Katerstimmung in der Clubszene

Im Jahr zwei nach dem grossen Clubsterben spielt das Basler Nachtleben auf Weltklasseniveau. In einer Stadt mit 200’000 Einwohnern ist das ein Problem.

Die Hinterhof Bar. (Bild: Eleni Kougionis)

Im Jahr zwei nach dem grossen Clubsterben spielt das Basler Nachtleben auf Weltklasseniveau. In einer Stadt mit 200’000 Einwohnern ist das ein Problem.

«Im Nachtleben geht es heute um viel Geld. Und wenn viele ein Stück vom Kuchen wollen, ist es menschlich, dass die Ellbogen ausgefahren werden.» Damit fasst Giuseppe Miele zusammen, wie es um die Basler Clublandschaft im Sommer 2017 bestellt ist.

Der 34-jährige Unternehmer weiss, wovon er redet. Seit mehr als zehn Jahren veranstaltet er Partys an den besten Adressen der Stadt. Jetzt übernimmt er mit Valentin Aschwanden aus dem Umfeld der Balz-Bar die Räumlichkeiten des «Hinterhofs» auf dem Dreispitz.

Mieles Befund des Basler Nachtlebens teilt Agi Isaku. Mit dem «Nordstern» hat der 37-Jährige einen Club aufgebaut, der europaweit eine der ersten Adressen für elektronische Tanzmusik wurde. Seit Sommer 2016 auf der früher als «Schiff» bekannten Location im Kleinhüninger Hafen zu Hause, geben sich hier die grössten Acts der Szene die Turntables in die Hand. Techno-Ikone Sven Väth schwärmte nach seinem Gastspiel kürzlich auf Facebook: «the most innovative thing I’ve seen for a long time in our scene!»

Wachstum bis zur Übersättigung

Trotzdem klagt Isaku: «Im Vergleich zu 2016 haben wir nicht unerhebliche Umsatzeinbussen zu beklagen» und das bei einer massiv höheren Miete als in der alten Location. «Für mich zeigt der Verkauf des Hinterhofs, dass es in dieser Stadt keinen Platz für drei Clubs im gleichen Segment hat. Insofern dürfte die Neuausrichtung auf dem Dreispitz eine positive Wirkung auf das Nachtleben der Stadt haben», so Isaku. Denn nach dem Umbau im vergangenen Sommer wurde der Hinterhof, der bei Programm und Einrichtung ebenfalls auf höchste Qualität setzt, zur grössten Konkurrenz für sein Nordstern.

Das Clubbing-Angebot ist im letzten Jahr derart gewachsen, dass eine Übersättigung einsetzte. Isaku: «Alle machen das, was Geld bringt. Das war in den letzten Jahren Techno. Wenn morgen R ’n‘ B das grosse Ding ist, werden sie darauf umschwenken. Ich mache seit 20 Jahren dasselbe und werde auch dabei bleiben.»

Miele will im neu «Viertel» genannten Hinterhof zwar weiter auch auf elektronische Musik setzen, aber nicht mit derselben Linientreue wie das Nordstern. Andere Clubs haben sich bereits komplett vom Techno verabschiedet. Auch das scheint nicht immer die Lösung – die Angst vor dem Clubsterben geistert wieder durch die Stadt.

Eine Lücke, die keine war

Rückblende. «Bebbi wach uff» hiess es im Februar 2015, als mit dem Nordstern und dem Hinterhof gleich zwei der renommiertesten Clubs der Stadt ihre baldige Schliessung ankündigten, weil die Mietverträge ausliefen. Die Szene war in Aufruhr, die Empörung gross. Die beiden Locations hatten Clubbing auf Weltniveau etabliert und das Nachtleben Basels europaweit bekannt gemacht. Nun – so schien es – standen sie vor dem Aus.

Schon Ende 2015 wollten neue Veranstalter-Gruppierungen in die Bresche springen: Mit dem «Schallplatz» und dem Café Singer eröffneten Locations, die den Hunger der Massen nach elektronischem Hedonismus stillen sollten.

Doch der Schallplatz, mit zwei Hallen der selbsternannt grösste Technotempel der Region schloss im April 2016 nur wenige Wochen nach der Eröffnung, weil das Publikum ausblieb. Im Mai 2016 übernahm der Vice Club mit Urban Music die Räumlichkeiten des Schallplatz.

Die Platzhirsche röhren weiter

Doch die alten Platzhirsche röhrten weiter. Wohl auch dank des öffentlichen Drucks konnte der Hinterhof seinen Vertrag mit Immobilien Basel-Stadt um fünf Jahre verlängern. Das Nordstern zog im Sommer 2016 in das ehemalige Schiff im Rheinhafen. Beide Clubs investierten massiv in ihre Infrastruktur, um mit dem besten Sound-Equipment auf dem Markt in Basel ein neues Zeitalter an Top Quality Clubbing einzuläuten.

Fast zeitgleich zu den frisch renovierten Nordstern und Hinterhof eröffnete im Sommer 2016 mit dem «Elysia» ein weiterer Superclub. Im Gebäude der ehemaligen Basel-City-Studios auf dem Dreispitz hatte eine Gruppe um Betreiber Guy Blattmann ihre Vision des perfekten Clubbing-Erlebnisses realisiert. «Der Kern des Elysia ist die Leidenschaft für elektronische Musik in ihrer ganzen Vielfalt, insbesondere aber für jene abseits des Mainstream. Wir wollen lokalen und internationalen Künstlerinnen ein Umfeld bieten, in dem sie ihre Kunst möglichst kompromisslos präsentieren können», so Blattmann.

Bald nach der Eröffnung schwärmte das «Groove»-Magazin – die Instanz im deutschsprachigen Clubbing – in höchsten Tönen:

Das Bild eines Tempels ist in diesem Fall nicht grundlos gewählt, denn unmittelbar beim Betreten des Mainfloor fällt der Blick auf die enorme Boxenwand, die – zusammen mit dem zentral in der Mitte der Längsachse positionierten DJ-Pult – einen geradezu sakralen Eindruck vermittelt: Hier feiert man keine Partys, hier zelebriert man Sound.

Das Elysia.

Das Elysia ist das jüngste Kind ist das jüngste Kind der Basler Superclubs. (Bild: Eleni Kougionis)

Damit fand sich das Basler Nachtleben im Sommer 2016 – nur ein Jahr nach dem grossen Klagen über das drohende Clubsterben – in einer Luxussituation, die man sonst nur aus Metropolen wie Berlin, London oder New York kennt: Drei Clubs, die in Bezug auf Infrastruktur, Grösse und Programm auf absolutem Weltniveau spielen. Und das in einer Provinzstadt.

Das Klubsterben schlägt doch noch zu

Jetzt, im Sommer 2017, scheint das vor zwei Jahren befürchtete Klubsterben doch noch ein Opfer zu fordern: das «Singer» am Marktplatz.

Das Traditionshaus wurde Ende 2015 – wir erinnern uns, damals schien sich eine Marktlücke zu öffnen – komplett renoviert und sollte dank einer All-Star-Veranstalter-Crew aus Kuppel-Veteran Simon Lutz, Nordstern-Macher Agi Isaku und Giuseppe Miele in eine vermeintlich goldene Zukunft starten. Eine edle Bar im ersten Stock sowie ausgesuchte DJs im Untergeschoss sollten eine etwas ältere Klientel für gepflegtes Raven begeistern.

Noch vor der Eröffnung zogen sich Isaku und Lutz zurück. Miele blieb als Geschäftsführer. Nur ein halbes Jahr später wurde das Singer im Sommer 2016 an Olivier Müller verkauft. Der öffnete den Club stilistisch von Salsa bis zu Bravo-Hits und in der Bar gab es mittwochs Live-Bands und am Sonntag «Kater Klassik».

Dem «Singer» laufen die Veranstalter davon

Heute häufen sich die Anzeichen, dass auch mit diesem Konzept der Turnaround ausgeblieben ist: Die Radicalis Agentur, welche die Mittwochskonzerte organisierte, hat die Live-Abende wegen offener Rechnungen per sofort abgesagt und sucht nach einer neuen Partner-Location.

Die Goldfinger Brothers, Basels umtriebigste DJ-Crew feierte dort Mitte Mai die letzte Party ihrer Na’Mean-Serie. Janiv Oron: «Es gab immer wieder Unstimmigkeiten mit dem Singer. Uns fehlt die Transparenz, was dort geht. Keiner weiss Bescheid. Das ist uns für die Zukunft zu unsicher.»

Der Irie Monday ist bereits in die «Kaschemme» weitergezogen. Veranstalter Louis Moser, der die Reggae-Serie seit acht Jahren in diversen Lokalitäten organisiert: «Wir müssen für unsere Serie spüren, was gut ist und entsprechend handeln.» Clubbesitzer Müller selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Das Nordstern.

Dass die weite Partywelt von den Clubs hört und nach Basel pilgert wie die Techno-Jünger in die Berliner Partykathedrale «Berghain», wird wohl eine Illusion bleiben. Da fehlt der Stadt die magnetische Ausstrahlung einer Metropole.

Das Aufheulen über das Clubsterben vor zwei Jahren hat dazu beigetragen, dass die Kulturstadt Basel heute auch im Clubbing auf international höchstem Level tanzt. Im Gegensatz zur Hochkultur würden hier Gelder potenter Mäzene aber kaum helfen. Volle Kassen füllen keine Tanzflächen und leere Clubs locken keine Nachtschwärmer.

Der Publikumsschwund in den grossen Clubs wird in den Sommermonaten kaum nachlassen, wenn Basel die Nächte vermehrt draussen geniessen wird. Doch ist der Kater über die Gesundschrumpfung auskuriert, werden die nüchternen Köpfe etwas Neues ersinnen.

Krisen konterte die Musikwelt stets mit Kreativität. Und so lässt sich bei aller Ungewissheit eins definitiv festhalten: Es ist noch längst nicht ausgetanzt auf den Tanzflächen unserer kleinen grossen Stadt.

Die letzte Party in der alten Hinterhof Bar steigt am Wochenende vom 19. und 20. Mai.

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Themenbezogene Interessen(-bindung) der Autoren:

Thom Nagy ist als DJ aktiver Teil des elektronischen Nachtlebens in Basel.
Olivier Joliat ist als Schlagzeuger aktiver Teil der Bandszene Basels.

Konversation

  1. Mich wundert einfach, wie man die Einwohnerzahlen hier mal wieder der gesuchten Aussage des Artikels anpasst. (Wie zum Beispiel wenn es um die einzigartige Museendichte geht, was halt so schick klingt. Also nimmt man diese kleine statistische Spielerein gerne in kauf).

    Ich weiss auch nicht wie man auf die Zahl 200’000 kommt.
    Denn entweder nimmt man die Gemeinde und die hat nun einmal 175’000 (Was auf die Suburbanisierung und die sehr speziell verlaufenden Grenzen auf städtischen Boden zurückzuführen ist) oder man nimmt die Agglomeration mit je nach Berechnung mindestens 830’000 Einwohnern.

    Die Clubs richten sich unbestreitbar nicht nur an die Einwohner der Innenstadt. Wieso nimmt man also einfach mal eine Zahl und verwendet sie in einem Kontext in dem sie zwar demütig klingt aber keinen Sinn ergibt? Bitte liebe Tageswoche. Ihr könnt das doch wirklich besser.

    Und wenn jetzt einer sagt, ja, aber die Agglomeration in DE/FR kann man nicht dazu zählen weil diese sich die Preise eh nicht leisten können und daher als Klientel wegfallen:

    60% der 830’000 Einwohner also 495’000 Menschen wohnen auf Schweizer Seite der Stadt und da ohnehin ein Grossteil von „Basels“ EU Bevölkerung in der Schweiz arbeitet, kann man selbst tiefstapelnd von einer Agglomeration von 650’000 ausgehen, welche als Klientel in Frage kommt.

    Sonst bin ich mit dem Artikel weitgehend einverstanden. Was mir allerdings etwas fehlt ist die Erkenntnis, dass ein Club sich eben nicht einfach umziehen lässt. Denn ein authentischer Club ist halt kein Label, welches man per Adressänderung verschieben kann.

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  2. Vielleicht mag Basel nicht die Millionenmetropole oder eine Möchtegernkleinstadtmetropole wie Zürich sein – aber Leute aus Berlin, London oder Wien, welche sich dann doch mal nach Basel begeben – und hier auch feiern – kommen meistens wieder. Weil Basel sie berührt und es ihnen doch alles das für ein tolles Wochenende bietet, was sie bei sich in den Weltmetropolen haben.

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