Die Behörden beschwichtigen, ohne selbst Giftgas-Konzentration gemessen zu haben

Der Kanton Baselland kommunizierte nach Chemie-Ereignissen Messresultate, ohne die Informationen zu überprüfen. Und: die kantonale Chemie-Wehr stand gar nicht im Einsatz.

Bei der Cabb in Pratteln gab es im vergangenen Jahr einige Chemie-Unfälle.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Der Kanton Baselland kommunizierte nach Chemie-Ereignissen Messresultate, ohne die Informationen zu überprüfen. Und: die kantonale Chemie-Wehr stand gar nicht im Einsatz.

Mitte November 2016, Landratssaal Liestal. Regierungsrätin Sabine Pegoraro steht vor dem Parlament und spricht beruhigende Worte: «Im Rahmen der vergangenen Vorfälle bestand nie eine direkte Gefährdung der Anwohnerschaft», antwortete die Umweltschutzdirektorin auf die kritischen Fragen mehrerer Landräte. 

In den Wochen zuvor kam es auf dem Areal der Firma Cabb in Pratteln zu mehreren Chemie-Ereignissen bei denen giftige Gase ausgetreten sind. Wegen einer defekten Abluftleitung entwich Chlor-, Salzsäure- und Schwefeldioxidgas, bei einem Abfüllprozess gelangte eine unbekannte Menge Chloroschwefelsäure in die Umwelt.

In zwei Fällen erfuhr die Polizei davon nur durch Zufall: Weil ein vorbeifahrender Autofahrer einen beissenden Geruch meldete und weil Beamte bei einer Begehung vor Ort ausströmendes Gas bemerkten. Bereits in der Vergangenheit ereigneten sich auf dem Areal des Unternehmens immer wieder schwere Zwischenfälle, darunter eine Explosion mit Todesfolge.

Vier Ereignisse, vier Entwarnungen – aber kaum Belege

Bei allen vier Ereignissen im vergangenen Herbst habe für Mensch und Umwelt jedoch nie eine Gefahr bestanden, stellte auch die Sicherheitsdirektion in mehreren Medienmitteilungen klar. Die durchgeführten Messungen hätten ergeben, dass nur geringe Stoffmengen freigesetzt worden seien. Die kantonale Chemiewehr («ABC-Wehr Basel-Landschaft») habe im Einsatz gestanden. Die Kommunikation liess eigentlich keine Zweifel zu: Die Behörde war vor Ort, die Lage unter Kontrolle, die gemessenen Gaskonzentrationen waren tief.

Wie sich zeigt, kann der Kanton einen Grossteil dieser Aussagen jedoch nicht belegen. Die Behörden haben zu keinem der vier Ereignisse eigene Luftmessungen auf dem oder um das Areal der Cabb durchgeführt. Eine Information war nachweislich falsch: Die kantonale ABC-Wehr wurde zu keinem der Ereignisse aufgeboten. Und der Kanton verfügt über keine schriftlichen Informationen darüber, welche chemischen Stoffe in welcher Konzentration in die Luft gelangt sind.

Unübersichtliche Organisation

Diese Erkenntnis ist das Resultat einer Recherche, bei der sich die Behörden in Widersprüche verstrickten und bei der deutlich wurde, wie unübersichtlich in Baselland im Ereignisfall die Organisation der kantonalen Chemiewehr und der Luftmessung geregelt ist.

Die erste Anfrage beantwortet der Kanton Anfang Januar: Baselland verfüge über keine eigenen Fachleute, um im Ereignisfall Luftmessungen durchzuführen und habe diese Aufgabe, wie auch Basel-Stadt, an die private Industriefeuerwehr Regio Basel ausgelagert. Deshalb sei zu den letzten Zwischenfällen bei der Cabb die Messgruppe der Industriefeuerwehr aufgeboten worden. «Die Rapporte erfolgten jeweils schriftlich an das Amt für Bevölkerungsschutz und Militär», sagt Amtsleiter Marcus Müller.

Auf die Bitte um Einsicht in die Messrapporte reagiert die Behörde zuerst ausweichend und verweist auf die Industriefeuerwehr Regio Basel, Standort Schweizerhalle. Auf Nachfrage korrigiert Amtsleiter Müller schliesslich einen Teil seiner Aussagen. «Unser Verantwortlicher für die ‹Kantonale ABC-Wehr› hat keine Rapporte von diesen Ereignissen erhalten oder eingefordert», so Marcus Müller. Die ABC-Wehr sei für keines der Ereignisse aufgeboten worden. Ein eklatanter Widerspruch zur einen Medienmitteilung der Polizei und zur früheren Aussage von Müller selber.

Kanton ohne Messergebnisse

Im Grundsatz stimmte die Auskunft des Amtes. Die Messgruppe der Industriefeuerwehr Regio Basel stand bei allen Ereignissen im Einsatz, wie der Geschäftsleiter der IFRB bestätigt, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Aufgeboten hatte sie nicht der Kanton, sondern die Cabb selbst. Die Messergebnisse hat der Kanton deshalb nie erhalten.

Marcus Müller erklärt das so: Wenn die Industriefeuerwehr im Auftrag des Kantons im Einsatz steht, handelt sie als sogenannte «ABC-Wehr Basel-Landschaft» und ist verpflichtet, dem Amt für Bevölkerungsschutz zu rapportieren. Wird die IFRB jedoch von einem Betrieb aufgeboten, wie im Fall der Cabb, agiert sie als «private Betriebswehr» und ist nicht zum Rapport verpflichtet. Je nach Auftraggeber gelten für die Industriefeuerwehr unterschiedliche Bestimmungen. Weshalb der Kanton die Industriefeuerwehr nicht selber aufbot und weshalb die Messrapporte für keines der Ereignisse angefordert wurden, liess die Sicherheitsdirektion auf Anfrage unbeantwortet.

Information ohne Prüfung

Offenbar stellten die fehlenden Rapporte für die Behörde kein grösseres Problem dar. Die Polizei informierte jeweils detailliert über die Resultate der Messungen:

21. September 2016: Vor Ort durchgeführte Messungen ergaben, dass für Mensch und Umwelt zu keinem Zeitpunkt eine Gefährdung bestand.

6. Oktober 2016: Die Chlorgaswolke im Aussenbereich verflüchtigte sich relativ rasch. Vor Ort durchgeführte Messungen ergaben, dass für Mensch und Umwelt zu keinem Zeitpunkt eine Gefährdung bestand.

15. November 2016: Gemäss den vor Ort vorgenommenen Messungen trat eine geringe Menge des Stoffes aus. Eine Gefahr für Mensch und Umwelt bestand zu keinem Zeitpunkt.

Schriftliche Berichte für die Messungen lagen dem Kanton keine vor. Worauf stützte sich also die Polizei in ihren Meldungen? Diese antwortet auf Anfrage: «Der Mediendienst berief sich auf die mündlichen Angaben des entsprechenden Einsatzleiters vor Ort.» In der Regel handelt es sich dabei um einen Mitarbeiter der Industriefeuerwehr Regio Basel, jeweils im Einsatz im Auftrag der Cabb. Es war dieselbe Quelle, auf die sich auch Sabine Pegoraro gegenüber dem Landrat stützte. Die Aussagen blieben bis heute durch den Kanton ungeprüft.

Die Industriefeuerwehr Regio Basel AG entstand Ende 2012 aus einem Zusammenschluss der Feuerwehren Johnson Controls Basel und Schweizerhalle sowie der Feuerwehr der Cabb AG. Die IFRB ist eine Aktiengesellschaft und beschäftigt insgesamt 61 Mitarbeiter. Zusätzlich wird die IFRB von insgesamt 140 Milizfeuerwehrangehörigen unterstützt. Ihr Hauptauftraggeber sind die privaten Industriebetriebe. Daneben erbringt die IFRB Leistungen für die Kantone Basel-Stadt und Baselland, hauptsächlich im Bereich Schadstoffmessungen.

Im Ereignisfall bietet die Industriefeuerwehr dafür ihre eigene Messgruppe auf. Diese bildet sich ausschliesslich aus Milizangehörigen und besteht aus Fachmitarbeitern (Laboranten, Chemie- und Pharmatechnologen) verschiedener Chemie- und Pharmafirmen wie Novartis, BASF und Valorec. Die Zusammenarbeit haben beide Kantone vertraglich mit der IFRB geregelt. Die Einsatzfahrzeuge und Messgeräte am Standort Schweizerhalle befinden sich im Besitz des Kantons Baselland. Über die vollständigen Vertragsinhalte wollen die Kantone keine Auskunft geben.

Marco Brossi, international erfahrener Experte in Chemiewehr und ehemaliger Leiter der nationalen Alarmzentrale, will sich auf Anfrage zu der Auslagerung nicht äussern. Er sei im Auftrag der Novartis bei der Gründung der IFRB beteiligt gewesen und unterliege weiterhin einer Geheimhaltungsverpflichtung. Mehrere angefragte Staatsrechtler äussern sich vorsichtig kritisch über die Auslagerung. Markus Schefer von der Universität Basel weist darauf hin, dass hoheitliche Aufgaben durch unparteiische und unvoreingenommene Organe durchgeführt werden müssen. Angesichts der Komplexität der Auslagerung will er sich – wie auch andere Staatsrechtler – nicht weiter dazu äussern.

Konversation

  1. Ist das nicht ein allgemeines „Problem“ aller Milizsysteme in der Schweiz? Man ist als Feuerwehrmann / Gemeinderat / Politiker / Soldat immer zugleich Privatperson, Bürger und ggfs. Angestellter einer Firma…
    Interessenskonflikte sind da natürlich prinzipiell möglich. Bei einer Notfallorganisation ist das übergeordnete Ziel aber besonders eindeutig, und im Ereignisfall auch besonders dringend. Gefahren für Mensch und Umwelt zu vertuschen, wenn die eigenen Kollegen in unmittelbarer Nähe arbeiten? Und Familie und Freunde in wenigen Kilometern Entfernung leben?

    Bei der IFRB sind zudem auch Mitarbeiter direkter Konkurrenten tätig: z.B. Roche und Novartis, syngenta und BASF.

    Klar, der schlechte Ruf der chemischen Industrie kommt nicht von ungefähr. Aber die Zeiten haben sich geändert: Erwiesenermassen krebserregende Substanzen werden nur noch an der Tankstelle und von Rauchern offen gehandhabt, aber sicher nicht mehr in den Laboren der schweizer und europäischen Firmen.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  2. S Chröttli wieder, war ja zu erwarten, die Tugendwächterin perseenlig. Kein Sinn für Ironie oder Humor.

    Freie Meinungsäusserung anyone?

    Der Rest sind Ihre eigenen Projektionen und Übertragungen.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  3. @ces

    wie kommen Sie denn dazu, in den diversesten kontexten Ihre herablassenden «keine panik – alles wird gut … wir arbeiten dran» abzusondern?
    in Ihrem profil erhellen Sie ja löblicherweise, dass Sie sich u.a. als «klugscheisser» verstehen. jäso.

    empfehlung: zu Ihren kommentaren einfach jeweils noch den
    disclaimer:

    «monksplaining»

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  4. @Ces

    Sich auf den Lorbeeren auszuruhen, kann recht in die Hose gehen. Denn um ihre Profite zu erhöhen sind den libertären bürgerlichen Kräften alle Mittel recht, um die sozialen Errungenschaften unserer Zivilisation zu beschneiden oder gar ganz rückgängig zu machen. (siehe USA).

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  5. Aber Dänny, warum so pessimistisch? Wir haben es uns ziemlich behaglich eingerichtet in unserem Wohlstand, dass wir fast nur noch pathologische First World Problems diskutieren. Es geht uns saugut, wir sollten aufhören zu jammern.

    Entwicklungsländer holen auf. Schauen Sie mal auf China oder Indien. Oder hier, wie die Geburtenraten zurückgehen und das Prokopfeinkommen steigt:

    http://www.gapminder.org/tools/#_chart-type=bubbles

    Alles wird gut. Wir arbeiten dran.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  6. Und wieso ist die Sicherheit bei uns so hoch? Weil uns Behörden vorsätzlich anlügen oder weil wir strenge Gesetze haben, die wir – auch gegen den Willen der rein profitorientierten Unternehmen und den von ihnen geölten bürgerlichen Politiker – durchsetzen.

    Ohne „Schnappatmung“ wären wir dort, wo die Entwicklungsländer heute sind. Dort wo die ganze Drecksarbeit noch ohne viel Sicherheit gemacht werden kann, damit die Profite auch weiterhin stimmen. Denn Sicherheit gibts nicht gratis. Sicherheit kostet eine Stange Geld. Aber was ist schon ein Menschenleben, verglichen mit einer Steigerung des Profits?

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  7. Dazu braucht es aber ein gewisses Fachwissen und Willen diverser Stellen, sonst funktioniert das mit der Transparenz noch lange nicht. Und ich weiss von was ich rede, habe doch jahrelang mit diesbezüglichen Organisationen zu tun gehabt.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  8. @ Hr. Nagy:
    Könnten Sie mich über Ihre private Abkürzung aufklären?
    …oder ist es Ausdruck des forgesetzten dsdsdsdsdsdsdösens?

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  9. @mindyou

    Okay, extra für Sie zum mitschreiben:

    Die objektive Sicherheit in der industrialisierten Welt war noch nie so hoch wie heute. Belege finden sich in gut sortierten Archiven auf dem Internet.

    Die subjektive Sicherheit in der industrialisierten Welt war noch nie so niedrig wie heute. Belege finden sich in Medien, Propaganda, esoterischen Zirkeln, Anti-Impf-Organisationen, Foren, bei Verschwörungstheoretikern etc. pp.

    Genügt das ihren Ansprüchen?

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  10. @Ces

    “ Die Welt war noch nie so sicher wie heute.“

    Diese Aussage bleibt ohne Definition von „Die Welt“ und „Sicherheit“ ein gebetsmühlenmässig wiederholtes Mantra, völlig sinn- und bedeutungslos.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (10)

Nächster Artikel