Die Oberlin-Wette

Dimitri Oberlin ist nebst Alex Frei der teuerste Einkauf in der Transfergeschichte des FC Basel. Die einen sehen im 20-jährigen Stürmer bereits einen zweiten Mohamed Salah, andere sind skeptisch. Sein Trainer ist überzeugt: Oberlin braucht noch Reifezeit.

Die einen sagen, er sei ein grosses Talent, andere behaupten das Gegenteil – Dimitri Oberlin.  

Wenn ein Klub Geld investiert, um die Transferrechte eines Spielers zu erstehen, dann ist das ungefähr so wie an der Börse: Man setzt auf eine gute Performance, im Fussball zum Beispiel auf Tore. Man rechnet sich Dividende aus in Form von Titeln und Triumphen und schliesslich einen Wiederverkaufswert.

Dazu braucht es, wie an den Finanzmärkten, bisweilen auch etwas Fantasie. Zumal, wenn es sich nicht um einen gestandenen Profi im gereiften Alter handelt, also eine Art Blue Chip, sondern um eine eher spekulative Anlage wie einen jungen Spieler.

Bei Dimitri Oberlin ist es so: Die einen sehen in ihm das ganz grosse Talent. Andere behaupten das Gegenteil. Die einen fühlen sich bestätigt, wenn er in der Champions League nach einem atemberaubenden Spurt ein Tor erzielt, die anderen, wenn er in der Super League den Ball verstolpert. Noch unterliegt Oberlin enormen Leistungsschwankungen, die bei jungen Spielern völlig normal sind.

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Beim FC Basel wird Oberlin jedoch nicht als völlig normaler junger Spieler betrachtet. Sportdirektor Marco Streller sagte es im Juli vor einem Jahr so: «Es ist uns gelungen, eines der grössten europäischen Talente zu verpflichten.»

Ein Dreivierteljahr später, die rauschenden Champions-League-Nächte noch in Erinnerung, ging FCB-Präsident Bernhard Burgener noch weiter: «Wenn ich Oberlin spiele sehe, dann erinnert er mich an Mohamed Salah. Auch er hat bei uns ab und zu einen Ball verstolpert, nun ist er einer der besten Stürmer der Welt.»

Ob man Dimitri Joseph Oberlin Mfomo, wie der 20-Jährige mit vollem Namen heisst, einen Gefallen tut mit dem Salah-Vergleich, ist das eine. Salah, 2012 für etwas über zwei Millionen Franken nach Basel geholt und eineinhalb Jahre später für rund 20 Millionen von Chelsea abgeworben, war schon Nationalspieler. In Ägypten war er bereits ein so grosser Star, dass er die Zahl der Facebook-Freunde beim FCB auf zwei Millionen verdoppelte. Und trotz anfänglich fehlender Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor war er schon einen deutlichen Schritt weiter als nun Oberlin.

Vergleichsweise nüchtern hat der FCB jetzt die definitive Übernahme dieses Stürmers bis 2021 bekanntgegeben. Ohne wortgewaltiges Zitat, lediglich mit dem Schlusssatz: «Der FC Basel freut sich, mit Oberlin einen jungen und vielversprechenden Stürmer langfristig an sich gebunden zu haben.»

Dynamisch und explosiv, das ist die eine Seite des Dimitri Oberlin – seine fehlende Klarheit im Spiel ist die andere.

Wicky: «Die taktische Reife wird mit dem Alter kommen»

Zurückhaltendere Zwischentöne sind auch den Einschätzungen von Oberlins Trainer zu entnehmen. Es ist schon eine Zeitlang her, dass Raphael Wicky über Oberlin gesagt hat: «Ich glaube, dass er ein riesiges Entwicklungspotenzial hat. Vor allem, was das Taktische anbelangt.»

Wicky, der Oberlin in der täglichen Arbeit als «sehr fleissigen, sehr lernwilligen und anständigen Spieler» beschreibt, veranschlagt für die Ausformung des Stürmers vor allem eines: Zeit. Also etwas, das im Profifussball selten zugestanden wird.

«Die taktische Reife wird mit dem Alter kommen», sagt Wicky. «Sich zu verbessern, zu wissen, welche Aufgaben man in welcher Situation hat – da muss er Fortschritte machen.» Oberlin müsse seine Energie weiterhin einsetzen können, aber «auf den letzten 35 Metern, wo er sich immer wieder in sehr gute Positionen bringt, ruhiger werden bei seinen Entscheidungen und klarer in der Ausführung».

Was Wicky an dem gebürtigen Kameruner schätzt: «Er gibt immer Vollgas, in jedem Training. Man bekommt von ihm immer totale Intensität auf dem Platz: Er presst, er macht Laufwege – er bringt eigentlich immer den Gegner durcheinander. Deshalb kann er ein guter Joker sein.»

Nur noch als solchen, nämlich als Einwechselspieler, hat der Trainer Oberlin in der Schlussphase dieser Saison eingesetzt. Letztmals in der Startelf stand Oberlin am 14. März in Lausanne. Auf die volle Spielzeit kam er 2018 lediglich gegen Manchester City im Champions-League-Achtelfinal (0:4), im Cup-Halbfinal bei den Young Boys (0:2) und in einem Liga-Spiel in Thun (2:0).

«Für den Trainer sind solche Spielertypen immer eine grosse Freude, aber auch Herausforderung.»

FCB-Trainer Raphael Wicky über Dimitri Oberlin

«Offensiv wird er immer ein Instinktspieler bleiben und das machen, was ihm der Bauch sagt. Das darf man ihm auch nicht wegnehmen», sagt Wicky. «Das ist einerseits seine Stärke, und auf der anderen Seite wäre es wünschenswert, dass er in manchen Situationen klarer ist. Das ist für den Trainer bei solchen Spielertypen immer eine grosse Freude, aber auch eine Herausforderung.»

Der teuerste Transfer seit Alex Frei

Die grosse Frage bei Oberlin lautet also: Kann er sein Potenzial ausschöpfen? Kann er seine überdurchschnittliche Schnelligkeit und Explosivität so kanalisieren, dass man ihm den einen oder anderen taktischen Fehler verzeiht? Hat er das Rüstzeug, um die nötige Klarheit in sein Spiel bringen?

Der FCB geht jedenfalls ein Risiko ein mit dem Investment. 4,9 Millionen Euro soll die Übernahme nach Informationen der TagesWoche kosten, dazu kommt eine halbe Million Leihgebühr für die erste Saison in Basel. Diese umgerechnet rund 6,4 Millionen Franken machen Oberlin gemeinsam mit Alex Frei zum teuersten Einkauf in der Transfer-Historie des Klubs. Für den damals 30-jährigen Frei blätterte der FCB 2009 Borussia Dortmund etwas über vier Millionen Euro auf den Tisch, was damals 6,5 Millionen Franken entsprach.

An einen Wiederverkauf dachte der Klub damals nicht, sondern eher an die Gewissheit, einen gestandenen Stürmer zu verpflichten. Die Rendite zahlte sich im Fall von Frei in Form von vier Meistertiteln, zwei Cupsiegen, zwei Champions-League-Teilnahmen sowie sagenhaften 107 Toren in 156 Spielen aus.

Die Frage ist: Geht die Rechnung auf?

Wenn Burgener nun Oberlin mit Salah gleichsetzt, denkt der FCB-Präsident auch an das Geschäftsmodell des Klubs: vergleichsweise günstig Spieler holen, entwickeln und vergleichsweise teuer abgeben. Um bei Oberlin die Fantasie zu beflügeln, braucht es die Bühne Champions League. Und dazu einen Interessenten aus der Gewichtsklasse der Premier League, wo die Klubs gar nicht wissen wohin mit dem vielen Geld aus der Vermarktung.

Beraten wird Oberlin von Milos Malenovic. Der vertritt mit seiner in Zug ansässigen Firma Soccer Mondial Hochkaräter wie den serbischen Nationalspieler Dusan Tadic (Southampton), Steven Zuber (Hoffenheim) und etliche Super-League-Spieler, darunter auch Neftali Manzambi vom FCB.

Malenovic vertritt seit Oktober 2017 die Interessen von Oberlin. Er erlebt seither einen «hart an sich arbeitenden jungen Spieler», hält sich jedoch bedeckt, was die Zukunftsplanung anbelangt. Weil er das mit dem FC Basel so ausgemacht hat.

Spannend wird, zu beobachten, ob der FCB einen Spieler, «der ein bisschen Pflege braucht» (Streller im Juli 2017), mit Geduld weiterentwickelt oder ob er dem erstbesten Angebot nachgibt. Ob Oberlin bei einem Weitertransfer ein Umfeld vorfände, das ähnlich reflektiert und behutsam mit ihm umgeht. Und schliesslich, ob die Wette und damit die Rechnung für den FC Basel aufgeht.

https://tageswoche.ch/form/interview/oft-weiss-ich-nicht-was-ich-mit-dem-gegner-anstelle/
https://tageswoche.ch/sport/wie-basel-zu-einem-der-groessten-talente-europas-kommt/

Konversation

  1. Wir werden sehen, dass ein Mann, der nicht Fussballspielen kann, zu einem Mann wird, «der nicht Fussballspielen konnte».

    Dazwischen liegt ein Spekulationsgewinn. Und nur darum geht es dem «Entrepreneur» und seinem Zudiener.

    Die Leiche im Keller heisst dann «Oberlin». Aber wen interessiert das schon, an einer Bilanzpressekonfrerenz.

    Danke Empfehlen (2 ) Antworten

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