Genosse Überflieger

SP-Politiker Kaspar Sutter ist seit einem Jahr Mitglied im Grossen Rat – und dort bereits einer der Auffälligsten. Porträt eines Durchstarters.

Kaspar Sutter zum Regierungsrat: «Das ist ein wichtiger, spannender Job.»

«Hast du dir wehgetan?» Kaspar Sutter, Haartolle und grüner Kapuzenpulli, kauert neben einem Siebenjährigen. Der Junge nickt. «Nur ein bisschen?» Wieder Nicken. Dann ist ja gut. Sutter kommt zum Gespräch mit dem Journalisten zurück. Wir befinden uns im Spiel-Estrich der Kaserne umringt von Kindern.

Hier läuft gerade ein Experiment, eine perfekt inszenierte Politkampagne. Politiker und Pädagogen betreuen in den Neujahrsferien ehrenamtlich rund 30 Kinder, weil es ein solches Angebot in dieser Zeit sonst nicht gibt. Sutter, der die Idee dazu hatte, war auf allen Kanälen präsent. Sogar nationale Medien berichteten über das SP-Projekt – ein Erfolg auf der ganzen Linie.

Denn der SP-Grossrat Sutter hatte im Sommer einen Vorstoss für Tagesbetreuung während den Schulferien eingereicht. Im Herbst überwies der Grosse Rat die Motion und im Dezember kündigte der Regierungsrat bereits an, die Forderung ab Schuljahr 2019/20 umzusetzen. Innerhalb weniger Monate hat der 42-jährige Newcomer im Grossen Rat damit geschafft, was mehrere Politiker vor ihm über Jahre vergeblich gefordert hatten.

Zufall? Wohl eher Cleverness und Gespür für Politmanagement. Oder wie Sutter es ausdrückt: «Ich weiss, wie der Politikbetrieb funktioniert.»

Tipps von SPD-Müntefering

Im Alter von gerade mal 20 Jahren stieg der Pfarrerssohn Sutter in die Politik ein. Damals wurde er für die SP in den Allschwiler Einwohnerrat gewählt. Es folgten ein Studium in Wirtschaft und Staatswissenschaften und ein Praktikum bei den Sozialdemokraten im Europaparlament in Brüssel.

Danach kamen drei Jahre, in denen Sutter lernte, wie Politkampagnen funktionieren. Für die SP Schweiz schrieb er Slogans mit, wie: «200’000 suchen Arbeit. Und CVP-Deiss geht baden.» Ein anderes Mal zeigte er Couchepin als Napoleon mit der Unterzeile: «Hände weg von unserer AHV, Majestät!»

Es war die Zeit, in der die SVP Jahr für Jahr zulegte, während die SP stagnierte. Sutter arbeitete als politischer Fachreferent für die SP Schweiz und reiste zu den Genossen nach Berlin, wo er sich vom späteren SPD-Chef Franz Müntefering erklären liess, was Agenda-Setting bedeutet.

Danach folgte eine Auszeit aus der Politik. Sutter arbeitete vier Jahre bei SBB Cargo – unter anderem auch in Norditalien. 2009 startete er beim Finanzdepartement Basel-Stadt als Generalsekretär.

Vorbild Eva Herzog: «Die Leute schätzen es, wenn jemand ‹sein Ding› macht.»

Die folgenden acht Jahre unter Eva Herzog sollten für Sutter prägend sein. Er lernte nicht nur einen der komplexesten Politikbereiche kennen, er erfuhr auch, «dass es stets auf die Sache ankommt. Die Leute schätzen es, wenn jemand politisch konsequent ist. Und dies ist Eva Herzog immer.»

Zum Beispiel als die Steuerverwaltung im Wahljahr den Eigenmietwert erhöhte. Jede andere Politikerin oder jeder andere Politiker hätte wohl versucht, das zu verhindern, so Sutter. «Eva Herzog hingegen hat die Erhöhung konsequent verteidigt – und wurde trotzdem mit Glanzresultat wiedergewählt.»

In dieser Hinsicht sei Herzog sicher ein Vorbild für ihn. Die Finanzdirektorin, die klar zum liberalen Flügel der Sozialdemokraten zählt, ist auch inhaltlich meist auf seiner Linie.

Anders als manche Genossen aus der Gewerkschaftsecke stellt der HSG-Absolvent auch die Interessen der Wirtschaft in den Fokus. «Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft sind wichtig. Der Sozialstaat ist auf eine funktionierende Wirtschaft angewiesen.» Denn der Staat müsse die Fehler einer freien Marktwirtschaft korrigieren. Konkret heisst das zum Beispiel: Umverteilung von Vermögen und Umweltschutz.

Parteipräsident Pfister findet, Sutter wäre ein valabler Kandidat für den Regierungsrat.

Die Finanzdirektorin hält sehr viel von ihrem ehemaligen Generalsekretär. Sie sagt: «Er ist absolut kompetent und dossierfest.» Auf eine Einschätzung seiner Schwächen angesprochen, reagiert sie irritiert: «Das ist jetzt eine komische Frage. Ich bin weder seine Lehrerin noch sein Mami.»

Fragt man bei anderen Genossen nach, so hört man ebenfalls kaum Negatives. Parteipräsident Pascal Pfister ist «sehr froh, einen super Politiker wie Sutter in den eigenen Reihen zu haben». Für ihn ist Sutter auch ein «valabler Kandidat» für den Regierungsrat und in der engeren Auswahl für die Gesamterneuerungswahlen 2020.

Klar ist: Herzog darf dann nicht mehr antreten. Unwahrscheinlich ist, dass Christoph Brutschin 2020 nochmal antritt und hinter Wessels‘ Ambition steht im Moment ein grosses Fragezeichen. Im schlimmsten Fall muss die Partei 2020 drei Regierungsräte ersetzen. Wie es auch kommt: Sutter steht für diese Wahlen wohl neben Tanja Soland auf der Shortlist.

Wer aber kandidieren darf, bestimmt bei den Genossen nicht das Präsidium, vielmehr stimmen die Delegierten darüber ab. Das verspricht Spannung – und Ungewissheit.

Nachteil: Herzog-Zögling

Ein SPler, der anonym bleiben will, sagt, Sutter könnte bei einer Kampfwahl zur Nomination Nachteile haben, weil er Herzog so nahe stehe. «Königsmacher-Kandidaten sind bei den Delegierten nicht besonders gern gesehen.» Ausserdem ist Herzog bei Teilen der Parteibasis durch ihren Steuerreform-Alleingang in Ungnade gefallen. In der Partei ist zudem klar, dass Herzog durch eine Frau ersetzt werden muss, also am ehesten von Soland.

Auf mögliche Ränkespiele in der Partei angesprochen, antwortet der verheiratete Familienvater Sutter diplomatisch: «Ich finde es toll, dass es in der Partei genügend Leute gibt, die ein so wichtiges Amt ausfüllen können.» Für ihn sei der Regierungsrat im Moment ohnehin kein Thema. Auf die Frage, ob er sich das zumindest vorstellen könnte, antwortet Sutter wieder mit einer typischen Politikerantwort: «Regierungsrat ist ein spannender Job, der für den Kanton enorm wichtig ist. Zurzeit stellt sich die Frage aber nicht.»

Dass er einmal in dieses Amt kommen könnte, zeigt Sutters unbedingter Wille zur politischen Debatte. So zerlegt er in zwei, drei Sätzen Argumente des Gewerbeverband-Chefs oder bringt SVP-Landräte mit einfachen Kalkulationen in Nöte.

«Ich investiere sicher mehr Zeit in die Politik als andere im Grossen Rat.»

Die Beziehung von Basel-Stadt zu Baselland ist ohnehin eines der Lieblingsthemen des Finanzpolitikers. Selbst im Landkanton aufgewachsen, lässt Sutter heute keine Gelegenheit aus, gegen die Sparwut und Unvernunft der Landpolitiker zu wettern.

Auch hier, sagt Sutter, zählten die Fakten. Und diese seien klar: Das Land profitiere unverhältnismässig stark von der Stadt. Unifinanzierung: So nicht, liebe Baselbieter! Spitalfusion: Basel-Stadt zieht den Kürzeren!

Die Beiträge auf seinem eigenen Blog werden häufig von Medien und Politikern aufgegriffen. Seine Ansichten sind kontrovers, die Zahlen fundiert.

So hat Sutter in nur einem Jahr etwas erreicht, von dem mancher Grossrat träumt: Bei komplexen Themen wie Gesundheit und Finanzen kommt kaum ein Journalist darum herum, Sutter für eine Stellungnahme oder Hintergrundinformationen anzufragen.

Beratungsfirma als Übergangslösung?

Wie erklärt er seinen raschen Erfolg? «Ich investiere wohl mehr Zeit in die Politik als andere im Grossen Rat. Und ich konnte in meiner Zeit beim Finanzdepartement viel Know-how gewinnen, zum Beispiel, wie man einen Finanzierungsschlüssel berechnet oder wo die Zahlen zum Nationalen Finanzausgleich zu finden sind.»

Man könnte Sutter fast vorwerfen, er sei Berufspolitiker. Denn auch in seinem Job beschäftigt er sich im weitesten Sinne mit Politik. Nach seinem Ausscheiden beim Finanzdepartement hat er eine Beratungsfirma gegründet: In einem 50-Prozent-Pensum berät er Gemeinden und NGOs bei Finanzen und politischen Abläufen. Daneben kümmert er sich um sein Grossratsmandat und hat etwa zwei Nachmittage für seine Kinder zur Verfügung.

Seine Karriereplanung, so scheint es, hat der zweifache Vater fest im Griff. Der Ein-Mann-Betrieb, der nach eigenen Angaben noch nicht ganz wunschgemäss läuft, wirkt dabei wie eine Übergangslösung, bis der Vollblutpolitiker ein Amt findet, das ihn mehr als 30 Prozent beschäftigt.

Konversation

  1. Apropos Eigenmietwert muss allerdings etwas gesagt sein: Im ‚kritischen‘ Quartier Bruderholz – wo nicht nur ‚Bonzen‘ wohnen, sondern überwiegend normaler Mittelstand, erhielten die Eigentümer die Verfügungen erst NACH den Wahlen. Ich hatte die Frau Herzog ohnehin nicht gewählt. Andere aber in unserer Nachbarschaft kamen auf die Welt…

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  2. Das Europaparlament befindet sich in Strassbourg, nicht in Brüssel, oder?
    Sonst schätze ich es sehr, wie die TaWo Politiker näher bringt. Danke! So wird die Politik wieder attraktiv!

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  3. Nun, ein klassischer «Apparatschik» halt.

    So einer braucht keine Visionen, sondern dem genügt das Wissen, wie er «einen Finanzierungsschlüssel berechnet oder wo die Zahlen zum Nationalen Finanzausgleich zu finden sind».

    Beglückwünsche die Partei zu solchen «Talenten». Aber im Zuge des Umbaus der Partei zur «feministischen Speerspitze» der Gesellschaft hat er wahrscheinlich einen schweren Stand.

    Ich schätze, bei den Gesamterneuerungswahlen wird der Wählerpool seine zwei Kreuze bei der Gonosomübersicht setzen.

    Auch eine Art, sich als «Partei» überflüssig zu machen.

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    1. „im Zuge des Umbaus der Partei zur «feministischen Speerspitze» der Gesellschaft“

      Gehörte ich zu den 1 Prozent der Reichsten der Gesellschaft, so würde ich sämtliche Gender-Studies-Institute grosszügig mit Spenden unterstützen.

      Der beste Weg, ein hart erarbeitetes Vermögen (von wem auch immer erarbeitet) abzusichern!

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  4. Dass Kaspar Sutter ein brillanter Politiker und dereinst gewiss auch ein valabler Kandidat für den Regierungsrat ist, ist unbestritten, und dass er innerhalb der SP nicht zum Gewerkschaftsflügel gehört, ebenfalls. Was in diesem Zusammenhang aber der etwas verquaste Abschnitt über „den HSG-Absolventen, der die Interessen der Wirtschaft in den Fokus stellt“ aussagen will, bleibt das Geheimnis des Autors. Denn auch „die Genossen aus der Gewerkschaftsecke“ stellen die Interessen der Wirtschaft immer wieder „in den Fokus“, indem sie beispielsweise darauf bestehen, dass sich die Wirtschaft an den Rahmenbedingungen des Staates mit beteiligt. Zum Beispiel mit adäquaten Steuerabgaben für Schulen, Verkehr, Sicherheit und Gesundheit, um nur ein paar der zentralen Standortvorteile zu nennen, die bei der Allokation von Unternehmen bekanntlich im Vordergrund stehen.

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