Doppeladler zum Nachtisch – WM gucken mit Serben

Während die Schweizer Public Viewings in der ganzen Stadt heimsuchen, zieht es unseren Reporter zu den Serben auf den Wolf. Match schauen mit dem Gegner, Teil zwei.

Sie ahnten, dass es schief geht: Die WM-Partie Schweiz–Serbien im serbischen Kulturverein Kikac.

Muss ich davon ausgehen, dass hier mal wieder alles schiefgelaufen ist? Freitagabend, ich sitze im Velosattel, die Abendsonne strahlt mir ins Genick, ich fahre raus aus der Stadt auf den Dreispitz und entgegen kommen mir all die gutgelaunten Schweizermacher mit ihren rotweissen Backen, um die Schultern die Fahnen, dem Glutkern Innenstadt und irgendeinem Public Viewing entgegen. 

Mein freiwilliger Exit vom helvetischen Sommermärchen geht derweil in die Verlängerung.

https://tageswoche.ch/form/reportage/neymar-und-die-saftpresse-behrami-so-erlebten-die-basler-brasilianer-das-spiel/

Teil zwei unserer teilnehmenden Beobachtung unter den sportlichen Gegnern der Schweiz an der WM führt mich zur serbischen Community Basels, die gar nicht so leicht ausfindig zu machen war. Das liegt einerseits an der Vermarktung. Serbische Kneipen hängen ihre Nationalität in Basel nicht an die grosse Glocke.

Das liegt vielleicht auch an der Versuchsanordnung, dieser leicht exotisierenden Erwartungshaltung, bei den Serbinnen, Brasilianern, Costa Ricanerinnen was anderes zu erleben als Fussballfans, die Fussball schauen. Seis drum, es ist WM und ein bisschen Folklore darf sein.

Den entscheidenden Hinweis gab mir Herr Nikolic, der mit dem Quartierladen im Gundeli. Und Dragan Lukić, der Vizepräsident des serbischen Kulturvereins Kikac, war auf Anfrage sofort bereit mich einzuladen. Also stell ich mein Rad auf dem Wolf an den Strassenrand und steige die schmucklose Treppe hinauf in den dritten Stock der vereinbarten Adresse. Hier ist der Kulturverein zu Hause und beim Kulturverein Kikac herrscht heute gute Laune, das merke ich gleich, denn es wird erstmal getanzt.  

So sollten Fussballspiele beginnen.

Aus den Boxen schlingern Balkanrhythmen übers Parkett, auf dem sich gut 25 Jungen und Mädchen an den Händen halten und im Knickschritt paradieren. 

«Der Tanz heisst Pcinje», erklärt mir Anka, die leider nicht mittanzen kann, weil sie rekonvaleszent ist. Sie sagt tatsächlich: rekonvaleszent. «Wie im Fussball, weisch.» Anka trägt ein Trikot mit der Nummer 21 auf dem Rücken, die Nummer von Nemanja Matic, dem United-Legionär. Mit Fussball kennt sie sich aus. Ausserdem tanzen da noch Klein-Kolarov mit der 11, Klein-Kostic mit der 17 und Klein-Mitrovic mit der 9. Eine ausgezeichnete Startformation für diesen Abend, so weit ich das überblicke. 

Bestandesaufnahme: Wo bin ich hier? Den langen weissen Gang zieren zwei Stehtische mit Rivella-Aufdruck, es gibt einen Raum zum Tanzen, eine Kostümkammer, eine Art Versammlungszimmer mit Beamer und eine Küche. Fahnen. Marienbilder. Pokale. Bisschen Clubhaus, bisschen Kirche, bisschen Sehnsuchtsort. Der Kulturverein feiert 2018 sein 50-jähriges Bestehen. Im November gibts ein grosses Fest. Jetzt aber erstmal Fussball.

Anpfiff. Sommer in der 4. Minute mit einer Glanztat. In der 5. die frühe Führung für Serbien. Grosser Jubel. In der Küche steht der Vereinspräsident Ilija Jovic unterm offenen Fenster und brät Cevapcici. Und das nicht zu knapp. «Mittlere Temperatur, es darf nicht zu heiss sein», sagt er, «und das Fleisch auf keinen Fall zu lange auf dem Grill lassen, sonst wirds trocken.» Als Beilagen gibts Zwiebeln, Pommes und Ajvar, 15 Stutz die Portion. Bestellt wird drüben vor der Grossleinwand per Fingerzeig zur Küchentüre und abgerechnet wird ganz zum Schluss. 

Bestellt wird per Fingerzeig zur Küchentür, das Cevapcici kommt prompt.

In der 24. Minute geht Alex Panovic mal nach der Lüftung schauen. Gute Idee, aber eigentlich auch egal, denn vor der Grossleinwand hat sich längst ein dunstiger Schleier aus Bratfett, Zigarettenrauch und allgemeiner Erregtheit etabliert. «Wenn jetzt nur nix schiefgeht», murmelt mein Nachbar und auch Katarina scheint der frühen Führung nicht recht zu trauen. «Ich glaub, die werden müde», sagt sie zur Halbzeit, «wahrscheinlich wirds nicht reichen.» 

Während die Jungs weiter vorne an den Tischen keine Zweifel kennen, brüllen, gestikulieren, die Arme verwerfen, den Schiri massregeln, herrscht weiter hinten leise Melancholie. 

Man traut der Sache nicht über den Weg. Man wiegt mit dem Kopf. Man zitiert Positionen in der Weltrangliste, Schweiz 6, Serbien 34, erinnert an die Anzahl WM-Teilnahmen, Schweiz 10, Serbien 1. Einer macht das Fenster auf. Der serbische Kommentator beschränkt sich weitgehend auf das Benennen des ballführenden Spielers; Lichtsteiner, Schär, Akanji, Xhaka, Shaqiri. Er spricht es aus wie: Schatschiri. 

Vorne wird gebrüllt, hinten herrscht Melancholie.

Der Ausgleich fällt in der 52. Minute. Ein Hammertor. Xhaka faltet beim Jubel die Hände zum Doppeladler.

Verflucht. Ich hatte mich auf einen netten Abend eingestellt, bisschen Parlando, bisschen Fachsimpelei, mit lecker Cevapcici hatte ich noch nicht mal gerechnet. Was ich nicht hatte, war Lust, mich der medial herbeigegeiferten Balkandebatte widmen zu müssen. Und jetzt jubelt der Hansdampf mit dem Doppeladler vor der Brust und auf dem Wolf ist Feuer im Dach.

Ich kann kein Serbisch. Aber so viel verstehe auch ich: Die Leute um mich herum sind pikiert, um das Mindeste zu sagen. 

Fenster auf, Grill an. Besser wirds nicht mehr.

Dann die wohlfeile Frage an meinen Nachbarn, wie das jetzt aufgefasst werde, dieser Jubel. «Ich finde das wirklich unnötig, weil das jetzt wieder Öl ins Feuer giesst», sagt Sasa Djordjevic. «In den vergangenen Tagen konnte man kaum mehr die Zeitung lesen, überall wurde auf diesem alten Konflikt zwischen Serben und den Schweizer Spielern mit Migrationshintergrund herumgehackt.»

Ob er das in seinem Alltag zu spüren bekommt? «Ich arbeite sowohl mit Albanern als auch mit Kosovaren zusammen, wir verstehen uns gut, reissen Spässe über so was», sagt Djordjevic. «Aber diese Debatten lösen etwas aus, das wir nicht steuern können und trotzdem irgendwie auf uns zurückfällt.» Serben. Kosovaren. Albaner. Troublemaker. So was setzt sich fest in den Köpfen. 

Shaqiri schiesst in der 90. das Tor zum 2:1. Ein Supertor. Adlerjubel. Mir fällt dazu nichts mehr ein. 

Und weil das Spiel kurz darauf ohnehin zu Ende ist und man sich leise schimpfend auf den Heimweg macht, aber die späte Niederlage alles in allem mit Fassung zu tragen scheint, stehe ich in der Küche nochmal wie ein Touristen-Alman für ein Foto zwischen die Gastgeber. 

Tut mir selber weh. Aua.

Erst hinterher merke ich, dass ich vor lauter Verlegenheit so etwas wie einen Adler mit den Händen geformt habe. Das ist natürlich blöd, hoffentlich wird es mir niemand übel nehmen, denn Absicht wars nicht. Ich sage danke und gehe.

Und auf dem Weg zurück in die Stadt kommen mir hupende Autos und die Schweizermacher mit den rotweissen Backen und den Fahnen auf den Schultern entgegen. Ich rieche nach Zwiebeln und Bratfett und Marlboro rot. Ich gehe in dem Moment davon aus, das nichts schiefgelaufen ist.

Konversation

  1. Gut zugehört! Shaqiri spricht man tatsächlich korrekt aus wie Schatschiri. Nur wissen das die meisten nicht.

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