So behämmert muss man an der Uni Basel sparen

Der Universität geht es ans Lebendige. Der Sparzwang ist politische Realität – es gibt zwar einen Plan, aber keine Lösung. Das führt zwangsläufig zu Zufallsresultaten.

Sieben Fakultäten hat die Universität Basel. Alle müssen sparen.

Knapp 45 Millionen Franken muss die Uni Basel gemäss aktuellem Leistungsauftrag bis 2021 sparen. Oder sogar noch mehr. Bundesmittel werden als Folge des Sparzwangs wohl spärlicher als bisher nach Basel-Stadt fliessen, wie die «NZZ» berichtete. Derweilen schmieden Baselbieter Bildungsgegner schon offen weitere Abbaupläne an, während die baselstädtische Regierung jegliche Opposition vermissen lässt.

Der Sparhammer fordert erste sichtbare Opfer. In den Geisteswissenschaften werden Stellen nicht ersetzt, Abgänge nur teilweise mit neuem Personal besetzt, Professuren zurückgestuft – und erste Fachbereiche fallen ganz weg.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/der-uni-sparhammer-trifft-erste-faecher/

Es gibt keine einheitliche Spar-Strategie. Jede Fakultät muss selber schauen, wie sie mit den jeweiligen Einbussen zurecht kommt. Professor Rüdiger Schnell, der 20 Jahre am Deutschen Seminar gelehrt hatte, warnte schon im vergangenen Jahr: «Wird eine Professur zufällig frei, wird sie nicht mehr gleich besetzt. So sieht man der Zertrümmerung von Fachbereichen tatenlos zu.»

Uni-Sprecher Matthias Geering sagt, die Fakultäten hätten bis 2021, also Ende der Leistungsperiode, Zeit, «um ihre Sparvorgaben zu erreichen».

Im Zusammenhang mit der Philosophisch-Historischen Fakultät spricht Geering von einem «Plan», den «Fakultät, Rektorat und Universitätsrat» seit Längerem festgelegt hätten: «Der Plan sieht vor, verschiedene bisher unbefristete Professuren vorläufig als zeitlich befristete Assistenzprofessuren auszuschreiben». Somit erziele die Fakultät «einerseits die verlangten Einsparungen, gewinnt andererseits aber Zeit, damit längerfristige Lösungen sorgfältig geplant werden können», so Geering.

Oder anders gesagt: Der «Plan» ist bloss ein Spiel gegen die Zeit. Lösungen hat man noch keine.

Konsternation und Kritik

Nach einzelnen Meldungen zu den konkreten Folgen dieser Politik – oder einem grossen Überblick, nachdem alle Köpfe gerollt sind – wird man daher vergeblich suchen. Der Abbau verläuft schleichend und individuell. Nur prominente Fälle kommen ans Licht. Etwa, als im vergangenen Dezember bekannt wurde, dass das Deutsche Seminar den renommierten Lehrstuhl für Mediävistik nicht neu besetzt.

Nun kommt es im Rahmen des Nichterhalts der Professur wohl zu einem weiteren Abgang am Lehrstuhl für Mediävistik – trotz Protesten. Die bisherige langjährige Dozentin hat einen Ruf als Professorin an einer anderen Universität erhalten. Eine volle Professur in Basel, um sie womöglich zu halten, kann man ihr nicht mehr anbieten. «Die Assistenzprofessur für Germanistische Mediävistik ist ausgeschrieben, die Berufungskommission eingesetzt, das Verfahren läuft», sagt Uni-Sprecher Matthias Geering.

«Was wir hier sehen, ist die logische Konsequenz aus dem Sparauftrag», sagt Giuliano Borter, Präsident der Studentischen Körperschaft Skuba, zur TagesWoche. «Das war unvermeidbar und bestätigt leider unsere Befürchtungen, dass die Qualität darunter leidet.»

Eymann: «Ohne Gegensteuer kommt es bald zum Beinbruch»

Ein derartiger Abbau habe «Auswirkungen auf das Renommee eines Fachbereiches», sagt Borter weiter. «Als Student schätze ich es, wenn ein Professor wirklich weiss, wovon er spricht.» Bei den so genannten «Brückenprofessuren» sei die Aufmerksamkeit womöglich auf zwei Fachbereiche geteilt – «das ist für die Qualität der Lehre sicher nicht optimal», sagt Borter. Brückenprofessoren machen «aus betriebswirtschaftlicher Optik dort einigermassen Sinn, wo sie inhaltlich zusammenpassen», so der Skuba-Präsident.

Der Schritt sei «leider zu erwarten» gewesen, sagt der Basler LDP-Nationalrat Christoph Eymann zur TagesWoche. «Es war klar, dass es zum Abbau kommen muss, wenn man der Uni 40 Millionen streicht». Die Verantwortlichen hätten keine leichte Aufgabe, sagt Eymann: «Die Kunst liegt darin, eine möglichst undumme Lösung zu finden. Eine Lösung, die sich nicht langfristig in der Qualität von Lehre und Forschung niederschlägt.»

Gleichzeitig zeige der Abbau, «wie schönfärberisch die Aussagen aus Landrat und Grossrat waren, die sich über die Planungssicherheit für die Uni Basel freuten», kritisiert Christoph Eymann. Der Bildungspolitiker: «Diese Einsparungen sind nicht ‹verkraftbar›, wie es damals hiess, sondern sie können böse Folgen für die Volluniversität haben.»

Für Eymann ist klar: Die Uni braucht wieder mehr Geld. «Das sollte der Fokus der nächsten Verhandlungsrunde» zwischen Basel-Stadt und Basellandschaft sein. Der Nationalrat: «Dieser Abbau ist ein blaues Auge, wenn wir nicht Gegensteuer geben, kommt es bald zum Beinbruch.» Es brauche nun von offizieller Seite ein klares Bekenntnis zur Volluniversität: «Es muss Schluss sein mit den Basteleien diverser politischer Parteien.»

Wahrheit und Politik

In ihrem Essay «Truth and Politics» (1967) schrieb die Philosophin Hannah Arendt über das schwierige und konträre Verhältnis zwischen Wahrheit und Politik. Arendt machte sich darin auch Gedanken zur Bedeutung der Universität in demokratisch-rechtsstaatlichen Ländern. Sie stellte unter anderem fest: «Die Integrität, ja die Existenz der Universität hängt vom guten Willen der Regierung ab.» Die Uni Basel kann ein Lied davon singen.

Die Universität produziere – wie die Gerichte – immer wieder «Wahrheiten», die «sehr unwillkommen sind», so Arendt. Die Chancen dafür, «dass sich die Wahrheit durchsetzt» in einer Gesellschaft, sei deshalb bereits «massiv erhöht durch die reine Existenz von unabhängigen Universitäten». 

Politisch seien gerade die Geisteswissenschaften daher von grosser Bedeutung, weil sie – quasi im natürlichen Gegensatz zum Impuls der Politik – Wahrheiten interpretierten und verbreiteten. Es sei, stellte Arendt fest, ein Merkmal starker Rechtsstaaten, sich des Werts «der Existenz von Menschen und Institutionen, über die die Politik, der Staat, keine Macht besitzt», bewusst zu sein. Und sie zu dulden, ja zu fördern.

Wenn sogar die reiche Schweiz – auch Basel-Stadt mit ihrem jährlich dreistelligen Plus in der Rechnung – der ältesten Universität des Landes Schaden zufügt, dann muss man sich Sorgen machen. Nicht nur um die Universität. Nach Arendt auch um den Geist der Politik, die den Sparhammer führt.

Mitarbeit: Matthias Oppliger

Konversation

  1. 45 Mio. sind sehr viel Geld, Jahr für Jahr.

    Es mag betrüblich sein, dass nun die Uni Geldsorgen plagen – da steht sie zumindest nicht allein. Jede öffentliche Institution muss den „Kampf“ um die Mittel konstant führen.

    Selbst das Budget des Kantons würde farbiger, also roter, würde die Pharma ihren Obulus nicht mehr entrichten und ihre Mitarbeiter nicht mehr (über-)zahlen können. Beträge notabene, die zusammenkommen, auch weil viele Familien, anstatt in die Ferien zu fahren, ihr Geld via Krankenkasse ans Rheinknie transferieren.

    Traditionen und ein breit angelegtes akademisches Programm sind sicher wichtig für das Re­nom­mee der Uni. Auch im CV jedes Angestellten liest’s sich prächtiger, hat die Uni Gelder für maximale Breite und Tiefe.

    Andererseits ist’s auch eine Chance, den Fokus auf jene Materie zu legen, welche den Gesellschaften die kommenden Jahrzehnte das geeignete Wissen vermitteln, um sich in den nun folgenden Umbrüchen zurechtzufinden.

    Da tut es oft gut, mit Traditionen zu brechen.
    Das mussten und müssen (fast) sämtliche Bereiche der Wirtschaft, der Industrie schmerzhaft schon durchstehen. Da wird auch die Uni – keineswegs alleine – diesen Prozess gestärkt überstehen können.

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