Fragwürdiges Geschichtsbewusstsein am Basel Tattoo

Zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg mit seinen 17 Millionen Opfern erklingt auf dem Kasernenplatz «Spiel mir das Lied vom Tod». Auch sonst hat das Tattoo gewohnt skurril begonnen.

Mit Pauken, Trompeten und Dudelsäcken trommelten und bliesen die Militärmusiker des Basel Tattoo ein neues Zeitalter für den Kasernenhauptbau ein.

Gülden hängt der Halbmond am dunklen Himmel, als wäre er Teil der Kulisse. Tatsächlich Kulisse – und eine, die dem Anlass entspricht – ist die massige Fassadenfront des Kasernenhauptbaus mit seinen beiden zinnenbewehrten Türmen. In hoher Frequenz spuckt das von zwei ritterlich gerüsteten Wehrmännern bewachte Tor Musiker aus, solche mit Röcken und Dudelsäcken, andere mit hart gebügelten Uniformhosen und Blechinstrumenten.

Raus strömen auch Tänzerinnen mit zum Teil ganz kurzen Röckchen: Die  Cheerleader wirken zwischen den uniformierten Blasmusikern auf dem Kasernenhof deplatziert, wie aus einem Propaganda-Video von Donald Trump. Aber das gestreckte Bein hochwerfen, das können sie – ein Wunder, dass es keine blutigen Nasen gibt. Und mit dabei auch eine Gruppe von Folkloristen aus Mexiko, die so stakkatokräftig in ihre Trompeten pusten wie die Mariachis in Italowestern.

Back to the roots

Noch bis zum 28. Juli geht die 13. Ausgabe des Basel Tattoo über die Bühne beziehungsweise den Kasernenhof. Erik Julliard, Gründer und Produzent des Militärmusik-Festivals, hat nach durchzogenen Zuschauerzahlen in den vergangenen Jahren wieder mehr Ursprünglichkeit versprochen. Also wieder etwas zurück zu den schottischen Wurzeln mit ihren näselnden Dudelsackklängen und den grellen Snare Drums.

Und er hält dieses Versprechen auch. Die berockten (und wie beim Beispiel der poppigen Spassformation «Red Hot Chilli Pipers» zum Teil auch rockig aufspielenden) Dudelsack-Bläser und Trommler haben mehr Raum. Den nehmen sie in der Grossformation, Massed Pipes and Drums genannt, auch gehörig in Anspruch. Für erfrischende musikalische Farbtupfer sorgt die Military Brassband des 194 Ponton Bridge Regiment aus der Ukraine, die mit bekannten Filmmelodien unter anderem aus «Rocky» zum musikalischen Kampf antreten.

Parade vor 120’000 Zuschauern?

Ach ja. Auch die Basler Vorzeige-Tambouren von «Top Secret» sind wieder dabei. Auch sie haben sich zurück zu ihren Wurzeln bewegt, mit viel Disziplin und weniger Schnickschnack, trommlerischer Brillianz und charakteristischen Fechteinlagen. So, wie die Fans die Formation einst kennen- und lieben gelernt haben.

Einer der kolportierten 120’000 Zuschauer an der Basel-Tattoo-Parade.

Und dann die grosse Tattoo-Parade am Samstag. Bei nicht ganz so prächtigem Wetter sollen 120’000 Zuschauer die Umzugsroute von der Rittergasse über die Mittlere Brücke bis zum Messeplatz gesäumt haben, schreiben die Veranstalter. So viele waren es sicher nicht – zum Glück, sonst wäre es wohl zu gefährlichen Dichtestress-Situationen gekommen.

Aber zurück zur Kulisse. Also zum Kasernenhauptbau, der beim Tattoo nur Kulisse und Backstage-Bereich sein muss. Produzent Julliard hätte es gerne so belassen, er wollte den Hauptbau ganz in den Kulissendienst seiner Veranstaltung stellen. Kurz vor der Volksabstimmung zum Umbau- und Sanierungsprojekt des Hauptbaus im Februar 2017 hatte er sich öffentlich gegen die Umwandlung des Baus zum Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft ausgesprochen. Und damit die ganzjährigen Nutzer des Kasernenareals vor den Kopf gestossen.

Tattoo diktiert Bauablauf

Er hatte damit auch den Kanton brüskiert, der dem Tattoo bei der Abwicklung des Umbaus sehr entgegenkommt. Über drei Millionen Franken Mehrkosten bringt Basel-Stadt auf, damit das Tattoo und auch die Herbstmesse während der Bauzeit trotzdem stattfinden können. Der Baubeginn wurde so weit hinausgeschoben, dass der Anlass jetzt ungestört stattfinden kann. Nächstes Jahr wird der Kanton im Sommer die Baustelle räumen, damit die Massed Pipes and Drums wiederum ungestört ihre Formations-Kunststücke vorführen können. Dasselbe im übernächsten Jahr.

Das Basel Tattoo hat auch Auswirkungen auf den Ablauf der Bauarbeiten. Damit die Kulisse auch im Sommer 2019 wirken kann, muss die Sanierung der arealseitigen Aussenfassade vorgezogen werden. Im August werden die Baumaschinen auffahren. Die ganzjährigen Arealnutzer wie die Kaserne Basel oder das Junge Theater Basel werden mit dem Staub und Lärm zu kämpfen haben. Ruhig wird es nur während ihrer Sommerpausen sein. Bis Mitte 2021.

Noch einmal zurück zum Programm, zum Italowestern und zur Filmmusik: Die Tattoo-Macher fühlen sich jeweils verpflichtet, sich zum Schluss auch auf die militärischen Wurzeln des Anlasses zu besinnen. Das kann schiefgehen. Wie vor zwei Jahren, als Panzer, Flüchtlinge und Jagdbomber auf die Kasernenfassade projiziert wurden.

Auch dieses Jahr haben die Veranstalter Schwierigkeiten, den richtigen Ton zu finden. Tattoo-Sprecher René Häfliger kündigte zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs mit seinen 17 Millionen Opfern eine Melodie aus dem Italowestern «Spiel mit das Lied vom Tod» an. Gefolgt von einer merkwürdigen Version der Selbstverständnis-Hymne «My Way» von Frank Sinatra.

Die Veranstalter sprachen nach der Premiere davon, es habe «Gänsehaut-Stimmung» geherrscht. Sie werden damit wohl nicht das Schaudern meinen, das einige beim Finale übermannte.

«Basel Tattoo» – biis 28. Juli auf dem Kasernenareal.

Konversation

  1. Liebe Tageswoche schickt doch bitte das nächste Mal eine/n Berichterstatter/in zu den Kulturanlässen, die/der sich auch wirklich und unvoreingenommen für die Künsler/innen und den Anlass interessiert. Den hasserfüllten, unbefriedigten Dominique Spirgi könnt Ihr im „Kläppergässli“ vor sich hin sauern lassen. Danke.

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  2. Irgendwie kann ich – als überzeugter Pazifist – den Beissreflex der TaWo gegen das Tattoo nicht nachvollziehen.

    Die „Kameraden“ der auftretenden Militärkapellen verbringen ihre Zeit damit, das effiziente Töten zu üben, einige (wie die ukrainischen „Farbtupfer“) praktizieren es vermutlich regelmässig. (Ostukraine – diesen Krieg habt ihr scheinbar lange vergessen, wie fast alle anderen…). Das ist euch keine Zeile wert!
    Aber wenn ein paar von denen zur Abwechslung mal etwas kreatives (Musik) statt destruktives machen, ausgerechnet dann müsst ihr drauf rumhacken?

    Das ist mindestens so pietätlos wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ zum Gedenken an Kriegsopfer zu spielen.

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  3. Ich habe nie ein Tatoo gesehen und werde auch nie eines sehen, bin ich doch strikte gegen Tattoos … à propos trage ich auch keine … doch eine Frage, da Steuerdomizil BS, quält mich schrecklich: Bezahle ich da was dran? R.S.V.P. Danke. P.S. … auch die Schule für Brückenangebote musste in den vergangenen Jahren jeweils früher in die Sommerferien, als es der Lehrplan des ED vorsah …

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  4. Ich hab das Tatoo ja nicht gesehen und werde es auch nicht sehen, aber falls es tatsächlich so sein sollte, dass im Anschluss an das Gedenken an den ersten Weltkrieg die versammelten Militärmusikformationen «I did it my way» spielen, dann wäre das schon eine sehr bemerkenswerte Art von Humor.

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  5. Also, da müsste der gestandene SVP-ler ja in der Mitte auseinder fallen: Massenhaft fremdeste Truppenformationen im Land und dann noch die Begeisterung der Leute dafür. Soviel Hingucker kriegt der hauseigene Grünverein ja nie auf die Straße!
    Da muss irgendwas mit der einheimischen Patriotismus-Förderung gründlich schief gegangen sein!

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    1. Meinen sie den 1914 von dem bayerischen Militärmusiker Georg Fürst für das Königlich Bayerische Infanterie-Leib-Regiment komponierte Marsch?

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  6. Gerade am Sonntag habe ich mir noch gedacht, es gab noch gar nichts Tattoo-Kritisches von der TaWo zu lesen. Und siehe da, es kommt was. Zuverlässig wie die BVB.

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