«Mein Grossvater kam in der Nacht in mein Zimmer»

Anfang Januar sprach die TaWo mit dem pädophilen Sexualstraftäter Alois. Er behauptete, nicht allen Kindern würde Sex schaden. Nicole machten diese Aussagen wütend. Sie wurde als Kind sexuell missbraucht und hat eine Botschaft an alle Pädophilen.

Nicole baute eine Mauer aus Stofftieren, doch auch die konnten sie nicht schützen.

Seine Töchter liess er in Ruhe. Die anderen Enkelinnen auch. Doch bei Nicole* tauchte der Grossvater eines Nachts am Bett auf, als sie bei den Grosseltern übernachtete. «Mich fand er irgendwie speziell. Juhui», sagt Nicole mit ironischem Unterton. 

Zuerst sagte er: «Komm, wir schauen einmal deine Muttermale an.» Dann ging es weiter, Schritt für Schritt, bis hin zu oralem Kontakt, Eindringen mit dem Finger. Danach sagte der Grossvater: «Das ist jetzt unser Geheimnis, ein ganz besonderes Geheimnis, niemand darf das wissen.» 

«Vielleicht gehört es ja dazu»

Nicole fand es unangenehm. Aber sie dachte: «Vielleicht gehört es ja dazu» und sagte nichts. «Ich liebte ihn und vertraute ihm, mit diesem Vertrauen hat er gespielt.» Damals war Nicole neun Jahre alt. Vielleicht passierte es auch schon früher, aber in der Erinnerung war sie neun. 

Jetzt ist Nicole über dreissig. Blonde Haare, blaue Augen, schlicht-schöner grauer Strickpullover. Aufrecht sitzt sie im Café und erzählt die Geschichte ihres Missbrauchs. Sie erzählt sie, weil sie wütend ist. Wütend auf den pädophilen Straftäter Alois*, der vor ein paar Wochen der TaWo seine Geschichte erzählt hat. Daraufhin hat sich Nicole gemeldet und um ein Gespräch gebeten.

Alois wurde zweimal wegen sexuellen Handlungen mit Knaben verurteilt, er sass deswegen elf Jahre im Gefängnis. Gegenüber der TagesWoche sagte der 57-Jährige: «Es geht mir nicht nur um Sex. Ich habe eine sehr nahe Beziehung zu den Kindern.» Und er behauptet, moralisch nichts falsch gemacht zu haben, als er Oralsex mit 14-Jährigen hatte. «Ich hatte mit Buben zu tun, die sehr aktiv waren.» Sie hätten Oralsex auch selber eingefordert, dieser habe ihnen nicht geschadet. 

Alois plädiert deshalb, das Schutzalter auf 14 Jahre zu senken. Momentan beträgt das Schutzalter in der Schweiz 16 Jahre. Wenn ein Erwachsener sexuelle Handlungen mit einem Unter-16-Jährigen hat, macht er sich strafbar. Alois findet das zu hoch.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/ich-bin-paedophil-und-suche-hilfe/

Diese Sätze brachten Nicole so auf, dass sie stundenlang in ihrer Wohnung auf und ab ging, um wieder runterzukommen. Trotz der Wut spricht Nicole in einem ruhigen, aber bestimmten Ton: «Es macht mich wütend, wenn ein Straftäter seine Taten so schönredet. Er tut, als ob das Kind selber schuld wäre an seinem Missbrauch.» 

Ein Kind, auch ein 14-Jähriges, sei noch gar nicht fähig, eine Entscheidung für oder gegen sexuelle Handlungen zu treffen und «Nein» zu sagen. «Es ist immer der erwachsene Täter, der die Entscheidung fällt», sagt Nicole. «Als missbrauchtes Kind denkst du dann aber, du machst etwas falsch, schämst dich und trägst so schwer am Geheimnis, das dir der Missbraucher aufbürdet.» 

Bei Nicole kam mit dem Grossvater auch die Angst vor der Nacht. Jeden Abend baute sie mit ihren Stofftieren eine Mauer um ihr Bett. Wenn sie bei den Grosseltern war, hoffte sie, der Grossvater würde nicht kommen. Er kam immer wieder. 

Die Mutter merkte, dass etwas nicht stimmte. Aber was es war, darauf kam sie nicht. 

Nicole begann, wieder ins Bett zu machen. Und sie verwandelte sich von einer guten Schülerin mit Bestnoten zu einer schlechten mit ungenügendem Zeugnis. Gleichzeitig fing das Mädchen an, sich mit den Jungs in der Klasse zu prügeln. «Ich wollte zeigen, dass ich stark war.» Weil sie in der Nacht, wenn der Grossvater kam, so schwach war. 

Die Mutter merkte, dass etwas nicht stimmte. Auch, weil Nicole immer wieder Entzündungen an der Scheide hatte. Aber was es war, darauf kam sie nicht. «Mein Grossvater konnte die Fassade sehr gut aufrechterhalten, den liebenden Grossbappe spielen.» So habe er es immer wieder darauf angelegt, mit ihr allein zu sein. «Er war richtig manipulativ.» 

Sie glaubt deshalb Alois nicht, wenn er sagt, die sexuellen Kontakte mit Knaben seien einfach so passiert. «Da steckt eiskalte Planung dahinter.»

Sexualstraftäter wickeln Kinder häufig bewusst um den Finger und planen ihre Verbrechen lange voraus, erklärte der Psychiater Marc Graf im Interview mit der TagesWoche. Viele Straftäter gestehen sich erst in der Therapie ein, dass sie den Kindern Leid zufügten. Graf behandelt in den Universitären Psychiatrischen Kliniken pädophile Männer. «Meine Patienten wünschen sich, dass die Kinder sie attraktiv finden.» Also reden sie sich ein, dass sie freiwillig mitmachen. 

https://tageswoche.ch/form/interview/paedophil-werden-etwas-sucht-sich-keiner-aus/

Es ist ein Teufelskreis: Pädophile wurden in der Kindheit oft selber missbraucht und entwickeln später selber diese Neigung. Doch weil diese Gefühle in der Gesellschaft geächtet werden, trauen sie sich oft nicht, Hilfe zu suchen und leiden. Psychiater Marc Graf sagt klar: «Sexueller Missbrauch schadet den Kindern», betont aber auch: «Keiner wird freiwillig pädophil.» Wer die Veranlagung hat, fühlt sich oft einsam und verzweifelt.

Als Nicole 13 Jahre alt war, hörte der Missbrauch auf. Das lag an der Grossmutter, die sich auf einmal weigerte, ihre Enkel zu hüten. «Wahrscheinlich hat sie etwas gemerkt», vermutet Nicole, genau weiss sie es aber nicht. Sie kann sie auch nicht fragen, die Grossmutter ist gestorben. 

Als Nicole ihren Grossvater konfrontierte, rief der: «Was? Ich dachte, das mache dir nichts aus.»

Den Grossvater hat Nicole allerdings konfrontiert. Zusammen mit ihrer Mutter, als sie Ende zwanzig war. Dem ging eine lange Phase der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen voraus. Mit 15 Jahren erzählte Nicole ihren Freundinnen das erste Mal vom sexuellen Missbrauch. Doch sie traute sich nicht, ihrer Mutter etwas zu sagen. «Ich schämte mich, wollte mich nicht blamieren.»

Erst Jahre später, nach einer Therapie bei einem Psychologen, vertraute sie sich der Mutter an. Die reagierte geschockt. Der Grossvater auch, als Mutter und Tochter ihn zur Rede stellten. Er rief: «Was? Ich dachte, das mache dir nichts aus.» Eine Lüge, sagt Nicole. «Sonst hätte er es ja nicht vor allen verbergen müssen. Er wusste genau, was er tat. Er hat mein Vertrauen missbraucht – ich liebte ihn, das nutzte er aus, und ich musste aushalten, was er mit mir machte.»

«Alles in mir zieht sich zusammen»

Heute ist Nicole über dreissig Jahre alt. Sie hat nach wie vor Angst im Dunkeln, sie schläft nicht gerne allein. Manchmal stürzen die Erinnerungen auf sie ein. Es sind keine klaren Szenen, die Nicole vor sich sieht. Es ist mehr ein Gefühl, ausgelöst durch einen bekannten Geruch oder ein Geräusch. «Ich erstarre, alles in mir zieht sich zusammen, ich habe Panik und bin völlig blockiert. Als ob ich etwas ganz Schlimmes gemacht hätte und dabei ertappt wurde.» 

Das Gefühl muss unbedingt weg, also versucht Nicole es abzuschütteln, indem sie hin und her geht, hin und her geht, hin und her geht. Bis sie sich beruhigt. So, wie sie hin und her ging, als sie Alois‘ Geschichte las.

Nicole hatte Angst um ihre Kinder. Bei jedem Mann auf dem Spielplatz dachte sie: «Das ist vielleicht ein Sexualstraftäter.»

Doch auch wenn Nicoles Vergangenheit hin und wieder hochkommt, sie hat ein gutes Leben. Auch ein normales Sexleben – zum Glück. Das habe sie auch einer Freundin zu verdanken, sagt Nicole. 

Als sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen als Jugendliche machte, versuchte ein Gleichaltriger am Strand, sie gegen ihren Willen zum Sex zu zwingen. «Ich war wie blockiert, fühlte mich wie bei meinem Grossvater, hielt still vor Angst.» Doch Nicoles Freundin bekam mit, was da lief, und ging wie eine Furie auf den Typen los. «Da lernte ich, dass ich Nein sagen darf», sagt Nicole. 

Das bringt sie auch ihren Kindern bei. Nicole ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn. Am Anfang hatte sie Angst um die Kinder. Bei jedem Mann auf dem Spielplatz dachte sie: «Das ist vielleicht ein Sexualstraftäter, der es auf die Kinder abgesehen hat.» 

«Ich will allen pädophilen Männern sagen: Lasst die Finger von den Kindern.»

Als die Tochter in die Krippe kam, hätte sie am Anfang manchmal am liebsten eine Kamera dort installiert, um sicherzugehen, dass alles gut ist. «Wenn jemand Fremdes meine Kinder anfasst, komme ich wie eine Furie.» Mittlerweile hat Nicole mehr Vertrauen und weniger Angst.

Auch mit dem Grossvater hat sie ihren Frieden gefunden. «Nur, wenn du verzeihst, kannst du dein Leben weiterleben.» Aber wenn Nicole hört, wie Sexualstraftäter wie Alois Ausreden für ihre Taten suchen, dann kommt die Wut hoch. 

«Ich will allen pädophilen Männern sagen: Lasst die Finger von den Kindern. Egal, wie alt die Kinder sind, sexueller Kontakt mit ihnen geht niemals in Ordnung. Ihr seid die Erwachsenen, ihr müsst Verantwortung übernehmen und die Kinder vor euch schützen.»

https://tageswoche.ch/gesellschaft/so-schuetzen-sie-ihr-kind-vor-sexueller-gewalt/

* Namen geändert

Dossier «Dann blieb ein Kind mal über Nacht»

Alois ist pädophil. Er sass im Gefängnis, weil er sich an Buben verging. Schwierige Gespräche über ein Tabuthema.

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Konversation

  1. Auch mich hat Herr Zedermann zum Nachdenken angeregt.
    Im Wort „Missbrauch“ – „missbrauchen“ steckt das Wort (Ge-)brauch und brauchen.
    Ich brauche einen Gegenstand um etwas zu machen, z.B. einen Spaten um die Erde umzugraben.
    Braucht man einen Menschen für irgend etwas wird er auf die Stufe eines leblosen Gegenstandes herabgewürdigt.

    Da hat mir mal ein Werkstattleiter eines Arbeitslosenprogrammes gesagt, dass man mich für nichts „brauchen“ kann. Ich war empört und konnte diesen Menschen nicht mehr ernst nehmen.
    Auch musste ich mit anderen Arbeitslosen zu Bewerbungstrainings. Da lernte ich, mich richtig zu „verkaufen“. Auch da: Verkaufen kann man doch nur einen Gegenstand.

    Früher mal (war das wirklich nur früher) wurden Sklaven und Leibeigene gehalten und hat sie wie Gegenstände gehalten und sie wurden je nach Brauchbarkeit höher oder niedriger eingestuft.
    Und schaut mal die heutige Arbeitswelt an. Werden wir da nicht auch nach mehr oder weniger wertig, mehr oder weniger brauchbar eingestuft. Sind wir da nicht auch zum Teil Sklaven – eben Arbeitssklaven.
    Aus diesem Grunde wäre es auch gut die Arbeitswelt aus diesem Gesichtspunkt neu zu überdenken. Eine grosse Hilfe dazu wäre das bedingungslose Grundeinkommen.

    Noch etwas Weiteres, das mich seit etlicher Zeit umtreibt:
    „Mein“ Mann / „Meine“ Frau, „Meine“ Kinder, „Mein“ Freund.
    Das alles sind „besitzanzeigende“ Fürwörter. Jawohl so heissen sie auch.
    Es zeigt, dass „meine“ Kinder mein Besitz sind. Eigentlich ist es doch so, dass sie eine Leihgabe sind, sie von Beginn weg von der Unselbständigkeit zu selbständigen Unabhängigen Menschen zu begleiten.

    Da haben wir allüberall noch gewaltige Aufgaben vor uns!

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  2. Danke für Ihre Überlegungen, Herr Zedermann. Das sind interessante Hinweise. Es macht vielleicht wirklich Sinn, die Terminologie zu überdenken. Auch den Opferbegriff, der manchen Betroffenen zuwider geht.

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  3. Der Missbrauch des Wortes „Missbrauch“

    Thomas Fischer, ehemaliger deutscher Richter, dazu:

    „Zwischen dem Nötigen und der selbstbestimmten Zustimmung gibt es den “Missbrauch“: von Kindern, Behinderten, Jugendlichen, Frauen, Migrantinnen. Die Terminologie ist verräterisch: als ob es auch einen “korrekten Gebrauch” dieser Personen gäbe! In der herabsetzenden Begrifflichkeit, die auch von Vertretern sogenannter Opfer-Verbände gedankenlos repetiert wird, spiegelt sich das Elend des Sexualstrafrechts, gefangen zwischen Moral und Krankheit, Tabu und Pietismus, Ekel und Geilheit. Denn nicht der Mensch wird “gebraucht” oder “missbraucht” für die Befriedigung sexueller Wünsche, sondern die Macht, die Abhängigkeit, die Wehrlosigkeit.“

    „Für Thomas Fischer impliziert die Bezeichnung, dass von einer grundsätzlichen Befugnis im Einzelfall unzulässig Gebrauch gemacht werde, was eine überholte und unverständliche Perspektive sei. Der Sexualtäter missbrauche vielmehr seine soziale, physische und psychische Dominanz oder eine bestimmte Zugangsmöglichkeit zu den Kindern oder anderen besonders schutzbedürftigen Personengruppen.“

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    1. Von Schändung zu reden hilft nicht weiter. Denn die Schändung definiert sich im StGB ja durch den Missbrauch eines Menschen. Wohlgemerkt: Nicht durch den Missbrauch der Widerstands- bzw. Urteilsunfähigkeit oder den Missbrauch von Macht.

      Ja, schon das Zürcher Strafgesetz im 19. Jahrhundert ging davon aus, dass man Menschen sexuell gebrauchen kann – denn es enthält bereits den Passus „eine Person [..] zur Unzucht mißbraucht“. Nur weil es historisch ist, wird es nicht besser.

      Dies war die Epoche, in der Grabsteine mit dem Spruch: „…gestorben ist sie im siebzehnten Jahr, just als sie zu brauchen war“ geschaffen wurden. Nachzusehen hier: https://imgur.com/a/3TGFj

      (Sie wussten ja bestimmt, dass im Sexualstrafrecht von Deutschland die Möglichkeit, Menschen zu missbrauchen, erstmals durch die Nazis im Jahre 1943 eingeführt wurde. Das deutsche StGB von 1871 kannte solche Missdeutungen noch nicht.)

      Es war die unmenschliche und grausame Zeit der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als die für den Bund tätigen Juristen in ihrer „Botschaft über die Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes“ vom 26. Juni 1985 diese Würdelosigkeit des Schweizer Srafgesetzes nicht korrigierten.

      Ausdrücklich schreiben diese damals: „Opfer ist unabhängig vom Alter eine urteilsunfähige oder wehrlose Person männlichen oder weiblichen Geschlechts, die der Täter in Kenntnis ihres Zustandes zu einer geschlechtlichen Handlung missbraucht“

      Ich bleibe dabei – die Vorstellung, Menschen sexuell zu missbrauchen bedingt unweigerlich die Vorstellung, Menschen sexuell zu gebrauchen.

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