Entwicklungsgebiet mit runden Leuchttürmen, Ecken und Kanten

Die städteplanerische Umwälzung des rund 500’000 Quadratmeter grossen Dreispitz-Areals feiert mit dem Studienauftrag für die Nordspitze einen Meilenstein. Dahinter steht ein mittlerweile 15 Jahre dauernder Transformationsprozess, der nicht immer reibungslos ablief. 

Drei Wohntürme in der Höhe von 135 und 160 Metern werden zu neuen Wahrzeichen im Süden der Stadt. (Bild: Visualisierung Herzog & de Meuron)

Für einmal ist sogar der Basler Gewerbeverband mit einem städteplanerischen Projekt zufrieden. Die Aufteilung zwischen Wohn- und Gewerbegebieten sowie Bildungs- und Kultureinrichtungen wird im Fall der Dreispitz-Planung explizit gelobt.

Das Resultat des städtebaulichen Studienauftrags für die Nordspitze stösst weitherum auf Wohlwollen. Herzog & de Meuron scheinen mit ihrem Projekt ins Schwarze getroffen zu haben. Und nicht zum ersten Mal konnten sie ein wichtiges Zeichen für die Entwicklungsplanung setzen.

Die verantwortlichen Planer der Christoph Merian Stiftung (CMS), der Migros Basel und des Kantons sprachen von einem «lustigen Zufall»: Denn es gewannen just jene Architekten den Wettbewerb, die vor 15 Jahren im Auftrag der CMS eine städtebauliche Vision für das gesamte Areal entwickelt hatten.

Alte Hasen als Wettbewerbsgewinner

Dieser Zufall ist aber auch ein Stück Programm. «Wir befanden uns im Vorteil, dass wir uns schon länger und intensiver mit der städtebaulichen Gesamtsituation auf dem Dreispitz befasst haben. Wir haben sehr gehofft, dass wir zum Zug kommen werden», sagt Jacques Herzog vom Gewinnerbüro. «Wir kennen den Ort und die Themen, die sich aus dem Transformationsprozess heraus ergeben, bestens.» Herzog hat sich viele Jahre zuvor bereits konkrete Gedanken über eine Erweiterung des Basler Stadtraums in Richtung Süden gemacht.

Diese versierten Kenntnisse sind aus dem Projekt herauszuspüren. Als Ganzes bildet es ein städtebaulich geschickt verwobenes Scharnier zwischen der alten Stadt im Gundeli und dem Entwicklungsgebiet im Süden. Mit drei Wohntürmen, die wie wuchtige Nadeln 135 und gar 160 Meter hoch in den Himmel ragen, haben die Architekten die Geländekante zwischen dem Birstal in Münchenstein und dem baselstädtischen Rheintal abgesteckt.

Die drei Türme bilden darüber hinaus eine neue Landmarke für die Stadt Basel. Als Pendant zum Roche-Turm (beziehungsweise zu den entstehenden Roche-Türmen) auf der anderen Rheinseite. Für Herzog ist es ein wichtiges Zeichen, dass nicht nur der Wirtschafts- und Kulturstandort, sondern auch die zivile Stadt mit herausragenden Bauten prominent sichtbar ist.

«Uns war der Grünraum mindestens ebenso wichtig wie der bebaute Raum.»

Jacques Herzog

Die hohe bauliche Verdichtung hat den Vorteil, dass auf dem Gelände viel Freiraum übrig bleibt. «Uns war der Grünraum mindestens ebenso wichtig wie der bebaute Raum», sagt Herzog.

Das Architekturbüro hat den Grünraum als planerische Pointe zweigeteilt. Im Norden öffnet sich das neue Quartier mit einem typischen Stadtpark gegen das dicht bebaute Gundeli, das zusätzlichen Grünraum gut gebrauchen kann. Auf der anderen Seite ist ein ländlich anmutender Landschaftspark geplant, der vom Dach des zukünftigen M-Parks in einem sanften Abgang zum Wolfgottesacker und dem restlichen Dreispitz-Areal im Süden hinunterfliesst.

Das neue Quartier auf der Nordspitze ist ein Meilenstein und zugleich im wahrsten Sinne des Wortes Leuchtturmprojekt in der gesamten Dreispitz-Entwicklung. Die Umwandlung der Nordspitze kommt aber früher als ursprünglich geplant. Das liegt nicht daran, dass die CMS das Entwicklungstempo verschärft hat, sondern ist eigentlich im Gegenteil Folge eines planerischen Time-outs weiter im Süden, auf dem Freilager-Areal im Zentrum des Dreispitzes.

Viel Platz für Neues

Auf diesem Areal, das bereits auf dem Boden der Baselbieter Gemeinde Münchenstein liegt, begann alles. Zur Jahrtausendwende hin zeichnete sich ein sukzessiver Abzug bestimmter Nutzer ab: Speditionsfirmen zogen an neue Standorte in Autobahnnähe um, die grossen Zolllager verloren nach dem Schengenvertrag an Bedeutung. Es wurde Platz frei für Neues, die Landbesitzerin CMS machte sich an die Arbeit – der Dreispitz war ursprünglich das Landgut des Stifters Christoph Merian.

Hochschule für Gestaltung und Kunst der FHNW auf dem Freilager-Areal.

Es kam auch viel Neues zustande. Das Freilager ist Bildungsraum, Kulturcluster, Quartier für Kreativwirtschaft und Wohngebiet. Zentrales Element ist die Hochschule für Gestaltung und Kunst der FHNW, die 2014 ihre Tore öffnete. Trotz der Zahl von knapp 1000 Studierenden und obwohl sich mehrere Kunstinstitutionen und Ateliers auf dem Areal befinden, wirkt das Freilager aber noch nicht wirklich belebt. Und wenn es tatsächlich einmal lebendig wird abends, beschweren sich die Bewohner der gediegenen Wohnungen – unter anderem im Haus «Helsinkidreispitz» von Herzog & de Meuron – über Lärmbelästigungen.

Beat von Wartburg, Direktor der CMS und wesentlicher Promoter der Dreispitz-Entwicklung, leugnet diese Probleme nicht. «Mit der Belebung des Freilagers sind wir tatsächlich noch nicht zufrieden», sagt er im Interview mit der TagesWoche. Er rechnet aber damit, dass sich das mit der weiteren Entwicklung zum Bildungs-, Kultur- und Wohnraum ändern wird. In den Startlöchern befindet sich zum Beispiel das Kunsthaus Baselland, das die ehemalige Dreispitzhalle kürzlich erst im Baurecht übernommen hat und sich dort neu einrichten möchte.

Mehr Mühe bereitete der CMS der bikantonale Entwicklungsplan der beiden Basel für das Gebiet an der Kantonsgrenze. Die Idee, den gesamten Dreispitz mit seiner 500’000 Quadratmeter grossen Fläche in einem Zug umzuwandeln, verursachte der CMS zunehmend Kopfzerbrechen: weil die Kosten aus dem Ruder zu laufen drohten, weil sich das ansässige Gewerbe vom forschen Planungstempo überrollt fühlte und weil sich juristische Probleme abzeichneten – unter anderem wegen inkompatibler Parkplatzverordnungen der beiden Basel.

Notbremse gezogen

Also zog die CMS die Notbremse und beschloss, die Arealentwicklung zum Teil auszusetzen und zu einem anderen Teil zu etappieren. Das Areal wurde in Teilgebiete aufgesplittet. Offiziell sind es – aus schwer nachvollziehbaren Gründen – drei Gebiete, in Wirklichkeit sind es fünf:

  • Als Wirtschaftspark wird ein langer Streifen bezeichnet, der sich von der Nordspitze um das Freilager herum bis in den Süden zieht. Und auf dem zumindest vorerst alles so bleiben soll, wie es früher war: Gewerbegebiet für gegen 100 Baurechtnehmer. Das freut insbesondere den Basler Gewerbeverband, der sich ansonsten nie freut, wenn andere Stadtplanung betreiben.
  • Auf der Südspitze liegen gegenwärtig fast 60’000 Quadratmeter brach, nachdem sich zwei metallverarbeitende Unternehmen zurückgezogen haben. Hier ist die zukünftige Nutzung noch offen. Die CMS möchte hier ihre Verantwortung für den Unterhalt der Strassen und der öffentlichen Plätze an die Gemeinde Münchenstein abtreten.
  • Das Freilager-Areal hat südlich der heutigen Nutzung als Bildungs-, Kultur- und Wohnquartier, also zum Schaulager hin (auch das ein Bau von Herzog & de Meuron), noch einiges an Platz. CMS-Direktor Beat von Wartburg hofft, dass sich die beiden Basel darauf einigen werden, den neuen Baselbieter Standort für die Juristische und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät dort und nicht in Liestal zu realisieren.
  • Für die Nordspitze wurden die Pläne, wie in diesem Text ausgeführt, eben erst veröffentlicht.
  • Auf dem Gebiet mit dem Namen Gundeli Ost, das südlich an die Nordspitze anschliesst, wird bis 2020 der Neubau der Hochschule für Wirtschaft der FHNW entstehen. Vor zwei Wochen wurden die Zürcher E2A Piet Eckert + Wim Eckert Architekten zusammen mit der Generalunternehmerin Allreal als Sieger des Gesamtleistungswettbewerbs auserkoren. Herzog & de Meuron landeten in diesem Fall für einmal auf den hinteren Plätzen.
Neubauprojekt für die Hochschule für Wirtschaft der FHNW.

Es ist insbesondere die CMS, die sich über die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Migros und dem Kanton bei der Entwicklungsplanung auf der Nordspitze freut. Es ist die Freude darüber, dass der riesige Karren Dreispitz-Planung nach einer harzigen Zwischenphase wieder ins Rollen gekommen ist.

Aber noch müssen die drei Wohntürme und die ausladenden Parklandschaften einige Hürden überwinden: Der Grosse Rat muss einen entsprechenden Bebauungsplan bewilligen. Das dürfte frühestens im Jahr 2020 der Fall sein. Dann müssen Investoren für die Neubauten gefunden werden.

https://tageswoche.ch/stadtleben/nicht-visionaer-ein-zuercher-stadtforscher-ueber-die-dreispitz-leuchttuerme/

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