Wer kann, der flieht

Burundi steckt tief in der Krise. Seit die Opposition gegen Präsident Nkurunziza protestiert, beginnt fast jeder Tag in der Hauptstadt Bujumbura mit Leichen am Strassenrand. Unsere Autorin war vor Ort.

Ein improvisiertes «Fenster» ist die einzige Lichtquelle im Büro von Mateso.

(Bild: Adriel Pfister)

Burundi steckt tief in der Krise. Seit die Opposition gegen Präsident Nkurunziza protestiert, beginnt fast jeder Tag in der Hauptstadt Bujumbura mit Leichen am Strassenrand. Unsere Autorin war vor Ort.

Vierzehn Tage sind vergangen, seit Mateso seine Frau tot im Strassengraben gefunden hat. Nun sitzt er in einem zerfetzten Bürosessel, allein in einem fensterlosen Raum. Einzige Lichtquelle ist ein mit dem Hammer eingeschlagenes Loch einen Meter über ihm. Der 47-Jährige trägt einen weinroten Filzpullover, braune Wollhosen und durchgelaufene Sandalen. Fliegen um seinen Kopf.

Der Kalender zeigt den 14. November. Sein Geschäftspartner hat sich schon vor Wochen ins nahe Ruanda abgesetzt. Mateso selber will nicht fliehen. Er hat keine Kraft mehr: Bereits 1993 während des Völkermords hat er einen Sohn verloren. Seine vier verbleibenden Kinder vermögen nicht ihn zu trösten. Mateso weint.

Burundis Krise hat bereits 2010 begonnen. Seit seiner ersten Wiederwahl zeigt sich Präsident Pierre Nkurunziza zunehmend autokratisch. Belästigungen von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten sind zur Gewohnheit geworden, Armut und Korruption breiten sich aus.

Anfang 2015 dann lässt sich Nkurunziza für eine dritte Amtszeit aufstellen – obwohl die Verfassung nur zwei vorsieht. Es kommt zum Aufruhr. Die Unruhen sind blutig.

Erbarmungslose Verfolgung von Regimekritikern

Am 13. Mai erfolgt ein Putschversuch des ehemaligen Geheimdienstkommandeurs General Godefroid Niyombare. Zweit Tage später ist der Spuk bereits wieder vorbei. Der Präsident hat auch noch die letzten unabhängigen Radiostationen abschalten lassen.

Es beginnt der unberechenbare Kampf gegen alle Regierungskritiker. Auch Nkurunzizas Wiederwahl am 21. Juli setzt den Verhaftungen und Folterungen kein Ende.

Das Ministerium für Information, Kommunikation, Parlamentsbeziehungen und Regierungssprecher ist nur zehn Fahrtminuten von Matesos Büro entfernt. Ein eindrücklicher Marmorbau, komplett ausgekleidet mit rotem Teppich. Im Empfangssaal werden die Wartenden mit amerikanischen Wrestling-TV-Bildern berieselt.

Willy Nyamitwe, Sprecher von Burundis Präsident Nkurunziza und leidenschaftlicher Twitterer, kommt nicht alleine. Fünf Anzugträger nehmen neben ihm Platz und notieren das gesprochene Wort. «Das Land ist jetzt sicher. Die internationalen Medien lügen, wenn sie sagen, dass wir kurz vor einem Bürgerkrieg stehen. Alles ist ruhig.»

Polizisten morden wahllos

«Dieser Konflikt ist kein ethnischer», sagt Mateso. Seine Frau war Tutsi, er selbst ist Hutu. Gelitten haben beide. Als Mateso seine Frau am Morgen nach ihrer Ermordung im Graben sieht, bricht er zusammen.

Zeugen haben Polizisten gesehen, die seine Frau aufgehalten haben. Sie war auf dem Heimweg von einem Fest. Es war Nacht. Zu spät, um noch zu Fuss in Bujumbura unterwegs zu sein. Man hörte sie in die Nacht hinein rufen: Sie sei nicht aus diesem Quartier, sie habe nichts mit Politik zu tun. Schüsse. «Ich bin am Ende meines Lebens», sagt Mateso.



Wer nicht fliehen konnte, versucht den Alltag aufrecht zu erhalten.

Wer nicht fliehen konnte, versucht den Alltag aufrechtzuerhalten. (Bild: Adriel Pfister)

Ein neuer Tag: 6.03 Uhr – Eine Mutter ruft ihre jüngste Tochter an. Auch sie hat in der Nacht die Schüsse aus dem Kanyosha-Quartier gehört. Der Verkäufer Léon Hakizimana und seine Zwillingssöhne werden im Morgengrauen tot im Strassengraben gefunden.

«Bienvenue» – Willkommen lässt sich in geschwungener Schrift unter dem roten Staub erkennen. Bujumbura, Burundis Hauptstadt am Nordzipfel des Tanganijka-Sees, wirkt verlassen. Zahlreiche Ferienresidenzen, auch der «Bora-Bora Beach Club», haben seit Wochen keine Besucher mehr. Kinder haben begonnen, im Staub Strichmännchen zu zeichnen. Das Leben in der Stadt hält den Atem an.



Burundische Polizei auf Patrouille.

Burundische Polizei auf Patrouille. (Bild: Adriel Pfister)

Über 200’000 Flüchtlinge haben sich seit April im nahen Ausland – Tansania, Ruanda und die Demokratische Republik Kongo – registrieren lassen. Wer heute noch in den Aussenquartieren der Stadt lebt, kann sich die Flucht nicht leisten oder will sein Zuhause aus Angst vor Plünderern nicht verlassen.

Einer, der ging, ist Gilbert, 21. Er hat Bujumbura am Morgen des 12. Novembers verlassen und ist vier Tage später im Flüchtlingslager von Lusenda in der Demokratische Republik Kongo angekommen. In der Nacht vor seiner Flucht haben Mitglieder von Imbonerakure, der Jugendorganisation von Burundis Regierungspartei, in seinem Quartier Bwiza nach ihm gesucht: «Sie zeigten allen in meiner Strasse ein Foto, das mich im Juli während den Demonstrationen gegen Präsident Nkurunzizas dritte Amtszeit zeigte. Meine Schwägerin konnte mich mit einem SMS warnen.»

Gilbert erreicht das Flüchtlingslager in den Bergen Ost-Kongos nach 48 Stunden Fussmarsch – ohne Hab und Gut. Die gut 3000 hier untergebrachten Männer, Frauen und Kinder nennt er seine neue Familie. Die Angst, dass auch die Imbonerakure bald den Weg ins grenznahe Lusenda findet, lässt ihn nicht ruhig schlafen.



Das Flüchtlingslager in der Provinz Uvira in der Demokratischen Republik Kongo. 10'245 Personen sind hier untergebracht.

Das Flüchtlingslager in der Provinz Uvira in der Demokratischen Republik Kongo. 10’245 Personen sind hier untergebracht.

Im Ministerium für Information, Kommunikation, Parlamentsbeziehungen und Regierungssprecher unterstreicht der Präsidentensprecher Willy Nyamitwe, dass einige Demonstranten gegen die Verfassung verstossen haben und dafür verhaftet werden. Er spricht von Terrorismus. Gilbert kennt er nicht.

Ein neuer Tag: 5.57 Uhr – Eine Mutter ruft ihre jüngste Tochter an. Auch sie hat in der Nacht die Schüsse aus dem Mutakura-Quartier gehört. Der Sohn des geflüchteten Menschenrechtlers Pierre Clave Mbonimpa – Welly Nzitonda – wird mit einem Kopfschuss auf der Strasse gefunden. Nur wenige Stunden zuvor war er von der Polizei verhaftet worden.

Die drei Jungs von der bewaffneten Bürgerwehr im Quartier Musaga sind gerade einmal Anfang 20. Ihre Namen halten sie geheim, ihre Wut nicht. «Wir werden bis zum bitteren Ende gegen Präsident Nkurunziza aufstehen. Wenn er mich umbringt, wird mein Bruder an meiner Stelle weiterkämpfen», erklärt einer von ihnen. Er ist der Älteste der drei, trägt Militärgrün. An seinem linken Arm ist kleines Messer befestigt. Immer wieder blickt er nervös um sich, er wirkt gehetzt. Der Geheimdienst der Regierung kann überall sein.



Mutakura Quartier, Bujumbura: Zeuge erzählt vom Verschwinden seines Cousins nach der Verhaftung durch die Polizei: «Was schmerzt ist die Unsicherheit. Wir wissen nicht, ob wir die Beerdigung halten können oder nicht.»

Mutakura Quartier, Bujumbura: Zeuge erzählt vom Verschwinden seines Cousins nach der Verhaftung durch die Polizei: «Was schmerzt ist die Unsicherheit. Wir wissen nicht, ob wir die Beerdigung halten können oder nicht.» (Bild: Adriel Pfister)

Die drei jungen Männer haben miterlebt, wie Familien geflohen sind, wie die Polizei Nacht für Nacht Freunde, die an den Protesten gegen die dritte Amtszeit des Präsidenten teilnahmen, verhaftet hat. Viele von ihnen tauchten nie wieder auf. «Nun verteidigen wir unser Quartier gegen die Polizei, gegen den Präsidenten und seine Unterstützer – auch bewaffnet», sagt der Anführer. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Vermehrt werden auch die übel zugerichteten Leichen von Polizisten und Regierungsvertretern aufgefunden. Ein Spiegel dieser Wut.

Ein neuer Tag: 6.05 Uhr – Eine Mutter ruft ihre jüngste Tochter an. Auch nach dem zwölften Klingeln geht im Cibitoke-Quartier niemand ans Telefon.

Am Montag, 30. November, wendet sich UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon in einem Brief mit drei Vorschlägen für die Situation in Burundi an den UNO-Sicherheitsrat. Es ist die Rede von Blauhelmtruppen. Auf dem Markt in Bujumbura spricht niemand darüber. Auf Hilfe von der internationalen Gemeinschaft hoffen? Hilfe, die vielleicht nie eintrifft? «Gott hat uns vergessen», sagt Mateso müde. Hoffnung ist ein Spiel mit dem Feuer, auf das er sich nicht mehr einlassen will.

Im Ministerium für Information, Kommunikation, Parlamentsbeziehungen und Regierungssprecher richtet Willy Nyamitwe ein letztes Mal das Wort an seine Gäste: «Wir hoffen, dass wir den Frieden in Burundi aufrechterhalten können.» Rund zehn Millionen Burundier müssen mit ihm hoffen. Die erste Frucht der Unruhen in Bujumbura ist die Ungewissheit.

So glitt Burundi in den Abgrund. Seit sich Präsident Pierre Nkurunziza Ende April 2015 für eine umstrittene dritte Amtszeit aufstellen liess, steckt Burundi in der Krise. Die von der Opposition boykottierten Wahlen vom 21. Juli gewann der Präsident deutlich. Seither kam es zu willkürlichen Verhaftungen und Ermordungen von Oppositionellen. Zugleich nahmen auch Angriffe auf die Mitglieder der Regierungspartei zu. Als Folge der politischen Unruhen sind über 200’000 Burundier ins angrenzende Ausland nach Tansania, Ruanda und in die Demokratische Republik Kongo geflohen. 240 Tote wurden bisher registriert. Die UNO warnt vor einem drohenden Bürgerkrieg.

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