Reiseführer durchs versteckte Basel, Teil 2

Das Schlangenweglein entstand unter abenteuerlichen Umständen. Die Beat Zeuggin-Passage ist auf keinem Stadtplan zu finden. Und um den winzigen Cedernweg gabs immer wieder Zank: Hier kommt der zweite Teil des Reiseführers durch Basels verborgene Trampelpfade.

Von Zedern ist hier schon lange keine Spur mehr. Dafür schmücken nun Stencils des Künstlers «Bustart» den zusammengeschrumpften Cedernweg.

(Bild: Michel Schultheiss)

Das Schlangenweglein entstand unter abenteuerlichen Umständen. Die Beat Zeuggin-Passage ist auf keinem Stadtplan zu finden. Und um den winzigen Cedernweg gabs immer wieder Zank: Hier kommt der zweite Teil des Reiseführers durch Basels verborgene Trampelpfade.

Basels versteckte Trampelpfade sind vielfältig. Im ersten Teil unserer Reise durch das versteckte Basel ging es durch die Altstadt. Nun wagen wir uns auf das Bruderholz, ins Rosental-Quartier und nach Kleinhüningnen.

Obschon die versteckten Gässlein dort längst nicht so schwer zu finden sind wie etwa das Gans- oder St. Andreasgässlein in der Altstadt, fallen sie aus dem Rahmen – sei es nun wegen ihres Namens, ihrer Lage oder Geschichte. Über manche dieser Gassen und Strässlein ist wenig bekannt. Andere wiederum erzählen ganze Geschichten. Wir präsentieren eine Auswahl.

Die Friedhofgasse

Sie ist ein Relikt aus den Zeiten, als Kleinhüningen noch ein Fischerdorf war. Wer in die Friedhofgasse einbiegt, taucht unerwartet in ein ganz anderes Basel ein: Hinterhöfe und verwunschene Gärten kommen dort zum Vorschein. Bei der Hausnummer 10 steht auch eines der ältesten bestehenden Fischerhäuser aus dem 18. Jahrhundert. Das Weglein führt an der Dorfkirche und dem Schulspielplatz vorbei und endet jäh bei den Hafengebäuden und Gleisen.




Einst führten die Leichenzüge hier vorbei. Heute ist die Friedhofgasse ein urchiges Relikt des einstigen Fischerdorfs Kleinhüningen. (Bild: Michel Schultheiss)

Der Name sagt es bereits: Einst führte die Gasse zum längst aufgehobenen Gottesacker Kleinhüningen. Der Gottesacker bei der Kirche wurde 1849 eröffnet. Der Volkskundler Paul Hugger vermutet jedoch, dass das Fischerdorf schon früher einen eigenen Friedhof besass.

Jedenfalls wurden die Bestattungen im kleinen Kirchhof mit der Zeit zu einem Problem: 1880 waren die Grabflächen proppenvoll, sodass der Leichengeruch unerträglich wurde. Daher wurde ein neues Grabfeld bei der Grenze beschlossen, das dann bis zur Eröffnung des Friedhof Hörnli im Jahr 1932 genutzt wurde.

Nun aber zurück zur Gasse, die noch immer an die einstigen Trauerzüge erinnert: Der enge Weg wäre in den 1950er-Jahren beinahe merklich verändert worden. Ein Anrainer wollte dort eine Garage bauen. Das stiess nicht gerade auf Begeisterung.

Eine in den Strassenakten des Staatsarchivs aufbewahrte Einsprache von Anwohnern wurde vom Baupolizei-Inspektor gutgeheissen. Die Nachbarn fanden es keine gute Idee, Autos durch die schmale Gasse zu zwängen – und damit die Kirchgänger oder andere Passanten zu gefährden.

Schlangen-, Igel und Eichhornweglein

Wann dort zuletzt eine Natter vorbeigekrochen ist, bleibt ein Geheimnis. Jedenfalls wurde die Promenade 1954 amtlich zum Schlangenweglein. Offensichtlich war es ursprünglich kein eigentlicher Weg, sondern eher eine Abkürzung durch das Waldstück.



Wo sich Anwohner einst zu nächtlicher Stunde fürchteten: Ursprünglich war das Schlangenweglein ein unbeleuchteter Trampelpfad auf dem damals noch wenig bebauten Bruderholz.

Wo sich Anwohner einst zu nächtlicher Stunde fürchteten: Ursprünglich war das Schlangenweglein ein unbeleuchteter Trampelpfad auf dem damals noch wenig bebauten Bruderholz. (Bild: Michel Schultheiss)

Die Bezeichnung «Schlangenwäldeli» war schon vor der Benennung geläufig, wie ein Gang ins Archiv zeigt: 1945 schrieb etwa ein Anwohner den Regierungsrat an. Er meinte, dass der Verbindungsweg vom «sogenannten Schlangenwäldeli» zwischen Thiersteinerrain und Sesselacker in einem «ausserordentlich schlechten Zustand sei».

Er fragte, ob man dort nicht Strassenlaternen anbringen könne. «Viele auf dem Bruderholz wohnende Leute, welche diese Abkürzung gerne benützen, scheuen sich nachts, diesen Waldweg zu begehen», erklärte er.

Das Elektrizitätswerk antwortete ihm, dass diesem Wunsch nur teilweise Folge geleistet werde. Es gebe dort kein Wegrecht – der Pfad sei «von Passanten getreten» worden. Nur am Ende des Waldstücks könne somit eine Lampe installiert werden.

Damals war es offenbar ein regelrechter Trampelpfad: Der Strassenmeister meldete etwa auch, dass sich dieser bei starkem Regen in ein regelrechtes Bachbett verwandelte.



Schlangen, Igel oder Eichhörnchen standen hier Pate: Aus dem einstigen Schleichweg durch ein Waldstück wurde eine Fussgängerpromenade mit tierischen Namen.

Schlangen, Igel oder Eichhörnchen standen hier Pate: Aus dem einstigen Schleichweg durch ein Waldstück wurde eine Fussgängerpromenade mit tierischen Namen. (Bild: Michel Schultheiss)

Obschon sich später ein weiterer Anwohner über den Laubfall und Schatten dieses kleinen Waldes ärgerte, bestand die Stadtgärtnerei darauf, ihn zu erhalten. 1951 beschloss der Regierungsrat, dort einen verkehrsfreien Schulweg zu schaffen. Die Christoph Merian Stiftung und ein Privateigentümer traten nach Verhandlungen mit dem Staat Parzellen für diese Fussgängerpromenade ab.

Somit wurde das «Schlangenweglein» offiziell. Bald bekam es Gesellschaft aus dem Tierreich: Von der Promenade führt das 1966 benannte Igelweglein zur Wohnüberbauung Sesselacker. Bereits seit 1904 gibt es auch eine Eichhornstrasse. Ein kleinerer Weg, der ebenfalls nach dem Nager benannt ist, stiess zeitgleich mit den Kriechtieren dazu – und somit steht auf einem der verbogenen und angerosteten Strassenschilder auch «Eichhornweglein» geschrieben.

Der Cedernweg

Heute schmücken Graffiti und Streetart-Werke von Bustart den etwas düsteren Stichweg. Von Kieferngewächsen ist hier aber nichts mehr zu sehen. Ob der Durchgang auch noch das Wort «Weg» verdient, kann bezweifelt werden.

Jedenfalls gabs früher einmal in der Nähe Zedern, zudem war die heute etwas heruntergekommene Passage auch noch ein richtiges Strässlein. Es führte bis zum einstigen Riehenteich. Heute ist vom Cedernweg nur noch ein mickriger Durchgang zwischen der Riehen- und Rosentalstrasse übrig.



Immer wieder gab's Zoff beim Cedernweg: Anwohner kämpften mehrmals für die Beibehaltung dieser Abkürzung zwischen Rosental- und Riehenstrasse.

Immer wieder gab’s Zoff beim Cedernweg: Anwohner kämpften mehrmals für die Beibehaltung dieser Abkürzung zwischen Rosental- und Riehenstrasse. (Bild: Michel Schultheiss)

Laut Basler Namenbuch war es der Regierungsrat Rudolf Falkner, der 1878 den Vorschlag Cedernweg ins Spiel brachte. Dabei dienten die Bäume bei der Villa Zedern-Hof, die bis 1904 beim heutigen Sandgruben-Schulhaus stand, als Inspiration für den Strassennamen.

Später wurde der Cedernweg tüchtig zusammengestutzt. Wie aus einem Schreiben des Regierungsrats von 1897 hervorgeht, wurde ein Teil davon an die Firma Joseph Schetty Söhne verkauft, die beim Riehenteich ein Dampfkesselhaus mit Kaminanlage bauen wollte.

In der Folge sorgten die Überreste des Cedernwegs immer wieder für Ärger. Anwohner verteidigten diese Einfahrt mehrmals gegen Bauprojekte. 1928 drohten die Behörden etwa einem Parzellenbesitzer, der in diesem Durchgang einen Holzschopf baute. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte zudem die Bäckerei Zoller einen Öltank bei diesem Servitutsweg einbauen. Die Nachbarn sahen darin eine Beeinträchtigung des Wegrechts; zudem fürchtete das Hotel Royal um seine Garageneinfahrt.

Als in den Vierzigerjahren die Wohngenossenschaft Eiche eine neue Überbauung plante, gingen die Anwohner erneut für ihren kleinen Cedernweg auf die Barrikaden. Im Einverständnis mit dem Baudepartement planten die Bauherren eine Durchfahrt, damit die Gasse auch weiterhin begangen werden kann – was auch heute noch so ist.

Die Beat Zeuggin-Passage

Normalerweise sind Strassennamen auschliesslich verstorbenen Persönlichkeiten gewidmet. Eine grosse Ausnahme gibt es aber: Beat Zeuggin ist wohl der Einzige, der zu Lebzeiten auf eine nach ihm benannte «Gasse» verweisen kann. Hier von einem Gässlein zu sprechen, ist allerdings übertrieben eigentlich ist es eine Zufahrt zur Feuerwehr in der Spalenvorstadt 11.




Wenn jahrelanger Einsatz mit einem (wenn auch inoffiziellen) Gassennamen belohnt wird: Beat Zeuggin erhielt zur Pensionierung ein besonderes Geschenk. (Bild: Michel Schultheiss)

Bei der Beat Zeuggin-Passage handelt sich um einen Namen, der nicht von der Nomenklaturkommission festgelegt wurde. Weitere Beispiele für «wilde» Strassenschilder sind etwa Theobald Baerwarts Gässli, das Pfefferplätzchen und die Mysligasse beim Rappoltshof.

Das inoffizielle Strassenschild bei der Spalenvorstadt wurde 2010 als Dankeschön aufgehängt: «Die Arbeitskollegen haben mir das zur Pensionierung geschenkt – darüber hab ich mich riesig gefreut», sagt Beat Zeuggin auf Anfrage der TagesWoche.

Dass sein Name nun die Feuerwehreinfahrt ziert, war eine Geste der Ehrerbietung für den 35-jährigen Einsatz im Zeichen von St. Florian. Beat Zeuggin kümmerte sich dort nämlich um die Öffentlichkeitsarbeit. Der Zeichner und Metallhandwerker ist aber nicht nur in diesem Zusammenhang bekannt: Er hat etwa auch den neuen Kopf des Vogel Gryff sowie eine Lampe des Ehrenzeichens gestaltet.

Johann Jakob Spreng-Gässlein

Es gibt nur wenige Durchgänge mit allgemeinem Wegrecht in Basel, die zu nächtlicher Stunde geschlossen werden können. Zu diesen Ausnahmen gehören das bereits vorgestellte Ueli-Gässli sowie ein Abschnitt der Sarnerstrasse beim Helvetiaplatz.

Ein wesentlich längeres Exemplar ist das Johann Jakob Spreng-Gässlein. An der Feldbergstrasse zwängt es sich als schummrige Passage zwischen zwei Läden hindurch und durchquert einen Innenhof mit einem kleinen «Spielplatz ohne Tiere» (wie auf einem Schild zu lesen ist). Schliesslich mündet es via einen zweiten kleinen Tunnel in die Leuengasse.




Ein Gässlein, das es zwar schon seit 1903 gibt, doch während achtzig Jahren unbenannt blieb. Heute ist Johann Jakob Spreng zwischen Feldbergstrasse und Leuengasse verewigt. (Bild: Michel Schultheiss)

Auch wenn es nur ein unscheinbares Gässlein ist: Ihm ist im Staatsarchiv ein ganzes Dossier gewidmet. Die Entstehungsgeschichte des Durchgangs war nämlich keine einfache Angelegenheit. Alles begann 1896 mit einer Bittschrift des «freisinnig-demokratischen Horburg-Quartiervereins» an den Regierungsrat. Sie forderte eine Verbindungsstrasse.

Damals wollte auch ein Herr Ehrler einen Teil der dortigen Thüringschen Liegenschaft erwerben. Daraufhin trat das Baudepartement in Verhandlungen mit Ehrler: Nach mehrjährigem Hin und Her einigten sie sich auf einen drei Meter breiten Verbindungsweg.

Ursprünglich wurde ein befahrbarer Weg gefordert. Aufgrund der Höhenunterschiede zwischen den beiden Strassen wurde das aber abgelehnt. Herrn Ehler wurde ein Abschnitt von 508 Quadratmetern verkauft, im Gegenzug verpflichtete er sich, einen öffentlichen Durchgang zu garantieren.

1903 war die Gasse schliesslich fertig. Während 80 Jahren blieb sie jedoch namenlos – beim Baudepartement sprach man zunächst noch von einer Fortsetzung der Bärenfelserstasse. Benannt wurde der Durchgang erst 1983. Dabei bot sich die Gelegenheit, eine etwas in Vergessenheit geratene Persönlichkeit zu ehren: den Theologen, Dichter und Sprachforscher Johann Jakob Spreng (1699–1768).

Gleich in mehrerer Hinsicht trug er viel zur Lokalkultur bei: Er verfasste ein Baseldeutsch-Wörterbuch, amtete als Pfarrer des Waisenhaus und brach eine Lanze für die Beibehaltung des Vogel Gryff.

Das Castellio-Weglein

Hinter den vornehmen Altstadthäusern der St. Alban-Vorstadt zweigt ein Durchgang zu einem Hinterhof ab. Gleich beim Sammlerbrunnen, der auch als «König Davids-Brunnen» bekannt ist, tut sich ein kleines Tor zum Castellio-Weglein auf.

Zunächst trifft man dort auf eine – in diesem Quartier eher untypische – Graffitiwand. Das eigentliche Weglein, welches sich Mühleberg hinunter zum St. Alban-Kirchrain schlängelt, ist seit 1982 benannt.




Die Nähe zur Papiermühle ist das Einzige, was den Standort des Wegleins mit seinem Namensgeber verbindet. Immerhin wurde Castellio letztes Jahr am Fusse der Treppe mit einer Gedenktafel geehrt. (Bild: Michel Schultheiss)

Es ist eine bescheidene Ehrerbietung an den französischen Humanisten und Theologen Sébastien Châtillon alias Sebastian Castellio (1515–1563). In Leserbriefen wurde schon darüber geklagt, dass man dem Wahlbasler kein würdigeres Denkmal gab als das unscheinbare Weglein. Immerhin wurde letztes Jahr gleich unter der Treppe eine Gedenktafel eingeweiht. Somit besteht zumindest eine kleine Chance, dass Castellio posthum doch noch besser zur Geltung kommt. 

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