Auf dem Lysbüchel darf Lärm noch sein – aber nicht mehr lange

Das Lysbüchel wurde zur Spielwiese der Städteplaner, weil das Areal unternutzt ist. Doch das bedeutet auch das nahende Ende für einen zuweilen lärmigen Freiraum.

Die Trauerweide als Sinnbild für die Veränderung der lebendigen Brache. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Zwischen den Güterbahngleisen und den Gewerbe- und Industriebauten steht als attraktiver Fremdkörper eine mächtige Trauerweide. Ruth Widmer gerät ins Schwärmen, wenn sie von diesem Baum redet: «Das ist ein wunderbares Stück Natur mitten in der Brache, 20 bis 30 Leute können unter diesem Baum stehen. Es ist ein Ort, an dem so vieles stattgefunden hat: Gespräche, Entspannungsmomente und Partys», sagt sie.

Ruth Widmer ist Gründerin und künstlerische Leiterin der Basler TheaterFalle, ehemalige Grossrätin und Stadtspaziergängerin. In all diesen Funktionen hat sie das Areal kennen- und liebengelernt und mehrmals bespielt. Der Baum werde wohl stehenbleiben, meint sie, als Teil einer Naturschutzzone, in der Menschen nicht mehr sein dürfen.

Das Besondere an diesem Ort ist, dass dort Partys stattfinden können, ohne dass erzürnte Nachbarn zum Telefon greifen. Das Lysbüchel ist durch die umgebenden Industriebauten gut abgeschottet. «Hier darf noch Lärm sein», sagt Widmer. An den meisten Orten der Stadt ist das anders: «Lärmzonen für Menschen sind Mangelware in dieser Stadt, niemand darf Lärm machen, das Gewerbe nicht, die Menschen auch nicht.»

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So kommt es zum etwas seltsam anmutenden Schulterschluss zwischen der Kulturschaffenden und dem Gewerbe. Dies, weil Kultur und Gewerbe auf dem Lysbüchel ganz gut nebeneinander funktionieren. Denn die brachliegenden Teile des Areals sind alles andere als leblos.

Da gibt es etwa dieses Lokal ohne Namen in einer Holzbaracke. Seit gut 20 Jahren finden Woche für Woche jeweils am gleichen Tag Jam-Sessions statt. Dass diese Lokalität hier nicht näher beschrieben wird, hat seinen Grund: Der Initiant möchte die Aura des Geheimtipps unbedingt aufrechterhalten.

An einem anderen Ort hat eine Band einen Proberaum gefunden, eine Mangelware in der Stadt. Und zwischen diesen beiden Playern befindet sich das Lokal mit dem Namen «Säulikantine» – eine Beiz mit uriger Hausmannskost, die sich abends auch mal zum Probelokal für Guggenmusigen wandelt.

Wo einst Kultur gedeihen konnte, sind verplante Unorte entstanden.

Seit dem Auszug von Coop aus der Verteilzentrale ist auch entlang der Elsässerstrasse neues Leben eingezogen. Allerdings reguliert und vertraglich klar befristet. Die Organsation Unterdessen hat Räumlichkeiten in der Verteilzentrale als Zwischennutzungen vermietet.

17 Nutzer haben den Zuschlag gekommen, wie Pascal Biedermann von «Unterdessen» sagt. Es sind Nutzer mit höchst unterschiedlichen Tätigkeitsgebieten: Eine Indoor-Plantage für CBD-Hanf ist dabei, eine Padel-Spielhalle, bildende Künstler, Handwerker, Architekten, ein Tonstudio und eine Band. «Die Stimmung ist bestens», sagt Biedermann, der sich kürzlich mit den Zwischennutzern zum grossen Fondue-Essen getroffen hat.

Sie alle werden ihre mehr oder weniger angestammten Lokale verlassen müssen, sobald die Baumaschinen auffahren. «Wie auf dem NT-Areal und wie auf dem Stücki-Komplex», erinnert sich Widmer und denkt mit Wehmut an die verpassten Chancen an diesen Entwicklungsorten.

Wo einst Kultur gedeihen konnte, seien verplante Unorte entstanden, verschleuderter Boden. «Ich verstehe nicht, warum man jetzt auf diesem Areal im Sauseschritt vorwärtsmachen will, keinen Raum einräumt für mögliche zukünftige Veränderungen und damit mit eine Chance verpasst.»

Kulturecken im neuen Quartier

Vielleicht wird jedoch auch der eine oder die andere Kulturplayer in Zukunft Platz finden – im Zentrum für Kultur und Kreativwirtschaft, das der Kanton in seinen Plänen angedacht hat. Für laute Kultur aber wird es dort kaum Platz haben, weil das dafür vorgesehene Gebäude unmittelbar an die Wohnzone und das Schulhaus angrenzen wird.

Partys unter der Trauerweide werden sicher nicht mehr möglich sein. Auch nicht wenn sich der Gewerbeverband mit seinen Verdichtungsvorstellungen durchsetzen sollte. Doch auch dieser denkt in seinen Alternativplänen an kulturelle Nutzungen. «Diese dürfen dann auch richtig laut sein», sagt Patrick Erny, Leiter Politik im Gewerbeverband.

Podiumsdiskussion zum Lysbüchel-Areal

Der Transformationsprozess des Lysbüchel-Areals ruft neben den Planern auch Skeptiker und vehemente Gegner auf den Plan. In einem Podiumsgespräch der Stiftung Architektur-Dialoge kommen diese zu Wort. Die 2006 gegründete Stiftung hat zum Ziel, einem breiten Publikum zeitgenössische Architektur und Städtebaufragen zu vermitteln und den Dialog über Architektur zu fördern.
Podiumsdiskussion mit Beat Aeberhard (Kantonsbaumeister Basel-Stadt), Alexander Muhm (Leiter Development SBB Immobilien), Patrick Erny (Leiter Politik Gewerbeverband Basel-Stadt) und Ruth Widmer (TheaterFalle Basel). Moderation: Dominique Spirgi. Am Mittwoch, 27. September, 19 Uhr, im Multifunktionsraum des Bau- und Verkehrsdepartements an der Dufourstrasse 40 in Basel.

Konversation

  1. Im Moment ist es noch Hipstergerecht. Aber es sollen ja Wohnungen gebaut werden. Nach Basel pendeln jeden Tag 100’000 Menschen. Wie viel Verkehr könnte eingespart werden, würden die alle hier leben? Es braucht nicht noch mehr Arbeitsplätze in Basel, es braucht mehr Wohnraum!

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  2. Wieso muss alles hipstergerecht gemacht werden in den Städten? Wieso kann man dem lauten Gewerbe, welches viele Arbeitsplätze gerade für niedrig-qualifizierte Arbeitskräfte Arbeit und Lohn gibt, der lauteren Kultur und den anderen hier beschriebenen Areal-Nutzern nicht diesen Freiraum lassen? Hat sich je jemand daran gestört, dass das Lysbüchel so ist, wie es ist – ausser vielleicht ein paar Stadtplanern?

    Lassen wir das Lysbüchel Lysbüchel sein und nehmen wir es als Zone, wo noch Lärm passieren darf. Für Gewerbe und Kultur.

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