Niemand wird aus dem Klybeck verdrängt, glaubt Stadtentwickler Ott

Das Klybeck ist ein Schwerpunkt der Basler Stadtentwicklung. Im ehemaligen Industriequartier sind Wohnungen und Arbeitsplätze für 30’000 Menschen in der Pipeline. Die Bewohner befürchten steigende Mieten, Stadtentwickler Lukas Ott nicht.

Einige Bewohnerinnen der Siedlung Klybeck Mitte konnten sich die sanierten Wohnungen nicht mehr leisten.

Lukas Ott, ist das Klybeck ein Problemquartier?

Wir haben in Basel eine Vielfalt an Quartieren, das ist bereichernd. Jedes hat eine eigene Charakteristik und deckt andere Bedürfnisse ab, auch das Klybeck.

Das Klybeck deckt in erster Linie das Bedürfnis nach günstigem Wohnraum ab. 

Wir haben dort bestimmte Gegebenheiten: eine Sozialhilfequote von 13,6 Prozent, einen Ausländeranteil von 52,4 Prozent.

Eben wegen der noch einigermassen günstigen Mieten, anderswo können sich Menschen mit wenig Geld gar keine Wohnung mehr leisten.

Das stimmt so nicht, denn in Basel gibt es viel günstigen Wohnraum. So kostet rund ein Drittel aller Wohnungen netto unter 1000 Franken, rund 72 Prozent unter 1500 Franken.

https://tageswoche.ch/allgemein/aufwachsen-am-stadtrand-wie-basels-aermste-kinder-leben/

Arme Menschen finden in Basel kaum mehr eine bezahlbare Wohnung.

Die Arealentwicklungen sollen zu einer besseren Durchmischung und zu einer weiteren Belebung beitragen. Mit der Stadtentwicklung  «3Land» («Rheinhattan», Anm. d. Redaktion) zwischen der Dreirosen- und der Palmrainbrücke soll Raum für 20’000 Arbeitsplätze und Einwohnende  entstehen, bei Klybeck plus auf dem Industrieareal der BASF und der Novartis Arbeits- und Wohnraum für je 10’000 Menschen. Dabei geht kein bestehender Wohnraum verloren, es entsteht neuer. Das wird Druck vom Wohnungsmarkt nehmen.

Die TagesWoche hat mit Leuten aus dem Quartier geredet. Sie haben Angst, dass die Mieten mit der Aufwertung steigen. 

Ich erwarte nicht, dass weniger begüterte Leute verdrängt werden. Wir beobachten die Situation genau. Die Erfahrung aus dem St. Johann hat gezeigt, dass die Veränderungen nicht zur Verdrängung führten. Statistisch gesehen hat sich das Mietzinsniveau dort nicht stärker entwickelt als im Rest von Basel.

«In Basel gibt es viel günstigen Wohnraum», sagt Stadtentwickler Lukas Ott.

Im Klybeck hat die Gentrifizierung schon angefangen. Am Giessliweg gibt es eine Totalsanierung und auch in Klybeck Mitte wurden schon einige Mieter verdrängt. Was tut der Kanton dagegen?

Wie in anderen Städten sind auch in Basel die Mietzinse gestiegen. Das Mietzinsniveau ist jedoch nicht überdurchschnittlich hoch. In Basel herrscht insbesondere ein Mangel an freien günstigen Wohnungen, ich bin mir des Problems bewusst. Der Kanton tut, was auf dem kleinen Stadtgebiet möglich ist: Grosse Areale im Wandel entwickeln und durchmischtes Wohnen ermöglichen. Etwa durch die Stadtentwicklung Klybeck plus. Dort soll, bei einem Wohnanteil von mindestens 50 Prozent,  auch günstiger Wohnraum entstehen.

Aber nur 15 Prozent müssen gemäss Planung günstig sein. Warum nicht mehr?
Das ist eine Mindestgrenze, aber wir stehen noch am Anfang der Planung und müssen offenbleiben, das Ganze Schritt für Schritt weiterentwickeln, gemäss den Bedürfnissen der Quartierbevölkerung und in Zusammenarbeit mit den Grundeigentümerinnen. Planung ist ein Prozess, das muss man akzeptieren.

Für die alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern in einer Dreizimmerwohnung ist die Angst vor der Aufwertung schwer zu akzeptieren. 

Der Kanton ist sich der Verantwortung bewusst und bezahlt bei Bedarf niederschwellige Familienmietzinsbeiträge, damit die Familien auf dem Mietwohnungsmarkt mithalten können. Basel ist zudem in einer guten Ausgangslage, wir haben rund 110 Hektaren Industrieareale, auf denen neue Wohn- und Arbeitsplätze entstehen. Keine andere Stadt in der Schweiz hat derzeit so viel Entwicklungspotenzial nach innen.

«40 Prozent der neu gebauten Wohnungen in Basel
sind gemeinnützig.»

Nochmals zu den 15 Prozent günstigen Wohnraums: Von einem links-grün regierten Basel kann man erwarten, dass der Kanton bei solchen Entwicklungsgebieten so viel wie möglich für die sozial Schwachen fordert. Zurückbuchstabieren kann er dann immer noch.

40 Prozent der neu gebauten Wohnungen in Basel sind gemeinnützig, drei Viertel davon machen Genossenschaften, ein Viertel  Stiftungen aus. Der Kanton unterstützt diese Entwicklung aktiv, unter anderem mit Baurechten. Dazu kommen die erwähnten Familienmietzinsbeiträge, mit denen zehn Prozent der Basler Familien unterstützt werden, um ihre Miete zahlen zu können. Dort setzt der Kanton jährlich zehn Millionen Franken ein, das ist nicht eidgenössisches Pflicht-, sondern Basler Kürprogramm.

Sollte der Kanton nicht stattdessen mehr Immobilien kaufen, um die Mietpreise selber kontrollieren zu können?

Das tut er, ich weise beispielsweise auf die Wohnungen an der Maiengasse und der Hebelstrasse hin, die der Kanton erstellt hat und zu erschwinglichen Preisen vermietet. Erst kürzlich hat Immobilien Basel-Stadt eine Liegenschaft an der Egliseestrasse gekauft und sich damit Wohnraum im günstigen Preissegment gesichert. Natürlich hängt ein solches Engagement  auch vom Wohnungsmarkt ab, ob und was zu welchen Konditionen auf dem Markt verfügbar ist.

«Die Zwischennutzungen am Klybeckquai haben dazu geführt, dass das Klybeck nicht länger nur Durchfahrtsquartier ist.»

Das Argument des ausgetrockneten Markts fällt bei jeder Diskussion über die Mietzinse. Fühlen Sie sich als Stadtentwickler hilflos?

Nein, überhaupt nicht, der Kanton kann ja selber am Markt auftreten. Und wir erreichen mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten viel. Nehmen Sie die Zwischennutzungen am Klybeckquai. Sie haben dazu geführt, dass das Klybeck nicht länger nur das Durchfahrtsquartier hinter dem Industrieriegel auf dem Weg nach Deutschland ist, sondern dass die Leute aus der ganzen Stadt dort hinfahren und das vielfältige Freizeitangebot nutzen.

Ausser die Familien im Klybeck selbst. Wer kein Geld hat, kann sich die Preise der Hipster-Bars nicht leisten.

Ich habe den Eindruck, dass es dort eine Vielfalt an niederschwelligen Angeboten gibt.

Welche Angebote sind denn für Sozialhilfeempfänger-Familien aus dem Klybeck? 

Zum Beispiel die Trendsporthalle auf dem ehemaligen Esso-Areal. Dort gehen Jugendliche aus dem Quartier skaten. So soll auch das Klybeck plus zukünftig ein offenes Areal werden, offen für die ganze Bevölkerung vom Klybeck und für die ganze Stadt. Wir setzen uns für Durchlässigkeit, Belebung und Vielfalt ein.

Dossier Die Kinder vom Klybeck

Am Stadtrand müssen die Kleinen für sich selber schauen, und ihre Eltern bangen um ihre zahlbaren Wohnungen.

Alles zum Thema (3)

Konversation

  1. Die Antworten von Lukas Ott – dem neuen Stadtentwickler – sind dürftig und unbefriedigend. Er kann wenig Substantielles anbieten.

    Fakt ist, dass das Klybeckquartier unter Druck steht, die Wohnungsnot gross ist und MigrantInnen Mühe haben adäquate und zahlbare Wohnungen zu finden. Die Tawo-Berichte haben zudem auch gezeigt, dass die Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche im Quartier ungenügend sind. Da wirkt es reichlich zynisch, wenn Ott auf die Aktivitäten der Hippsterszene an der Uferstrasse verweist.

    Eine Stadt sollte proakativ auf solche Situationen zugehen und Lösungen erarbeiten.

    Zynisch finde ich Positionen, welche GeringverdienerInnen als »RestpostenverwerterInnen« behandeln. Abgetakelte Liegenschaften sollen, so die vorherrschende Meinung, als Zwischennutzungen (bis zu einem allfälligen Neubau) GeringverdienerInnen (grosszügig) zur Verfügung gestellt werden. Eben: Restverwertung. Das finde ich eine unwürdige Haltung. Vor allem für eine reiche Stadt. Da würde ich mir wünschen, dass auch das links-grüne Lager gelegentlich selbstkritischer aufmarschiert. Man kann die desolaten Verhältnisse nicht pauschal dem Klassenfeind »Eigentümer« anhängen. Eigentümer sind nämlich auch die vielgelobten Wohngenossenschaften, diverse Wohnstiftungen und auch die Stadt, respektive Immobilen Basel-Stadt. Nicht ganz zufällig sind wir zudem alle via Pensionskassen in den Umgang mit Immobilien involviert. Das blenden wir gelegentlich elegant aus.

    Es reicht nicht, wenn der Stadtentwickler Ott die Situation beobachtet. Er muss mehr tun. Sich die Hände schmutzig machen. Oder zumindest die Situation ernst nehmen und über Lösungen nachdenken.

    Wie wär’s, wenn die Stadt alle zum Kauf stehenden Liegenschaft (via Immobilien Basle-Stadt) im Klybeckquartier ab sofort erwirbt? Saniert und in Form einer Kostenmiete weitergibt?

    Wie wär’s, wenn die Stadt einen internationalen Architektur-Wettbewerb ausschreibt. Ziel: Wohnungen für wenig Geld zu konzipieren und vorbildhaft zu realisieren.

    Dass Architekten teuer und luxuriös bauen können wissen wir. Aber können sie auch Wohnungen für schmale Budgets bauen? Wir wissen es nicht. Kein Bauherr hat die Architekten diesbezüglich herausgefordert. Auch die Stadt vergibt keine entsprechenden Aufträge. Man hat sich an die Formel gewöhnt, dass Geringverdiener keinesfalls Anspruch auf neue Wohnungen haben dürfen. Wir behandeln sie (und darüber herrscht scheinbar Konsens) als »Liegenschaften-Restverwerter«.
    Auch die Politik findet dies okay. Eigentlich ein beschämendes Fazit.

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    1. Es ist schon ein Weilchen her, dass ich solch ein Konstrukt von frei erfundenen Wahnvorstellungen gelesen habe. Gratuliere, Christoph Meury. Bestimmt gibt es auch für Sie eine Gegend wo Sie sich nur mit gleichgesinnten zusammenfinden können um dem Untergang der guten alten Zeit zu fröhnen.

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  2. Drei Ziele: A. Durchmischung ‚Arbeit-Freizeit-Wohnen‘ fördern. B. Pendler*innen-Ströme abbauen. C. Stadträume als Bildungs- und Lebensräume entwickeln.

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  3. Was ist der unterschied zwischen ‚(zwischen der Dreirosen- und der Palmrainbrücke soll) Raum für 20’000 Arbeitsplätze und Einwohnende entstehen, bei Klybeck plus auf dem Industrieareal der BASF und der Novartis Arbeits- und Wohnraum für je 10’000 Menschen.‘? Bei 100’000 zupendlern taeglich sollte man doch etwas weniger arbeitsplaetze planen (verkehrsreduktion?), dafuer mehr wohnraum. 75% der steuern zahlen private, nicht firmen. Mit den neuen steuergeschenken bald noch weniger…

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    1. Ah ubd genossenschaftlich nicht mit gemeinnuetzig verwechseln. Gerade genoseenschaften sind zum teil sehr teuer um sich einzukaufen…

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  4. Die Weg-Ekelei funktioniert dann so, dass die Edleren die Ärmeren eher nicht sehen wollen. Im Gegensatz zu zum Beispiel Lissabon sind in Basel die sozialen Schichten doch eher getrennt voneinander lebend.
    Den Rest erledigen dann die Vermieter selber, zum Beispiel mittels einer „notwendigen Renovation“.
    Schon im Vorfeld der „notwendigen Renovation“ wird es dann die Massenkündigungen geben, womit Familien und insbesondere Kinder in Not gebracht werden, müssen sie doch ihr Kollegen und Schule dann meist verlassen. Solche Zwangsentwurzelungen sind ein Risiko für die weitere auch schulische Entwicklung.

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