Wer Basler Musik fördert, muss sich viel anhören

Offiziell herrscht grosse Eintracht, doch hinter vorgehaltener Hand wird über den RFV Basel gelästert. Meist geht es ums Geld.

Gibt es beim RFV Basel Zoff, geht es meist um Cash – nicht den Johnny im Hintergrund: Tobias Gees, Seline Kunz, Tobit Schäfer (v.l.). (Bild: Nils Fish)

Wird über Wirken und Finanzen des RFV abgestimmt, verläuft das unbestritten wie in Nordkorea: Bei den Mitgliederversammlungen des über 400-köpfigen Vereins zur Förderung der Populärmusik wird alles einstimmig durchgewunken. Enthaltungen sind der Gipfel des Protestes. Auch im Grossen Rat gab es 2016 genau einen Politiker, der die Fördergelder an den RFV um 25’000 Franken kürzen wollte.

Die Zahl ist auch läppisch angesichts der 120 Millionen Franken, welche Basel-Stadt jährlich für die Kulturförderung ausgibt – 15,6 Millionen davon für Musik, 390’000 Franken davon für Populärmusik. Mit 220’000 Franken Subvention von Baselland bildet diese Förderung nebst Sponsoring und Mitgliederbeiträgen das Budget des RFV Basel.

Auch wenn an offiziellen Veranstaltungen die grosse Eintracht herrscht, wird im kleineren Kreis immer wieder Kritik am RFV geübt. Meist hinter vorgehaltener Hand, meist wegen des Geldes. So wird dem Verein unter der Führung von SP-Grossrat Tobit Schäfer immer wieder angekreidet, dass zu wenig vom Budget für die Musikförderung eingesetzt werde.

Insgesamt wurden letztes Jahr 356’825 Franken direkt an Musikförderung ausbezahlt. Mit 230’072 Franken sind im Geschäftsbericht die Lohnkosten der Geschäftsstelle ausgewiesen, dazu kommen 46’159 Franken Betriebsaufwand. Ein leidiges Thema für Schäfer: «Tatsache ist, dass die Mitarbeiter der Geschäftsstelle 2016 durchschnittlich einen Bruttolohn von gerade einmal 4970 Franken pro Monat verdienten.»

Der Szene-Unterbau entwickelt sich, doch Geld ist damit noch keins zu machen.

Trotzdem ist das bestimmt mehr, als man bei den Basler Labels und Agenturen verdient. Im Musikbusiness keimt es nach der Internet-Krise zwar wieder, und seit zehn Jahren entwickelt sich hier ein wichtiger Szene-Unterbau – noch ist damit aber kein Geld zu machen. Der Karriere-Aufbau von Künstlern bedeutet viel Investition, bis der Ertrag kommt. Für eine internationale Förderung des professionellen Sektors, bleiben die RFV-Beiträge von maximal 15’000 Franken (Pop-Preis) ein Tropfen auf den heissen Stein. Mehr ist beim derzeitigen Budget nicht drin, auch wenn die Forderungen zur Umgewichtung gehört werden.

«Die Ausschüttungen sind am Steigen, während die Gesamtlohnkosten seit Jahren sinken», erläutert Schäfer. Ausserdem steckt in diesen Löhnen längst nicht nur die Arbeit für die Verwaltung der Fördergelder und politisches Lobbying. Darin steckt viel Arbeit, die direkt den Musikern dient, wie etwa der «Rockproof 2017».

Die Gründung des RFV Basel war 1994 eine Pioniertat, beseelt vom DIY-Geist von vier Szene-Aktivisten.

Der überarbeitete, 193 Seiten starke Ratgeber, der vor allem dem Nachwuchs wertvolle Informationen liefert, wurde eben erst präsentiert. Fast 22’000 Mal wurde die alte Version seit der Lancierung 2011 gratis heruntergeladen. Es gibt nichts Vergleichbares in der Schweiz.

Genau so wie es vor der Gründung des RFV Basel 1994 keine vergleichbaren Fördervereine für Populärmusik gab. Es war eine Pioniertat, beseelt vom DIY-Geist von vier Szene-Aktivisten. Eine der grossen Errungenschaften war sicher die kulturpolitische Anerkennung, mit der man sich 2008 die eingangs erwähnten Fördergelder sicherte.

Kehrseite dieser Anstrengung war, dass Szenen-Nähe verloren ging. Schäfer: «Darum haben wir bei der Geschäftsstelle die Prozente eines langjährigen Mitarbeiters in Absprache mit diesem gekürzt und mit Seline Kunz nun eine aktive Musikerin – und erstmals eine Frau – eingestellt.» Sie ist unter anderem dabei, eine Plattform für Kritik und Bedürfnisse am RFV Basel einzurichten. Denn wie Schäfer enerviert sagt: «Auf diffuse Anschuldigungen können wir schlecht reagieren. Über direkte, konkrete Kritik freuen wir uns!»

Frust über den neuen Bandbus

Damit spielt er den Kritik-Ball zurück an die Szene. Tatsächlich erweist sich viel Gemaule bei genauem Nachfragen oft als Generve über suboptimale Details, wie etwa die tatsächlich missratene Sitzaufteilung im neuen Bandbus. Oder als Frust, bei Förderanträgen nicht berücksichtigt worden zu sein. Über letzteres entscheidet allerdings eine unabhängige Jury und nicht die Geschäftsleitung – wie auch beim Pop-Preis.

Somit sind Befürchtungen entkräftet, besser nicht namentlich Kritik zu üben, weil man sonst bei der nächsten Förder-Anfrage in Ungnade fallen könnte. Zwei Beispiele dazu: Denner-Clan-Drummer Felix Forrer wollte schon vor zwei Jahren Genaueres zu den Löhnen wissen. Er freute sich über die Antwort und noch mehr über einen Beitrag zum damaligen Album.

Bei den Pop-Preis-Wahlen sind gleich zwei Acts aus der Club-Szene nominiert: Engagement bewirkt also etwas.

Auch Johny Holiday, DJ bei Brandhärd, der soeben ein Solo-Album veröffentlicht hat, kritisierte unter seinem bürgerlichen Namen Tobias Gees den RFV. Er bemängelte, dass Hip-Hop und elektronische Musik beim RFV keinen Platz haben. Gees nahm die Verantwortung wahr und stieg mit Isabelle Zanger (Techno DJ Herzschwester) in den Vorstand des RFV ein, um der Geschäftsstelle auf die Finger zu schauen.

Vor ein paar Wochen wurden die drei Gewinner der ersten digitalen DemoClinic gefeiert, und bei den Pop-Preis-Wahlen sind gleich zwei Acts aus der Club-Szene nominiert.

Kritik und Engagement bewirken also etwas. Und da der RFV Basel trotz institutioneller Züge nach 23 Jahren noch immer ein Verein ist, liegt die endgültige Verantwortung über Wirken und Finanzen in den Händen der Mitglieder, also der Musiker selbst.

Bei Unstimmigkeiten und Kritik darf an der Mitgliederversammlung einfach nicht alles durchgewunken werden, nur um schneller ans Freibier zu kommen. Auch wenn das Musikern schwerfällt.

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