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  • Vom Eigenleben der Dinge und ihrer Erkennbarkeit

    Wer hätte das gedacht, dass der spekulative Realismus gleich einen Streit über die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Forschung auslösen würde. Ich will den auch gar nicht abwürgen. Aber vielleicht lässt sich das eine Thema (Korrelationismus ja oder nein und wenn ja wieviel) mit dem anderen (die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Spekulation) verbinden. Zum Beispiel wenn ich mich auf Ridvans Beantwortung meiner Frage konzentriere, wonach Brassier durchaus überzeugt ist, dass die Wissenschaft dem Korrelationismus entkommt. Das lässt sich mit Philipps einsichtigem Kommentar zum Egoismus des Korrelationsmus’ verbinden, wenn man die beiden Hauptaspekte des spekulativen Realismus aufeinander bezieht: 1. Die Überwindung des Anthropozentrismus, indem der Fokus auf den Menschen (also der menschliche Egoismus) entfällt. 2. Die Überwindung des erkenntnistheoretischen Relativismus, indem dem Menschen direkter, unverfälschter Zugang zum Sein versprochen wird. Zusammengenommen heisst dies: Der Mensch ist zwar nicht mehr privilegiert als Gegenstand der Erkenntnis und Bezugspunkt der Ethik, gewinnt dafür aber jenseits des Korrelationsmus erkenntnistheoretische Verlässlichkeit zurück. Eigentlich ein guter Deal für das geplagte postmoderne Subjekt. Der Mensch steht zwar nicht mehr im Zentrum, dafür aber um so sicherer; hinter der neuen Bescheidenheit gegenüber der Welt versteckt sich eine neue Selbstgewissheit. Aus dieser Perspektive drängt sich dann natürlich auch die Frage nach dem Politischen im Philosophischen auf. Bringt der spekulative Realismus, wenn er die Idee objektiver Erkenntnis restauriert (und dies tut Brassier), letztlich auch die Restaurierung universeller Wahrheitsaussagen mit sich?

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  • X Media Lab in Basel: Euphorie 2.0, Kritik 1.0

    Spannend die Auskunft über die wissenschaftlich-theoretische Analyse der Spielregeln mit dem Effekt, der Produktion künstlerisch wertvoller Video Game-Ideen. Wie soll man sich das vorstellen? Und wieviel Studium der Medienwissenschaft steckt da drin?

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  • What would Batman do?

    Spannend die These, dass die Faszination für Superhelden auf den Verlust der narzisstischen Kränkung des Menschen reagiert, die Kopernikus, Nietzsche, Freud mit sich brachten, und dann auch Lyotard, der uns sogar den Glauben an unsere gesellschaftlichen Legitimationserzählungen nahm. Die Frage ist sehr berechtigt: „Woran soll man also glauben (unter der Bedingung, dass jedes Individuum Halt im Leben sucht)?“ Die Antwort, dass Superhelden in die Bresche springen, klingt plausibel. Allerdings sollte man den Übersetzungsfehler der Amerikaner (Superman = Übermensch) nicht mitmachen, um nicht die nationalsozialistische Fehlinterpretation dieses Begriffs zu wiederholen. Denn Nietzsches Übermensch ist weniger ein Held der Aktion als des Leidens und der Einsicht. Manuel sagt es im Grunde: „nur wenige (man könnte sagen: Superhelden oder Übermenschen in Nietzsches Sinne)“ halten diese Situation der Glaubenslosigkeit aus. Und genau dies meint der italienische Philosoph Gianni Vattimo, wenn er schreibt: „Auf das Problematische und Chaotische der spätmodernen Welt mit einer Rückkehr zu Gott als dem metaphysischen Fundament zu reagieren bedeutet, um mit Nietzsche zu reden, sich der Herausforderung des Übermenschentums nicht zu stellen.“ Die Frage ist nun: Wofür steht Batman in dieser Konstellation? Übernimmt er die Rolle Gottes als Projektionsfigur, von der wir Erlösung erhoffen? Wäre dann aber der Glaube an Superman nicht gerade die Verfehlung des Übermenschen, der keine Rettung von niemand erwartet und dies, als Übermensch, erträgt? Soweit geht der Film nicht, weil sein Thema eben nicht der Übermensch ist, sondern Superman. Und so gibt es zwar Gefahr, aber in der Gefahr auch das Rettende. Das übliche Hollywood happy end mit den üblichen Problematisierungsklischees: positiver Charakter erweist sich als evil; die coole Egoistin entkommt nicht dem solidarischen Impuls; der Held scheint zu unterliegen, gewinnt aber doch (und stirbt tragisch schön). Einziger Lichtblick: die Ambivalenz Banes, der in seiner plausibilisierten Bosheit als Sprecher der 99 Prozent auftritt und, als maskierter Robespierre, die Tribunale der Französischen Revolution aufruft. Am Ende aber, das ist der Konservatismus solcher Filme, Wiederherstellung der Ordnung. Wiederkehr des Gleichen.

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  • Plädoyer für die Pornografie

    @ “wackelnde Bettdecke bei Youporn“ und „Flut pornografischer/sexualisierter Bilder“ Es heisst, Facebook zensiere Bilder von stillenden Müttern, die zuviel Brust zeigen. Zumindest ist bekannt, dass der Apple Store keine Sex-Apps zulässt, nicht einmal als Witz. So wies Apple die BILD-App „Girl zum Schütteln“ (ein Striptease per Handy-Rütteln) ab, woraufhin sich BILD an den Zeitungsverlegerverband wandte und zum Kampf für die Pressefreiheit aufrief. Was soll man von dieser Politik der neuen Global Player in Ökonomie und Kultur halten? Beifall klatschen, dass sie der nervenden Versexualisierung des Alltags mit dem Entscheidungsmonopol ihrer Technologie entgegentreten? Oder soll man (weil Apple und Facebook ihre Produkte ja vor allem deswegen jugendfrei halten, weil sie die Minderjährigen nicht als Kunden verlieren wollen) im Sexuellen/Pornografischen einen nötigen Protest gegen das radikale Konsummodell sehen und mit BILD auf die Strasse gehen?

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  • Plädoyer für die Pornografie

    Erinnert sich noch jemand an Jennifer Ringley, die 1996 als 19jährige begann, per Webcam Bilder nonstop und unzensiert aus allen Räumen ihres Apartments und zu allen erdenkbaren Situationen (einschließlich Geschlechtsverkehr und Masturbation) ins Netz zu laden? Oder Josh Harris’ Projekt “Quiet: We Live in Public” von 1999, das 100 Leute in einem Keller unter permanenter Kameraüberwachung zusammenleben ließ, was natürlich auch viel sexuelles Material produzierte. Das galt damals als Subkultur und Avantgarde. Weswegen Jennifer schliesslich in die Late Show von David Letterman kam. Der allerdings ihren Domainnamen falsch angab: jennycam.net statt jenicam.org. Was sich wiederum die Pornoindustrie nicht entgehen liess: Unter der bis zu diesem Versprecher unbesetzten URL jennicam.net fanden Besucher daraufhin (und noch heute) ein pornographisches Angebot mit den Begrüßungsworten „Thanks Dave“. Erstaunlich wie sich in der Geschichte die Wege der Pornografie und Subkultur immer wieder kreuzen.

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  • Kultur des Kopierens = Kultur der Freiheit

    Die Quintessenz von von Gehlens Buch scheint mir zu sein, dass das Kopieren eine „existentielle menschliche Praxis“ ist und dass wir erst recht, wenn die Technologie es so einfach macht, „nicht nicht kopieren“ können. Hinter dem psychologisch plausiblen Befund steht das politische Konzept der Wissensallmende, bekannt unter dem ethnologischen Begriff der Geschenkökonomie, das schon 1999 von Richard Barbrook auf der Mailingliste Nettime.org als „Cybercommunism“ propagiert wurde (http://www.nettime.org/Lists-Archives/nettime-l-9909/msg00046.html): Ein Naturalhandel der Bits, bei dem jeder gibt nach seinen Fähigkeiten und nimmt nach seinen Bedürfnissen. Der Glaube, dass der Kapitalismus durch unentgeltlichen Informations-Konsumismus kommunistisch gewendet werden könnte, blieb natürlich schon damals nicht ohne ironischen Einspruch (http://www.nettime.org/Lists-Archives/nettime-l-9910/msg00017.html). Interessant 13 Jahre danach ist die moralische Demontage dieser kommunistischen Utopie in pragmatischer Hinsicht. Die Kopisten werden kriminalisiert, wie der Artikel notiert. Was natürlich irgendwie absurd ist, da jeder Downloaddieb zugleich auch ein Fan (des Bestohlenen) ist. Zugleich kommt es, als Reaktion auf diesen „Raubkommunismus“, zu einer Verbürgerlichung der Künstler, die ja eigentlich, einem romanischen Begriff von Kunst zufolge, der anarchistische Stachel in einer Gesellschaft sein sollten, nun aber in staatlichen Institutionen wie der GEMA Schutz vor den Raubkopierern suchen (vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/urheberrecht/zu-besuch-bei-der-gxema-wir-das-gute-monopol-11800125.html). Wo liegt die Lösung? Einen Paradigmenwechsel in der Debatte versprechen Joost Smiers und Marieke van Schijndel in ihrem Buch „No Copyright. Vom Machtkampf der Kulturkonzerne um das Urheberrecht“ (2012) (http://digitaleverwerfung.spex.de/2012/06/24/fur-krypto-copyright-und-schamgefuhle-„no-copyright“-erscheint-auf-deutsch). Der Ausgangspunkt ist auch hier, dass alles Wissen und alle Kultur der Menschheit allen Menschen frei zugänglich sein muss (so übrigens auch im Parteiprogramm der Piraten: http://wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm#Urheberrecht_und_nicht-kommerzielle_Vervielf.C3.A4ltigung). Das sind große Worte, denen man kaum widersprechen kann. Aber was ist eigentlich mit Wissen und Kultur der Menschheit gemeint? Man tut immer so, als gehe es um den freien Zugang zu den Weisheiten dieser Welt, damit der „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gelingt, zu dem Immanuel Kant in seinem Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ einst den Menschen verpflichtete. Ich wette, Kant und viele seiner Gesinnungsgenossen würden sich im Grabe umdrehen, wüssten sie, was heute im Disput um das freie Kopierrecht das eigentliche Objekt der Begierde ist. Hätten sie nicht vieles, für dessen freien Download nun die Piraten und andere eintreten, ohnehin mit dem Schlagwort Zerstreuung und Leseseuche am liebsten verboten?

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  • Sokrates vs. Carr: „Is Google making us stupid?“

    Schöner Nachtrag zum Power Browsing von Time-Kolumnist Ben Macintyre in der FAZ: „Vom Denkmodell der Igel und der Füchse“: Die Igel sehen die Welt durch das Prisma einer einzigen übergeordneten Idee, während die Füchse hin und her flitzen und sich von der größtmöglichen Vielfalt an Erfahrungen und Quellen inspirieren lassen. Durch das Internet sind wir alle zu Füchsen geworden: „Wir surfen durch Gedanken und Anregungen und plündern sie, nehmen auf, was uns gefällt, lassen alles andere links liegen, speichern, verlinken, erjagen und sammeln Informationen, Unterhaltung und unser Sozialleben.“ Die Frage ist, ob wir noch im Interesse einer (übergeordneten) Idee sammeln und plündern oder ziellos mit den Daten jonglieren, wie Carr beklagt. Macintyres Pointe liegt in der politischen Aufwertung gerade des Beklagten: „Diese Art zu denken bedroht Ideologien unmittelbar. Denn in seiner äußersten Zuspitzung ist das Igeldenken wohl tatsächlich totalitär und fundamentalistisch“. Wäre dies der tiefere Sinn des oberflächlichen Denkens? Hyper-Attention als Antitotalitarismusmittel? Ist die Not also nichts anderes als eine Tugend? http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitales-denken/wie-das-internet-unser-denken-veraendert-im-einbaum-durchs-internet-1907830.html

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  • Requiem für die Demokratie

    Elias Blochs Hinweis auf den Artikel von Habermas sei auch noch aufgegriffen. Die wichtigste Frage darin für mich: „Darf die Presse unter dem Vorwand von ‚Qualität’ die Wahlfreiheit ihrer Leser beschneiden? Darf sie ihnen spröde Berichte statt Infotainment aufdrängen, sachliche Kommentare und umständliche Argumente statt entgegenkommender Inszenierungen von Ereignissen oder Personen zumuten?“ Habermas’ Antwort lautet jeweils: Ja. Denn „ohne die Impulse einer meinungsbildenden Presse, die zuverlässig informiert und sorgfältig kommentiert“, ohne den „Lernprozess mit unbestimmtem Ausgang“, den Habermas in der traditionellen Zeitungslektüre (und zwar der „Qualitätspresse“!) sieht, funktioniert auch nicht mehr sein diskursethisches Modell des kompetenten Meinungsstreits bis zum Sieg des besseren Arguments. Dieses Ja zu einer von „oben“ gelenkten, von Experten verantworteten Informationspolitik ist zugleich das Nein zur Ich-Schleife und zur Zerfaserung der Öffentlichkeit im Internet. Habermas sagt es in einem späteren Essay noch deutlicher: Die Meinungsbildung in der herkömmlichen Mediengesellschaft wird zwar von Meinungseliten gesteuert (Journalisten, Politiker, Intellektuelle, Moralunternehmer), ist aber soweit nach unten zur Zivilgesellschaft offen, dass die veröffentlichte Meinung zum einen immer rückgekoppelt und korrigiert wird, zum anderen in der Zivilgesellschaft für die Ausbildung einer reflektierten öffentlichen Meinung sorgt. Die asymetrische Massenkommunikation diene dem Modell der deliberativen Demokratie somit mehr als die basisdemokratische Kommunikation online, die das zentrierte Massenpublikum fragmentiere in eine „riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen“. („Hat die Demokratie noch eine epistemische Dimension? Empirische Forschung und normative Theorie“; www.gesis.org/fileadmin/upload/ dienstleistung/fachinformationen/servicepublikationen/sofid/Gesamtdateien/ Politische_Soziologie/Politik_08-02_GD_01.pdf) Habermas betrachtet die aktuelle Entwicklung offenbart viel kritischer als manche Netz-Euphoriker, die vorschnell eine Weiterführung des Strukturwandels der Öffentlichkeit annoncieren (wie ihn Habermas einst für Aufklärung und Leserevolution um 1800 beschrieb) und suggerieren, die Dinge entwickelten sich heute ganz in Habermas’ Sinne. Tun sie aber keineswegs. Obwohl es immer mehr nach dem Wunsch der Mehrheit und des Einzelnen geht. Aber da liegt vielleicht das eigentliche Problem: Dass die Demokratie an bestimmten Stellen vor sich selbst geschützt werden muss.

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  • Requiem für die Demokratie

    FSimons Überlegungen zum Zusammenhang von Bubbles und Sicherheit und Manuel Thomas’ Radikalisierung des Gedankens zum postmodernen Dilemma der metaphysischen Heimatlosigkeit verweisen auf die psychologischen Gründe des Info-Customizings und erinnern mich an eine Perspektive von Vilém Flusser, die unter Medienwissenschaftlern eher selten gekannt ist: „Die Gewohnheit ist eine Wattedecke. Sie [...] verhütet, dass Informationen wie Ecken oder Geräusche wahrgenommen werden. Weil die Gewohnheit Wahrnehmungen abschirmt, weil sie anästhetisiert, wird sie als angenehm empfunden. Als gemütlich. Die Gewohnheit macht alle hübsch ruhig. Jede gewohnte Umgebung ist hübsch, und diese Hübschheit ist eine Quelle der Vaterlandsliebe. (Welche allerdings Hübschheit mit Schönheit verwechselt.) Wird die Wattedecke der Gewohnheit weggezogen, dann entdeckt man. Alles wird dann ungewöhnlich, monströs, im wahren Sinne des Wortes 'ent-setzlich'“ (Flusser: Von der Freiheit des Migranten. Einsprüche gegen den Nationalismus, Bollman-Verlag 1994, S. 105) Der Migrant par excellence Flusser sah in der Heimat nur eine „Mystifikation von Gewohnheiten“, eine „Sakralisation des Banalen“ und erhob es zur Aufgabe des Menschen, Wohnung zu beziehen in der Heimatlosigkeit, sich auszusetzen dem Geräusch: „Die Heimat des Heimatlosen ist der andere“ (ebd., S. 8). Ein sehr postmoderner Gedanke, der aufs Leben in der Differenz aus ist, anders gesagt: Offenheit für das Verschiedene fordert. Die „Ich-Schleife“ der Filter-Bubble aber betupft die Wunden der Heimatlosen mit der Wattedecke des Gewohnten. So lebt der Nationalismus paradoxerweise weiter selbst bzw. gerade in den Medien der globalen Vernetzung: nicht als Inhalt bestimmter Websites (das natürlich auch), sondern als Botschaft des Mediums. Er ist das Ergebnis von Algorithmen, die (ganz gleich, um welche Inhalte es sich handelt) auf Ähnlichkeiten aus sind.

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  • Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit

    Ja, und weil andererseits unser Handeln sich immer mehr im Internet vollzieht bzw. präsentiert, stellt sich die Frage nach der Vergebung. Können wir noch darauf bauen, dass eine Äußerung oder Aktion, auf die wir später nicht mehr stolz sind, sich mit der Zeit verliert? Welche Konsequenzen hat dieses Nicht-Vergessen für das menschliche Miteinander? Niemand entkommt mehr seinen Jugendsünden, weswegen der einstige Google-CEO Eric Schmidt 2010 mal dahin sagte, in Zukunft solle jeder junge Mensch das Recht haben, mit Volljährigkeit seinen Namen zu wechseln, damit ihm seine Jugendsünden nicht mehr anhängen. Auch Politiker haben schon ein Verfallsdatum für Social Network-Daten vorgeschlagen. Was sie meinen, zeigt das Beispiel, mit dem Mayer-Schönberger sein Buch beginnt: Eine Lehrer-Studentin, die ein Foto von sich mit dem Titel „drunken pirate“ im Netz veröffentlichte. Eigentlich harmlos, denn sie sieht gar nicht betrunken aus auf dem Foto. Sie hat den Studienabschluss aber trotzdem nicht bekommen. Weil man solche Leute nicht auf Schüler loslassen könne. Da half auch die Klage vor dem Bundesgericht nicht. Und was, wenn sie wirklich betrunken gewesen wäre?! Die Frage des Nichtvergessens wird damit zu einer moralischen Frage: Das Mega-Archiv WWW ändert das kulturelle Verhalten in der Gegenwart. Anders gefragt: Wird man nicht schon das gemeinsame Trinken vermeiden, wenn man nicht kontrollieren kann, wer welche Bilder ins Netz stellt und wer sie später aufsucht? (Denn man muss die Bilder ja gar nicht, wie jene Studentin, selbst ins Netz stellen. Oder den eigenen Namen taggen. Das erledigt schon andere oder die Bilderkennungssoftware.) Erzwingt der nachträgliche Panoptismus, der alles Geschehene allen sichtbar macht, also vorauseilenden Gehorsam? Die Gegenperspektive wäre, dass jedes Bier-Party-Foto online gestellt eine Trotzhandlung ist gegen alle künftige Arbeitgeber. Betrunkene Piraten als Kulturrevolution?

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