«Ich bin kein Haudrauf» – Stadtentwickler Lukas Ott über sein Amtsverständnis

Seit über einem Vierteljahr ist Lukas Ott Basler Kantons- und Stadtentwickler. Was hat sich nach dem unfreiwilligen Abgang seines Vorgängers Thomas Kessler verändert? Und was kann man in diesem umstrittenen Amt überhaupt bewirken?

«Offen sein für Begegnungen und nicht von vornherein genau wissen wollen, wohin sich die Stadt entwickeln soll.» Das ist die Devise des neuen Kantons- und Stadtentwicklers Lukas Ott.

Freie Sicht aufs Rathaus und das quirlige Treiben auf dem Marktplatz: Lukas Ott hat von seinem Schreibtisch aus das Zentrum der Stadt stets im Blickfeld. Doch zu den Kernaufgaben des neuen Leiters Kantons- und Stadtentwicklung gehört es, das Büro zu verlassen. «Unterwegs sein ist sehr wichtig für mich und meine Arbeit. Offen sein für Begegnungen und nicht von vornherein genau wissen wollen, wohin sich die Stadt entwickeln soll», sagt Ott in einem Gespräch mit der TagesWoche.

Mit zum Gespräch gebeten hat Ott seinen Stellvertreter und Leiter der Fachstelle Stadtteilentwicklung Roland Frank. Damit scheint der Amtsleiter beweisen zu wollen, dass er ein ausgeprägter Teamplayer ist – etwas, was er später im Gespräch mehrfach betont. Er bewege sich nicht als Solitär durch die Stadt, sagt er. Teamarbeit sei sehr wichtig, denn alleine wäre das nicht zu schaffen. Entsprechend spricht Ott meistens in der Wir- und nicht in der Ich-Form.

«Das Portfolio umfasst mit den vier Fachstellen Grundlagen und Strategien, Wohnraumentwicklung, Stadtteilentwicklung und Integration Schlüsselthemen, die für die Weiterentwicklung von Basel-Stadt von entscheidender Bedeutung sind und zugleich einen starken übergreifenden Bezug zueinander haben. Es erlaubt eine ganzheitliche Sichtweise, aus der in Zusammenarbeit mit den einzelnen Fachdepartementen in der Verwaltung ein Mehrwert entstehen soll. Es geht darum, immer wieder aktiv die systemimmanente Trägheit oder Abhängigkeit, die durch die Departementalisierung entsteht, zu überwinden, um eine integrale Entwicklung der Stadt und des Kantons aus der Gesamtsicht zu ermöglichen.»

Teamarbeit also. Wie lebt Ott das vor? Was sagt sein Stellvertreter? Als Ott das Büro kurz verlässt, um Kaffee zu holen, kann dieser unüberwacht sprechen. Frank bestätigt: Teamarbeit, das werde derzeit wirklich gelebt. Ob sich die Zusammenarbeit verbessert habe, seit Thomas Kessler weg ist? Ein vieldeutiges Lächeln. Man könnte es als ein Ja interpretieren.

Gegenüber dem Journalisten halten sich auch andere Mitarbeiter des Amtes vornehm zurück. Aber die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass der Leitungswechsel weit herum als Gewinn wahrgenommen wird.

Unter Professionalität scheint Ott Zurückhaltung in seinen Aussagen zu verstehen.

Der Chef kommt zurück. Etwas vom Ersten, das einem bei ihm auffällt, ist sein ernster, wacher und zugleich nachdenklicher Blick, der unter dem beschwingten Bogen seines weissen Mittelscheitels hervorblitzt. Ott ist jemand, der genau zuhört und reflektiert antwortet. Etwas gar reflektiert für einen Journalisten, der gerne knackige Aussagen wiedergeben möchte. «Meine private Meinung darf keine Rolle spielen, von mir ist Professionalität gefordert», sagt er. Unter Professionalität scheint er Zurückhaltung in seinen Aussagen zu verstehen:

«Wir müssen verhindern, selbstreferenziell zu werden. Wir dürfen nicht unterschätzen, was alles stattfindet und uns wichtige Hinweise für die Stadtentwicklung liefern kann: Gestern Abend war ich bei der Delegiertenversammlung des Stadtteilsekretariats Grossbasel-West, eine Begegnung mit allen Vertretern der Quartierorganisationen und politischen Parteien. Zuvor durfte ich an der Jubiläumsfeier 40 Jahre Kontaktstelle Eltern und Kind im St. Johann teilnehmen oder habe mich an einer Bauprojekt-Präsentation der Stiftung Habitat beteiligt, um nur einige Beispiele zu nennen. An solchen Anlässen erfahre ich, wo der Schuh drückt, was die Erwartungen und Wünsche der Bevölkerung sind, aber auch, was für konkrete Projekte bereits laufen.»

Aufmerksamer Zuhörer: Ott will unter keinen Umständen selbstreferenziell sein.

Ott ist tatsächlich sehr präsent in der Stadt. Und er hört hin: Das Wichtigste sei, offen zu sein für verschiedene Verständnisse und Sichtweisen, «und nicht von vornherein genau wissen zu wollen, wohin sich die Stadt entwickeln soll», sagt er.

«Ich bin kein Haudrauf. Es braucht vor allem Koordination und noch viel mehr Kooperation.» Koordination und Kooperation innerhalb seines Amts, mit der Politik und der Verwaltung und im Kontakt mit der Bevölkerung.

Ganz anders hat man da die Begegnungen mit Thomas Kessler in Erinnerung, der stets den Eindruck vermittelte, alles ganz genau zu wissen. Auf jede Frage hatte der umtriebige Vorgänger von Ott eine knackige Antwort bereit. Nicht selten hatte man das Gefühl, dass dessen Ausführungen spontanen Gedanken entsprangen. Und immer wieder eckte er auch bei seinem Chef an, dem damaligen Regierungspräsidenten Guy Morin, wenn er ohne Rücksprache mit überraschenden Vorschlägen an die Öffentlichkeit trat. Etwa damit, die Schifflände als Zone des öffentlichen Schiffverkehrs wie das Bahnhofsumfeld für Abend- oder Sonntagsöffnungszeiten freizugeben.

«Wir können nicht nur Kassenschlagerpolitik machen.»

Ott lässt sich nicht aus der Reserve locken. Auf die Frage, was für Erfolgserlebnisse er in seiner Amtszeit bereits verbuchen konnte, folgt wie so oft im Gespräch eine längere Denkpause. Dann formuliert er wie folgt:

«Ich habe das Privileg, meine Arbeit zu einem Zeitpunkt aufgenommen zu haben, an dem sich ein hohes Entwicklungspotenzial in der Stadtentwicklung zeigt – mit all den ehemaligen Industriearealen, die umgewandelt werden. Das wäre in diesem engen Stadtkanton mit seinen 37 Quadratkilometern Fläche vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen. Jetzt ist Basel die Schweizer Stadt mit den grössten Entwicklungsflächen gegen innen überhaupt.»

Aber was ist mit persönlichen Erfolgserlebnissen?

«Die inhaltliche Positionierung auf dem Wolf-Areal, das als Smart-City-Pionierquartier entwickelt werden soll, ist ein solches Erfolgserlebnis, wenn man auf der Stufe von Blockbustern bleiben möchte.»

Aber das will Ott wenig überraschend nicht:

«Wir können nicht nur Kassenschlagerpolitik machen, die Stadt muss sich auch im Kleinen bewegen. Es geht auch um die Menschen, die schon da sind, und nicht nur um diejenigen, die wir nach Basel locken möchten. Mir geht es aber nicht um Effekthascherei. Es sind eher die kleinen, beharrlichen Schritte, die ich als Erfolgserlebnisse empfinde: Wenn man es schafft, in Zusammenarbeit auf einem fruchtbaren Weg vorwärtszukommen, wenn Aufgaben und Projekte vorankommen, und sie vor allem für die Politik rezipierbar werden. Sie sollen letztlich Erfolg und Bestand haben. Begegnungen auf verschiedenen Ebenen, die tragfähige Lösungen anstossen und ermöglichen, sind meine Erfolge.»

Der Journalist hätte es gerne etwas konkreter. Reicht die Vorgabe von mindestens 15 Prozent günstigem Wohnraum auf dem Entwicklungsgebiet Klybeck plus?

«Wir stehen bei Klybeck plus noch ganz am Anfang. Es geht nicht nur darum, genügend Wohnraum zur Verfügung zu stellen – das ist unverzichtbar –, es geht auch darum, gut durchmischten und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Es geht um Vielfalt und Belebung in diesem städtischen Kosmos: Verschiedene Ansprüche von verschiedenen Anspruchsgruppen müssen erfüllt werden. Es steht noch viel inhaltliche Konkretisierungsarbeit bevor, beim Wohnen und Arbeiten und mit der nötigen Durchlässigkeit. Gerade mit der breiten Mitwirkung, die in Begleitung der Kantons- und Stadtentwicklung durchgeführt wird, sollen die Bedürfnisse der Einwohnerinnen und Einwohner einfliessen können.»

Konkreter geht es offenbar nicht. Oder noch nicht. Aber vielleicht etwas persönlicher? Wird er als Kantons- und Stadtentwickler von den Machern in der Politik und Verwaltung ernst genug genommen? Hört man auf ihn?

«Ich habe es keinen Moment bereut, das Stadtpräsidium in Liestal hinter mir zu lassen.»

Fragt man in der Verwaltung nach, entsteht der Eindruck, dass man sich noch immer an die Vermittlungs- und Koordinationsarbeit der Kantons- und Stadtentwicklung gewöhnen muss. Otts Vorgänger ist es nicht gelungen, genügend Akzeptanz zu schaffen. Aber nun schätze man Otts kommunikative Art und sein pragmatisches Vorgehen.

Ott selber sagt, dass er überall sehr weit offene Türen antreffe, auf sehr viel Goodwill stosse. Seine Arbeit bedinge aber auch eine dicke Haut.

«Ich muss mich damit abfinden, dass man es nie allen recht machen kann. Zuweilen benötige ich neben der Hartnäckigkeit auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Ich fühle mich jedoch sehr wohl in dieser Aufgabe, mit ihren Chancen und Potenzialen. Ich habe es keinen Moment bereut, das Stadtpräsidium in Liestal hinter mir zu lassen und die Basler Kantons- und Stadtentwicklung zu übernehmen.»

Konversation

  1. Warum stellt eigentlich niemand diese «Funktion» in Frage? Sie hat ja nichts zu tun.

    Liegt es daran, oder daran, dass diese «Funktion» einfach budgetiert ist? Die Verwaltung bleibt ein Mysterium.

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  2. Würde mich interessieren, ob Ott pünktlich zum Interview erschien… Man sagt ihm nach, dass er keine «Swiss Made»-Uhr habe, ja sowieso keine mit sich trage… Und Mails beantworte er ein halbes Jahr später – oder gar nicht… Zumal, wenn die Anfrage nicht direkt seinem Ego förderlich sei…

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    1. Danke, Tageszeitungsleser, ich kenne in Häsingen leider nur den Pfarrer. Könnten Sie der Einfachheit halber die Antwort des Bürgermeisters nicht selbst wiedergeben? Danke!

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  3. „Ein vieldeutiges Lächeln. Man könnte es als ein Ja interpretieren.“

    Man kann es sehr wohl anders interpretieren:

    Ein Verlegenheits-Lächeln ob der der Unsäglichkeit des Journalisten, eine Illoyalität gegenüber dem ehemaligen Mitarbeiter hervorzulocken…

    Ein verzeihendes Lächeln gegenüber dem Journalisten, der nicht so recht weiss, was sich gehört…

    Ein mitleidiges Lächeln für den Journalisten, dessen weitere Informanten lediglich die Spatzen und Spätzinnen der Dächer Basels sind.

    Sollte meine Nachbarin mich heute abend auf die Journalisten-Interpretation ansprechen und es – in der ihr eigenen direkten Art – als „Infamie“ bezeichnen – ich hätte grösste Mühe, ihrer Wertung argumentativ zu widersprechen…

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    1. Ja, meine Nachbarin mal wieder…

      „Herr Zedermann,“ sagte sie gestern abend im Stegenhaus zu mir, „Herr Zedermann, in dem Interview geht es doch gar nicht um den Herrn Ott. Das war doch ein Bewerbungsschreiben des Journalisten um einen Medien-Posten im Präsidial-Departement!“

      Um Himmels Willen – wie kann ich dieser Frau da inhaltlich entgegnen?

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  4. Das Titelbild ist ja schön süss: Da würde wohl auch der Standplatz Waldenburg oder Belchenfluh reichen, um so per Fernrohr noch was von der Stdt Basel mit zu bekommen.
    Ich nehme ja nicht an, dass er sich für die Farbe der Vorhänge der Bewohner interessiert…..

    Das andere ist eine prinzipielle Frage: Es gibt wenige Städte, die nicht nach Schichtzugehörigkeit sortiert sind (Stichwort „Arbeiterviertel“), Lissabon soll eine solche Stadt sein, Basel ist es wohl eher nicht. Da könnte die geistig-soziale Distanz zwischen Kleinhüningen und Bruderholz durchaus einer ICE-Distanz entsprechen.
    Damit stellt sich die Frage, ob das mit der Durchmischung überhaupt klappt. Da wäre eine Nachfrage bei den Gross-Verwaltern von Mietwohnungen sehr wohl sinnvoll. Diverse Gruppen vertraen sich nämlich überhaupt nicht miteinander, … auch wenn sie sollten.
    Damit könnten dann solche Baukonzepte durch die Realität innert Kürze geschrottet werden (…wie diese Solarkübel).
    Dann ist auch noch nicht so klar, ob Basel sich jetzt eher den Edleren oder doch den einfacheren Menschen zuwendet. Viele Schweizer Orte verdrängen weniger Wohlhabende mit allen Mitteln, sei es per Sozialhilfe-Schikane, sei es, dass es unter irgendeinem Vorwand halt leider keine günstigen Wohnungen mehr gibt. Da müssen dann nur per Zufall irgendwelche Wohnbeihilfen reduziert werden, schon verändert sich die Durchmischung der Bevölkerung.

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    1. @ M Cesna:
      „Das Titelbild ist ja schön süss“

      Vor allem widerlegt das Titelbild so demonstrativ die These „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus…“

      Ein Blick auf die Vegetation am gegenüber liegenden Rheinbord spricht Bände…

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  5. Nach Thomas Kessler ist Lukas Ott ein wohltuender und hoffnungsvoller Neubeginn: Reflektiert, uneitel und – hoffentlich auch in seinem Umfeld spürbar – teamorientiert. Persönlich wünsche ich ihm und uns:
    1. Dass er eine Stadtentwicklung im Auge behält, von der auch sozial weniger privilegierte und steuerlich weniger attraktive Menschen in Basel etwas spüren und haben.
    2. Dass er bei Widerständen innerhalb der Verwaltung Zähne zeigt und seine nach aussen praktizierte Bescheidenheit ablegt.
    3. Dass er realisiert, dass bei Alt- und Neubauvorhaben 15% für Wenigverdienende erschwingliche Wohnungen grundsätzlich nicht ausreichen und er sich in dieser Frage auch nicht hinter dem genossenschaftlichen Wohnungsbau („die werden’s schon richten“) verstecken darf.
    4. Dass er darauf beharrt, dass auch Immo-Basel die Strategie für erschwinglichen Wohnraum mitträgt, ja dabei sogar eine Vorbildrolle einzunehmen hat.
    Zu hohe Erwartungen? Ich glaube nicht – also alles Gute, Lukas Ott!

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  6. Bei Herrn Ott befürchte ich, wenn ich ihn fragte, ob er mir einen Kaugummi geben würde, einen äusserst langen Vortrag, ohne am Ende zu erfahren, ob er überhaupt einen Kaugummi dabei habe.

    Dass man ihn innerhalb der Behörde für einen „Gewinn“ betrachtet, erhöht mein Vertrauen nicht.

    Die Aussage, er sei kein Haudrauf … Wer verlangte denn einen Haudrauf?

    Mir genügt ein Mensch mit einer eigenen Meinung, der mir mit nachvollziehbaren Argumenten seine Fachlichkeit beweist. Und nicht mit Stillhalte-Gemeinplätzen.

    Ich fürchte, bald er wird er sagen, er sei nicht dafür bezahlt, Ideen zu haben.

    Ich weiss nicht, was er arbeitet, das kann ich nicht beurteilen. Aber kommunikativ ist er eine getünchte Mauer.

    Ist das unsere Stadt 2018, dass die bestimmenden Figuren im Präsidialdepartement pointen-impotent, humor-resistent, esprit-abstinent sein müssen? Dass wir nur noch Personen unsere Zukunftsplanung überlassen, die jeden Nebensatz erstmal auf eine gesetzliche Grundlage überprüfen? Die gar kein Deo mehr brauchen, weil sie ihrem Körper sogar das Stinken abgewöhnt haben?

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  7. Das Interview klingt sehr wohltemperiert. Ja, nichts falsch machen. Ja, keine provokanten Aussagen. Anecken geht gar nicht. Thomas Kessler als Schreckgespenst. Dafür haben wir aber am Schluss des Gesprächs auch das Gefühl mit viel PR-Sprech eingedeckt worden zu sein und nichts Neues erfahren zu haben. Schade!

    Dabei gäbe es Einiges zu klären. Beispiel Wolf-Areal. Smart-City. Das neue Zauberwort. Man gaukelt uns vor, dass hier die Stadt der Zukunft entsteht. Aber was meint Smart City? Wollen wir überhaupt eine durchorganisierte und überkontrollierte Stadt? Dieser Diskurs müsste öffentlich geführt werden. Das wäre in jedem Fall eine Aufgabe des Stadtentwicklers.

    Klybeck-Areal: Die Entwicklungen zu beobachten ist eine schöne Aufgabe, dürfte aber für eine sinnvolle und konstruktive Stadtentwicklung zu wenig sein. Hier sollte der Stadtentwickler Impulse setzen. Vorgaben zur Diskussion stellen. Wieviel Wohnungsbau soll hier realisiert werden? Anteil genossenschaftlicher Wohnungsbau? Modelle für den sozialen Wohnungsbau? Gewerbe? Dienstleistungsbetriebe?

    Immo Basel: Die Immobiliengesellschaft der Stadt Basel hat bei den Überlegungen von Lukas Ott keinen Stellenwert. Das Portfolio von Immo Basel ist offensichtlich für die Stadtentwicklung irrelevant. Zumindest die Strategie von Immo Basel müsste vom Stadtentwickler zur Diskussion gestellt werden. Hier findet Stadtentwicklung im Immobilienerwerb real seinen Niederschlag. Da hätte ich von Ott gerne mehr erfahren. Auch wenn Immo Basel im Finanzdepartement angesiedelt ist.

    Baulobby: Die Baulobby in Basel ist mit Sicherheit kein Ponyhof. Hier wird die Stadtentwicklung nach eigenen Gesetzmässigkeiten vorangetrieben. Mit Sicherheit sehr diskret, aber vermutlich nicht weniger aggressiv, wie in anderen Landesteilen. Hat diese Entscheidungs- und Handlungsebene mit der offiziellen Stadtentwicklung gar nichts zu tun?

    Wohnbaugenossenschaften: Die Entwicklung der Wohnbaugenossenschaften steht in Basel erst in den Anfängen. Da gäbe es noch viel Entwicklungspotential. Hier müsste die Stadtentwicklung mehr tun, als lediglich beobachtend am Rande zu stehen. Hier wäre es auch angebracht, wenn die Stadt klare strategische Vorgaben machen und die Entwicklung aktiv pushen würde. Ausnahmsweise dürfte man sich die Entwicklungen in Zürich durchaus zum Vorbild machen.

    Auch zur Grünraum-Entwicklung könnte ein Stadtentwickler etwas sagen. Braucht die Stadt neue Stadtpärke? Welchen Stellenwert haben mittelfristig die Naherholungsgebiete rund um Basel. Viele Wälder gehören der Basler Bürgergemeinde. Wird der Hardwald in Birsfelden zum neuen Naherholungsgebiet?

    Die vornehme Zurückhaltung und der leicht verkrampfte Versuch eine integrale & ganzheitliche Sichtweise zu behaupten, klingt eher hilflos und leicht esoterisch.

    Ott stellt nie die Machtfrage. Bei einer Stadtentwicklung aber geht es um handfeste Interessen. Hier werden hunderte von Millionen Franken in Gang gesetzt. Dahinter steht eine Baulobby, welche bauen will, Architekten, welche mit dem Baugewerbe gutes Geld verdienen, Arealplaner & Projektentwickler, das baunahe Gewerbe (von der Sanitärbude bis zum Schreiner). Das ist keine Wohlfühltruppe. Hier will man Geld verdienen.

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    1. Ein differenzierter, kritisch konstruktiver Kommentar. Es fehlt ein Hinweis auf das Potenzial, das in Grenzen überschreitenden Kooperationen steckt.

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    2. @Ulrich Erhard

      Potentiale gibt es natürlich in alle Himmelsrichtungen. Je mehr Arbeitsplätze in der Stadt geschaffen werden, umso mehr Pendlerverkehr wird es geben. Nicht alle können/wollen es sich leisten in der Stadt zu wohnen. Um die Pendlerströme einzudämmen muss die Agglo in die Planung miteinbezogen werden. Über einen cleveren und effizienten Ausbau des ÖV’s in die Anrainergemeinden muss nachgedacht werden.

      Zudem gibt es zahlreiche, stadtnahe Entwicklungsgebiete, welche für Wohnen und den Dienstleistungsektor erschlossen werden könnten (Birsfelden-Zentrum, ehem. ABB-Areal in Münchenstein, Salina Raurica, Aesch Nord, Pratteln, etc.). Alle diese Gebiete haben den Vorteil, dass sie bereits gut an den ÖV angeschlossen sind. Hilft die Stadt diese Gebiete zu erschliessen und/oder unterstützt entsprechende Kooperationen, hilft sie sich selber und minimiert die Pendlerströme.

      Basel muss grösser denken. 37 Quadratkilometer sind einfach zu klein, um eine komplette Stadt abzuwickeln. Auch wenn sie vielleicht dereinst als Smart City in Erscheinung tritt….

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    3. „PR-Sprech“ trifft es nur halbwegs. Stadtentwicklung nach Basler Art ist aus historischen Gründen gezwungenermassen etwas „Wischiwaschi“. Konkret wurde es schon immer in den anderen, angestammten Departementen, wie dem Finanz- oder dem Baudepartement, wo z.B. Fritz Schumacher gerne ab und an das Wort „Stadtentwicklung“ für sich pachtete. Auch heute gilt: Gebaut wird anderswo, nicht bei der Stadtentwicklung. Und das ist freilich das, was die Leute am ehesten fassen können. So gesehen kann ein Basler Stadtentwickler kaum je konkret werden, wenn es in seinem Alltag um eher abstrakte Strategien oder die Vernetzung der verschiedenen involvierten Stellen geht.
      Genau da tat ein Thomas Kessler gut, der Pflöcke einrammte, Leuchttürme skizzierte und zu alledem die Bezüge zur Stadtentwicklung erklären konnte. Meiner Meinung war dies auch nötig, um zu zeigen, dass Städte nicht bloss geplant werden, und es mehr als nur Bauingenieure oder Immobilienverwalter braucht, um eine Stadt erblühen zu lassen. Ein Stadtentwicklung unter einem Lukas Ott, wie er sich heute präsentiert, wäre zwischen den Hahnenkämpfen von damals untergegangen, ja, man hätte sie gar nie richtig wahrgenommen.
      Heute sind aber andere Menschen am Ruder, die in der Stadtentwicklung keinen Rivalen mehr sehen. Und auch die Stadtentwicklung selbst hat ihren Platz mehr oder weniger gefunden. Diesen muss Lukas Ott festigen, um ihn da oder dort vielleicht ausbauen zu können. Aber immer innerhalb des Geflechts der Verwaltung. Ein konzilianter Stil schadet hier sicherlich nicht. Um aus der öffentlichen Wahrnehmung nicht zu verschwinden, braucht es dennoch Plakatives, etwas, das hängen bleibt. Da ist ein wenig „PR-Sprech“ dann doch wieder nötig. Der Begriff „Smart City“ ist ein Geniestreich, der immerhin dieses stadtentwicklerische „Wischiwaschi“ in einen knackigen Begriff zu verpacken vermag. Auch wenn niemand so richtig weiss, wie sowas konkret aussehen soll. Aber dafür werden die anderen Departemente schon sorgen.

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    4. @Tom Schneider

      »So gesehen kann ein Basler Stadtentwickler kaum je konkret werden, wenn es in seinem Alltag um eher abstrakte Strategien oder die Vernetzung der verschiedenen involvierten Stellen geht.«

      Da die »Strategie der Stadtentwicklung« vor der Planung & Realisation neuer Quartiere steht, ist die Strategie ursächlich und eminent wichtig. Wenn man von einer Smart City spricht ist das keine abstrakte Sache, welche hinter den Kulissen ausgeknobelt werden kann. Die Smart City bedingt einen eigentlichen Umbau und Neuorganisation der Stadt, zumindest des entsprechenden Quartiers. Es bedingt einen massiven Eingriff in die Gesellschaft und daher ist das kein Entscheid von ein paar RegierungsrätInnen und ihren SachbearbeiterInnen.

      Der Begriff «Smart City« klingt geil und lässt die Assoziationen mäandern, aber die Smart City ist nicht das neue Utopia von Thomas Morus. Die konsequente Einführung einer Sharing Economy kann nicht von oben herab verordnet werden. Deshalb braucht es darüber einen vertieften Diskurs. Da denke ich hat Lukas Ott eine wichtige Rolle als kommunikativer Akteur. Diese Debatte kann er nicht wohlwollend aussitzen.

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