegen auch heute noch die Fantasie an und sorgen bei Stadtrundgängen für Lacher.

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