Kultur im Baselbiet: Totgesparte leben länger

Mit seinen rigorosen Budgetkürzungen rutscht der Kanton Baselland in Sachen Kulturförderung im Schweizer Vergleich weit nach hinten. Dennoch erweisen sich vermeintlich totgesparte Institutionen als erstaunlich überlebensfähig.

Götterdämmerung in der Baselbieter Kulturpolitik: Szenerie aus der letztjährigen Ausgabe des Musikfestivals in Rümlingen. (Bild: Kathrin Schulthess)

Am Wochenende vom 12. und 13. August gerät in der verschlafenen Baselbieter Gemeinde Rümlingen «Musik in Bewegung». Angesagt ist die 28. Ausgabe des kleinen, aber feinen und vor allem renommierten Festivals für Neue Musik, das den Namen des 400-Seelen-Dorfs in Fachkreisen längst zum wohlklingenden Begriff gemacht hat.

«Musik in Bewegung» ist das Motto der aktuellen Ausgabe. Der Begriff könnte aber auch für die aktuelle Befindlichkeit des Anlasses stehen. Das Festival Rümlingen ist nämlich eines der Opfer, das die sparwütige Baselbieter Kulturdirektorin Monica Gschwind auserkoren hat.

An den Swisslos-Fonds abgeschoben

Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass der 2017 auslaufende Subventionsvertrag mit dem Festival nicht mehr erneuert wird. Bei einem Budget von knapp 180’000 Franken (2016) machten die Subventionen in der Höhe von 110’000 Franken einen überlebenswichtigen Anteil aus.

Die Freunde der Neuen Musik können aber vorerst aufatmen. «Dank einer neuen Vereinbarung läuft das Festival ab 2018 über den Swisslos Fonds Baselland», sagt Tumasch Clalüna, Geschäftsführer des Festivals. Grenzenlos glücklich ist er aber nicht. «Zwar ist damit das Überleben des Festivals vorläufig gesichert und wir haben keinen Anlass, uns zu beschweren, die Planungssicherheit ist aber dahin.»

Clalüna bedauert überdies, dass andere Kulturschaffende im Kanton nicht so glimpflich davongekommen sind.

Auferstehung weiterer Totgesparter

Nicht aufgegeben hat auch das Landkino Baselland, dessen Unterstützung die Regierung ebenfalls gestrichen hatte. «Dank des grossen Engagements der Kulturabteilungen der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft und mit der finanziellen Unterstützung des Swisslos-Fonds Basel-Landschaft, der Gemeinde Allschwil sowie dem Support von privater Hand freuen wir uns, das Landkino nach einem Jahr Pause in neuer Form fortführen zu können», schreiben die Veranstalter in einer Medienmitteilung.

Auch ein drittes Sparopfer, die Veranstaltungsreihe «Wintergäste», liess sich nicht unterkriegen. Während das Landkino und das Festival in Rümlingen über den Swisslos-Fonds weiterhin auf zumindest periphere staatliche Unterstützung zählen können, haben die neu fast ausschliesslich privat finanzierten «Wintergäste» dem Baselbiet demonstrativ den Rücken gekehrt.

Bei den Kulturausgaben liegt das Baselbiet inzwischen Kopf an an Kopf mit Kantonen wie Appenzell, Glarus oder Nidwalden.

Ist die Rechnung der Baselbieter Kultursparpolitiker, sofern es überhaupt eine Rechung gab, also aufgegangen? Auch bei der Halbierung der Kulturvertragspauschale von zehn auf fünf Millionen Franken muss sich das Baselbiet (noch) nicht als Kultur-Totengräber fühlen. Hier hat bekanntlich die Regierung des finanziell ungleich potenteren Stadtkantons angekündigt, in die Bresche zu springen und damit das Überleben der betroffenen Zentrumsinstitutionen in der Stadt zu sichern. Der Kanton Basel-Landschaft kann also gut sechs Millionen Franken von seinem Kulturbudget abzwacken, ohne dass die Folgen zumindest kurzfristig wirklich sichtbar werden.

Baselland rutscht in den marginalen Bereich

Dafür rutscht Baselland in der gesamtschweizerischen Auflistung der Kulturausgaben pro Kopf ganz weit nach hinten. Allerdings sind diese Vergleichszahlen mit grosser Vorsicht zu geniessen, weil in der stark föderalistischen Schweiz praktisch jeder Kanton anders rechnet und wirklich aktuelle Statistiken des Bundes nicht existieren.

Im Baselbieter Kulturleitbild 2013-2017 tröstete sich das Baselbiet noch mit einem Platz im Schweizer Mittelfeld:

«Zusammengerechnet bilden das ordentliche Kulturbudget des Kantons
sowie die Mittel aus dem Swisslos-Fonds einen Beitrags- und Kostenrahmen (ungefähr CHF 30 Mio. p.a.), der sich angesichts der Grössenordnung des Kantons Basel-Landschaft im schweizweiten Vergleich
sehen lassen kann.»

Die aktuellsten Vergleichszahlen des Bundesamts für Statistik stammen aus dem Jahr 2014 – also bevor die Budgetkürzungen beschlossen wurden, geschweige denn in Kraft traten (oder noch treten werden). Dort sieht sich Baselland in absoluten Zahlen gerechnet in der statistischen Nachbarschaft von Kantonen wie Graubünden, Freiburg, Solothurn und Thurgau verortet. Natürlich extrem weit hinter den urbanen Kantonen Basel-Stadt, Genf und Zürich, aber vor den bevölkerungsarmen, ländlichen Ständen wie Uri, Glarus, Schaffhausen oder Jura. Dies dürfte sich auch nach der aktuellen Sparrunde nicht gross ändern.

Düsteres Bild bei den Pro-Kopf-Ausgaben

Zumindest, wenn man die absoluten Zahlen vergleicht. Wegen den unterschiedlichen Bevölkerungszahlen ist ein Vergleich der Pro-Kopf-Ausgaben natürlich aussagekräftiger.

Hier liegt Basel-Stadt mit über 900 Franken pro Kopf einsam an der Spitze, mit ziemlichem Abstand gefolgt von den urbanen Zentrumskantonen Genf und Zürich sowie von Neuenburg und Zug mit Werten zwischen 300 und über 700 Franken pro Kopf.  Baselland folgte beim letzten statistischen Vergleich mit rund 190 Franken pro Kopf weit dahinter, aber immer noch im Mittelfeld, wie der «Tages-Anzeiger» vor drei Jahren ausrechnete.

Das war aber noch vor der grossen Sparrunde. Eine Kürzung der Kulturausgaben um 18 Prozent wirkt sich im Vergleich der Pro-Kopf-Ausgaben natürlich ausgesprochen negativ aus. Neu wird sich das Baselbiet mit rund 100 Franken pro Kopf weit unten auf der Liste einreihen – bei Kantonen wie Appenzell Ausserrhoden, Glarus, Thurgau, Ob- und Nidwalden.

Konversation

  1. Das Fatale an der Baselbieter Kulturpolitik ist, dass es keine Kulturpolitik gibt. Aus Sicht des bürgerlich dominierten Kantons sind grundsätzlich alle Kulturausgaben überflüssig. Die Sparpolitik ist dabei nur Vorwand. Die Politik macht daraus keinen Hehl. Wo die Kulturlobby zu schwach ist, wird weggespart. Der Artikel von Dominique Spirgi erwähnt die Beispiele. Fatal ist aber auch die Haltung der Kulturdirektion, welche sich weigert Verantwortung für die Kultur zu übernehmen und ihr die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Ohne mit der Wimper zu zucken werden langjährige Kulturaktivitäten zur Disposition gestellt. Zur Not darf die Stadt die betroffenen Kulturinstitutionen retten (siehe Kulturvertragspauschale). Die Entsolidarisierung grassiert im Landkanton. Es ist katastrophal. FDP, SVP und CVP machen ernst: Jetzt wird das Gemeinwesen kaputt gespart. Davon betroffen ist überproportional die Kultur.

    Das Festival in Rümlingen wird aber überleben. Das ist zu hoffen. Daher kann man den MusikerInnen nur das Beste wünschen. »Musik in Bewegung« ist in diesem Kontext bereits Widerstandskultur. Damit ist diese Kultur auch politisch und richtet sich klar gegen die bürgerliche Sparpolitik: Trotzdem! Wir bleiben!

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