Anwohner gegen Autobahn: Widerstand gegen den Ausbau der Osttangente

Seit sechs Jahren setzt sich der Verein «Ausbau Osttangente – so nicht!» gegen die Verbreiterung der A2 und für mehr Lärmschutz ein. Die Bewohner des nördlichen Wettstein-Quartiers wollen dabei nicht bloss auf den versprochenen Rheintunnel warten.

Neben der Osttangente befinden sich mehrere von der Verbreiterung bedrohte Wohnhäuser. Die zweite Gotthardröhre (Plakat) wird von vielen Mitgliedern des Verein «Ausbau Osttangente - so nicht!» keineswegs unterstützt.

(Bild: Michel Schultheiss)

Seit sechs Jahren setzt sich der Verein «Ausbau Osttangente – so nicht!» gegen die Verbreiterung der A2 und für mehr Lärmschutz ein. Die Bewohner des nördlichen Wettstein-Quartiers wollen dabei nicht bloss auf den versprochenen Rheintunnel warten.

Was es bedeutet, gleich neben endlosen Konvois ratternder Autos zu wohnen, weiss Bruno Keller zur Genüge. «Ein Aufenthalt im Garten ist nur am Wochenende möglich», sagt er. Unter der Woche machen ihm Lärm und Gestank der A2 wie auch der Eisenbahn zu schaffen. Seit 34 Jahren wohnt er an der Schwarzwaldallee – in einem Haus, das etwa ein halbes Jahrhundert vor der Osttangente erbaut wurde.

Vom Süden her betrachtet wirkt die Wohnlage schmuck, scheinen die Reihenhäuser gemütlich. Begibt man sich auf die andere Seite der Häuserzeile, präsentiert sich schlagartig ein anderes Bild: Die klotzige Osttangente bahnt sich dort seit 1973 ihren Weg durch die Stadt; gleich unter diesen mächtigen Brücken liegt die Schwarzwaldstrasse im Dunkeln. Als Keller ins nördliche Wettsteinquartier einzog, war dieser Autobahnabschnitt zwar schon gebaut. Seither spürt er aber die stetige Zunahme des Verkehrs.

Mehr Autobahn-Fahrspuren: Anwohner fürchten Verdrängung

Der Roche-Turm und andere Projekte des Pharmaunternehmens sind nicht die einzigen Themen, die im Wettstein-Quartier für Wirbel sorgen: Der «Wohnoase», wie sie hier kürzlich beschrieben wurde, macht auch ein befürchteter Ausbau von der anderen Seite her zu schaffen. Davon zeugt der von Bruno Keller präsidierte Verein «Ausbau Osttangente – so nicht!», der 2010 ins Leben gerufen wurde.

Anlass dafür war der Bundesbeschluss zur Beseitigung von Engpässen im Nationalstrassennetz: Darin wird der Ausbau der oberirdischen Osttangente um zwei Fahrspuren zwischen Gellertdreieck und Schwarzwaldtunnel angepeilt. Manche Anwohner befürchten, dass diesem Vorhaben mehrere Wohnhäuser zum Opfer fallen würden, und wollten mit der Vereinsgründung Gegensteuer geben.

Rheintunnel-Versprechen: Trotz Aufatmen noch Fragezeichen

Mittlerweile sieht die Sachlage etwas anders aus: Längerfristig soll sich das bekämpfte Ausbauvorhaben aufgrund des Mammutprojekts Rheintunnel erübrigen. Das wurde letztes Jahr vom Bundesamt für Strassen (Astra) und der Basler Regierung in einer Absichtserklärung bestätigt. Baubeginn wäre jedoch frühestens im Jahr 2025; zudem bestehen punkto Finanzierung des Milliardenvorhabens noch Unklarheiten.

«Somit ist wohl die oberirdische Verbreiterung der Osttangente vom Tisch», sagt Bruno Keller. Gleichzeitig möchte er sich aber noch nicht zu früh freuen: «Das ist noch nicht in Stein gemeisselt – die Gelder sind schliesslich noch nicht gesprochen.» Dennoch ist er nach mehreren Sitzungen mit der Astra und dem Vorsteher des Bau- und Verkehrsdepartements Hans-Peter Wessels zuversichtlich, dass die Regierung ihre Hausaufgaben erledigt. Zwar hoffte er einst auf eine vollständige unterirdische Osttangente, kann aber nachvollziehen, dass das aufgrund des fehlenden Platzes für die Ausfahrten im dicht besiedelten Gebiet nicht möglich ist. «Wir können mit diesem Kompromiss leben», sagt Keller.

 



Die besagte Häuserzeile von der Schwarzwaldallee aus betrachtet: Manche Anwohner können wegen der Rheintunnel-Zusicherung aufatmen, hoffen bis dann aber auf mehr Lärmschutz.

Die besagte Häuserzeile von der Schwarzwaldallee aus betrachtet: Manche Anwohner werden dereinst dank des Rheintunnels aufatmen können, hoffen bis dahin aber auf mehr Lärmschutz. (Bild: Michel Schultheiss)

Auch wenn der Tunnel längerfristig realisiert werden sollte, ist damit ein anderes wichtiges Anliegen des Vereins noch nicht erfüllt: Der verbesserte Lärmschutz, welcher auch in einer Petition gefordert wurde. «Wir können nicht bis ins Jahr 2035 vertröstet werden», betont Bruno Keller. Die Schwarzwaldallee, der Eisenbahnweg im Hirzbrunnen-Quartier sowie Teile des Breite- und Lehenmattquartiers seien besonders von den Immissionen betroffen. Laut Keller sei aber die lärmtechnische Sanierung, welche auch 2010 von einer Vertreterin des Amts für Umwelt und Energie (AUE) bestätigt wurde, beim Bund versandet.

Was das Wettstein-Quartier mit der Gotthardröhre verbindet

Der Verein «Ausbau Osttangente – so nicht!» zählt etwa 100 Mitglieder. Die meisten wohnen im Wettstein-, aber auch in Teilen des Hirzbrunnen-Quartiers, so etwa am Eisenbahnweg. Dabei arbeitet der Verein eng mit den Lärmgeplagten von der Grossbasler Seite zusammen, mit der «IG Osttangente» in der Breite. Die Methoden sind dabei altbewährt: So wird derzeit auf der Website zum Einsenden von Leserbriefen an die Printmedien aufgerufen.

Beim Verein ist aber nicht nur die Osttangente ein Thema: Das Thema Autobahnverkehr schlechthin ist kurz vor den Abstimmungen vom 28. Februar besonders brisant. Die Engagierten machen sich daher auch in ihren Leserbriefen für ein Nein zur zweiten Gotthardröhre stark. Was im Tessin und in Uri geschieht, hat in ihren Augen schliesslich auch Auswirkungen auf das Wettstein-Quartier: «Der Druck aus Europa wird einfach zu gross sein – eine zweite Röhre wird zu mehr Verkehr führen, auch bei uns», vermutet Bruno Keller.

Im Sandwich zwischen Osttangente und Roche

Ebenso wird die Idee einer Tramverbindung in der Grenzacher- und der Schwarzwaldstrasse abgelehnt. Es mag zunächst sonderbar anmuten, dass ein ÖV-Ausbau ebenfalls ins Visier einer Gruppe gerät, die primär die Zunahme des Autoverkehrs kritisiert. Bruno Keller kann das aber erklären: Durch den ganzen Roche-Ausbau sei das Quartier schon genug belastet. Ob Turm, Boulevard an der Grenzacherstrasse, Logistikgebäude an der Beuggenstrasse, Generalüberholung der Kantine und des Hallenbads oder Überlastung der Schwarzwaldstrasse – Keller zählt eine ganze Liste lärmintensiver Neuerungen im Zuge der Konzernexpansion auf.

Seiner Meinung nach würde ein solches Tram das Ganze nur noch steigern. Stattdessen plädiert er dafür, lieber das Vorhaben einer S-Bahn-Station Solitude zu forcieren statt eine neue Linie ins Quartier zu zwängen. «Wir haben eine zweite Eisenbahnbrücke, die aber nicht dafür genutzt wird – ein Schildbürgerstreich», meint Keller.

Das nördliche Wettstein-Quartier sieht sich in einer Art Sandwich-Situation: Auf der einen Seite die Neuerungen im Zuge der Roche-Bauten, auf der anderen Seite die Osttangente. Dennoch bereut er es keineswegs, an diesem Ort zu leben, welcher momentan von Baggern, Autobahn und Zügen umgeben ist. «Ich wohne trotz allem weiterhin gerne hier – der Abwehrkampf hat uns Anwohner zusammengeschweisst», sagt Bruno Keller.

Konversation

  1. Eine S-Bahnstation Solitude 2 Stationen neben der Endstation Bd.Bahnhof ist kaum Zielführend. Da ist Roche mit dem Tram zu beiden Bahnhöfen besser bedient, wenn die vielen Busse wegfallen.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
    1. Die alte Autobahn bleibt, die zusätzlichen Spuren sollen in einen Tunnel kommen. Für mich ein Unding, man sollte die Schwarzwaldbrücke wie die Dreirosenbrücke etagiert bauen und den Autobahnverkehr durch die Stadt ebenso. Ob die Strassen eine Etage über dem Boden oder darunter liegen, sollte ja für den Platzbedarf der Ausfahrten keine Rolle spielen.

      Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  2. Die Autobahn durch die Stadt zu bauen war nicht sehr geschickt. Die Variante via kraftwerksinsel über die Grünen Felder wären Nachhinein cleverer gewesen. Der Verkehr wird weiter zunehmen und eine tunnellösung Transit ohne Ausfahrten wäre mir auch lieber.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (4)

Nächster Artikel